Mutter stillt ihr Baby im Strassencafé

Lasst euch nicht unterkriegen, ihr stillenden Mütter!

Von Corinne Keller. Basler Zeitung, 20.08.2014

Liebe Tamara Wernli

Mein Mann hat bei Telebasel gearbeitet und zu Hause mehrfach erzählt, dass Sie viel schlauer seien, als Sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Doch der Blödsinn, den Sie unlängst zum Thema Kinderstillen niedergeschrieben haben («Stillen in der Öffentlichkeit», BaZ 15. 8. 2014), darf nicht unwidersprochen bleiben. Wussten Sie, dass Ihretwegen auf Facebook Vorbereitungen laufen, um vor der BaZ-Redaktion am Aeschenplatz einen Still-Flash-mob zu organisieren?

Kurz zu mir: Ich passe genau in das von Ihnen gezeichnete Feindbild. In Ihren Augen war ich mit Sicherheit eine «Kampfstillende» (die Kinder ernähren sich mittlerweile nicht mehr von meinen Körperflüssigkeiten, um es in Ihren Worten zu beschreiben). Es gibt kaum einen Ort in der Region Basel, an dem ich nicht gestillt habe. Die von Ihnen erwähnte Parkbank, über die Sie sich als Fütterungsort von Babys entsetzt haben, war der mit Abstand Unspektakulärste.

Kinder überall gestillt

Meine Kinder wurden am Rheinufer, auf dem Münsterplatz, am Flughafen, im Flugzeug (während des Starts und der Landung – was übrigens zum Druckausgleich verhilft), in der Eisenbahn (2. Klasse) und selbstverständlich im Auto (im Verkehrsstau) gestillt. Sogar an meiner kirchlichen Hochzeit schreckte ich nicht davor zurück – ich hoffe, Sie kommen darüber hinweg – meinem sechs Wochen jungen Sohn jene Nahrung zuzugestehen, nach der er verlangte. Die Flucht ergriffen hat deswegen keiner der Gäste.

Und ich hätte meine Kinder auch an anderen Orten gestillt, wenn es die Situation erfordert hätte: Bei der Tramhaltestelle, im Einkaufscenter, auf dem Friedhof. Probleme gab es bisher nur einmal, und noch heute ärgere ich mich darüber: Im Edelrestaurant im stockkonservativen Graubünden (oder war es bloss die Kellnerin?). Das Lokal war an diesem Abend menschenleer – und selbstverständlich hätte ich den Akt des Stillens hinter einem Tuch versteckt. Doch so weit kam ich gar nicht: Alleine das Andeuten mütterlicher Nahrungsvermittlung genügte, um mich freundlich, aber bestimmt des Saales zu verweisen. Während ich also wie eine Ausgestossene im Nebenraum (nicht auf dem WC, wie Sie es vorgeschlagen haben) meinen Sohn fütterte (mein Mann liess mich im Stich, hat sich in der Zwischenzeit aber für seine Passivität entschuldigt), wurde mir der teure Hauptgang serviert. So ass ich an diesem Abend ein kaltes Lammfilet an einer kalten Sauce mit kalten Beilagen.

Abpumpen ist eine schlechte Alternative

Sie werfen den stillenden Müttern vor, der Öffentlichkeit die Brüste regelrecht ins Gesicht zu drücken. Um eine Oben-ohne-Show ging es mir nie. Das wäre mir peinlich. Und ich bin überzeugt, dass ich damit für alle Mütter spreche. Die Mamis zielen auch nicht darauf ab, ihr Glück, wie Sie es ihnen unterstellen, der ganzen Welt vorzudemonstrieren. Nein, die Handlungsmotive sind ganz andere: Es geht darum, dass sich die Menschen rundherum möglichst nicht durch das Baby gestört fühlen, man also kein schreiendes, zappelndes Baby im Arm hält, sondern ein ruhiges, zufriedenes, sattes Kind. Und man als übernächtigte Mutter endlich auch mal etwas essen, einen Kaffee trinken oder in aller Ruhe ein Gespräch führen kann.

Sie fordern die Mütter dazu auf, mit ihren gestillten Kindern zu Hause zu bleiben. Da muss ich einen Gegenappell starten: Raus mit euch stillenden Müttern in die Öffentlichkeit! Mit einem so kleinen Baby kann man, wenn man Glück hat, noch problemlos Freunde treffen oder in einem Park ausspannen. Mit Kleinkindern wird dasselbe Unterfangen deutlich schwieriger. Geniesst die Zeit, die noch unkompliziert ist, ohne Breimahlzeiten, ohne die tausend Dinge, an die man denken muss, ohne die Schweinerei, die euer Kind dann hinterlassen wird. Alles Dinge, die einen manchmal dazu verleiten, das Haus erst gar nicht zu verlassen.

Zu Ihrem wunderbaren Tipp, abpumpen sei einfach und Fläschchen prima, muss ich wohl keine Stellung nehmen. Wer selbst keine Kinder hat, weiss immer am besten, wie man sie zu erziehen hat. Falls Sie mal Mami werden, wünsche ich Ihnen viel Spass bei der Umsetzung Ihrer Vorschläge. Nach dem angenehmen Abpumpen müssen sie nämlich die Muttermilch unterwegs kühlen und dann, wenn danach verlangt wird, wieder aufwärmen. Im Park. Und unterdessen stehen Ihre Brüste kurz vor dem Platzen und Sie wären Ihrem Baby dankbar, wenn es Ihnen die Milch abtrinken würde – aber das kommt ja nicht infrage, denn es könnte Ihnen ja jemand dabei zusehen. Vor allem beim zweiten Kind stelle ich mir das unglaublich praktisch vor. Dann haben Sie bestimmt sehr viel Langeweile und sind froh, sich die Zeit wie eine Milchkuh mit Abpumpen zu vertreiben…

Frauen gegen Frauen

Was mich allerdings überhaupt nicht wundert, ist, dass eine Kolumne gegen Stillende im öffentlichen Raum von einer Frau stammt. Denn den Männern ist es egal, wenn eine Frau am Tisch nebenan ihr Kind stillt. Sie merken es nicht mal. Es sind die Frauen, die sich gegenseitig hämisch anstarren. Es sind die Frauen, die über die Kleider der anderen meckern. Leider sind es auch die Frauen, die darüber schimpfen, ob eine Mutter ihr Kind immer noch stillt oder ob sie es eben gar nicht stillt (beides ist falsch, man kann es niemandem recht machen). Es sind die Frauen, die Mütter verurteilen, welche hochprozentig arbeiten, und es sind dieselben Frauen, die über jene Mütter lästern, die sich vollumfänglich der Kinderbetreuung widmen.
Deshalb, ihr stillenden Mütter, ihr fläschchengebenden Mütter, ihr Frauen ohne Kinder und ihr Frauen mit Kindern, lasst einander doch einfach in Ruhe, interessiert euch doch gar nicht so dafür, was die Fremde nebenan tut. Es geht euch nämlich nichts an. Handelt einfach für euch selber so, wie ihr das für richtig hält. Und liebe Mütter, folgt eurem Mutterinstinkt und keinen Ratschlägen von Besserwissenden, keinen «Erziehungskonzepten» und schon gar keinen Kolumnistinnen.

(Quelle: Basler Zeitung)

Corinne Keller ist zweifache Mutter und gelernte Kinderkrankenschwester. Sie ist verheiratet mit einem BaZ-Journalisten und lebt in Binningen.

Letzte Aktualisierung : 03-05-16,