Frau beim Arzt

Rolf Stürm ist Mediziner und Strahlenschutzsachverständiger. Er bildet sowohl Ärzte im Strahlenschutz beim Umgang mit Röntgengeräten wie auch Laborpersonal beim Umgang mit offenen radioaktiven Stoffen aus. Fragen zum Schutz schwangerer Frauen vor ionisierenden Strahlen werden ihm oft gestellt.

Wie gefährlich sind ionisierende Strahlen während der Schwangerschaft?

swissmom: Was sind ionisierende Strahlen?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Ionisierende Strahlen sind Strahlen, die so viel Energie besitzen, dass sie im bestrahlten Material ganz spezielle Veränderungen, eben Ionisationen, auslösen, die zu biologischen Schäden führen können. Zu diesen biologischen Schäden gehören einerseits Krebsleiden und Erbschäden und andererseits Fehlbildungen des ungeborenen Kindes während der Schwangerschaft. Röntgenstrahlen, die in der Medizin für die Diagnostik eingesetzt werden, und Strahlung, die von radioaktivem Material ausgesandt werden, sind ionisierende Strahlen. Sonnenlicht, Mikrowellen und Mobilfunk sind nicht-ionisierende Strahlen.

swissmom: Wie werden ionisierende Strahlen gemessen und quantifiziert?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Am besten bekannt ist sicher der Geiger-Müller-Zähler. Heute gibt es viele weitere Messmethoden. Die Strahlenbelastung, der ein Mensch ausgesetzt ist, wird Dosis genannt und in mSv (Milli-Sievert) angegeben. Die Dosis, die im Durchschnitt jeder in der Schweiz wohnende Mensch pro Jahr erhält, ist rund 4 mSv. Der grösste Anteil dieser Jahresdosis kommt aus natürlichen Quellen; ein kleiner Teil von der Röntgendiagnostik und ein ganz kleiner Teil von künstlichen Quellen (z.B. Kernkraftwerken).

swissmom: Wie gefährlich ist natürliche Strahlenbelastung bei einem Aufenthalt in den Bergen für Schwangere? Und was ist mit Langstreckenflügen?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Bei der Beurteilung von Strahlenbelastungen während der Schwangerschaft ist wichtig zu wissen, dass es eine gewisse Dosis braucht, um eine Fehlbildung auszulösen. Diese Dosisschwelle ist 100 mSv; d.h. bei Bestrahlungen mit weniger als 100 mSv sind keine Fehlbildungen zu erwarten. Ein ganzjähriger Aufenthalt in den Bergen erhöht die Jahresdosis um ca. 0.5 mSv, ein Langstreckenflug um ca. 0.1 mSv. Beide Ereignisse können also keine Fehlbildungen auslösen und sind unbedenklich.

swissmom: Viele Lebensmittel werden bestrahlt. Sollte eine Schwangere besser auf solche Lebensmittel verzichten?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Bei der Bestrahlung von Lebensmitteln werden ionisierende Strahlen eingesetzt. Dadurch werden Pilze und Bakterien abgetötet, aber das Lebensmittel selbst wird nicht radioaktiv. Wer bestrahlte Lebensmittel isst, wird daher nicht selbst bestrahlt. Der Genuss von bestrahlten Lebensmitteln ist aus Sicht des Strahlenschutzes vollständig unbedenklich.

swissmom: Sind Zusatzstoffe in Lebensmitteln gefährlich für Babys?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Radioaktive Substanzen gehören nicht zu den in der Lebensmittelindustrie verwendeten Zusatzstoffen. Radioaktiv verunreinigte Lebensmittel (wir sprechen von kontaminierten Lebensmitteln) entstanden zum Beispiel nach der Kernkraftwerkskatastrophe von Tschernobyl. Isst die Mutter radioaktiv kontaminierte Lebensmittel, dann können sich radioaktive Stoffe im ungeborenen Kind ansammeln und zu einer Strahlenbelastung führen. Fehlbildungen sind nach Verzehr von stark kontaminierten Lebensmitteln möglich. Deshalb gelten strenge Grenzwerte für alle Nahrungsmittel, deren Einhaltung von kantonalen und eidgenössischen Laboratorien überwacht wird. Der Genuss von in der Schweiz zugelassenen Lebensmitteln ist daher unbedenklich. Vom Verzehr von Pilzen und anderen Produkten, die unkontrolliert aus der Umgebung von Tschernobyl in die Schweiz importiert werden, muss auch heute noch abgeraten werden.

swissmom: Oft hören wir die Frage: Meine Lungen wurden bei einer Einstellungsuntersuchung geröntgt. Einige Tage später blieb meine Regel aus und der Schwangerschaftstest war positiv. Kann die Untersuchung so früh schon meinem Baby geschadet haben?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Die Dosis, die durch Streustrahlung aus den Lungen in der Gebärmutter bei einer Routineuntersuchung entsteht, ist rund 0.0005 mSv. Dies ist viel weniger als die Dosisschwelle von 100 mSv. Eine Lungen-Routineuntersuchung kann daher keine Fehlbildungen auslösen.

swissmom: Wie gefährlich ist für Schwangere eine Röntgenaufnahme beim Zahnarzt?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Beim Zahnröntgen ist die Dosis in der Gebärmutter noch viel kleiner als bei dem oben besprochenen Lungen-Röntgen. Ein Zahnröntgen kann also keine Fehlbildungen auslösen.

swissmom: Kann man also voraussagen, dass Röntgen in der Schwangerschaft auf jeden Fall unbedenklich ist?

Dr. med. Dr. sc. nat. Rolf Stürm: Nein, das kann man keinesfalls sagen! Bei einem Computer-Tomogramm (CT) des Bauches, bei dem die Gebärmutter direkt in die Röntgenstrahlung zu liegen kommt, entstehen rund 30 mSv für das ungeborene Kind. Mit einem CT sind wir zwar noch unter der Dosis von 100 mSv, welche eine Fehlbildung auslösen kann. Dennoch sollen Röntgenaufnahmen und Durchleuchtungen des Beckens nur dann angeordnet werden, wenn sie aus medizinischen Gründen absolut notwendig sind. Es ist Pflicht des Arztes, vor diesen Untersuchungen jede gebärfähige Frau zu befragen, ob sie schwanger sei. Falls sie schwanger ist, soll auf die Röntgenuntersuchung von Bauch und Becken möglichst verzichtet werden.

Mehr Informationen zur Ausbildung und Beratung für Strahlenschutz für Anwender ionisierender Strahlen finden Sie unter www.safpro.ch.

Letzte Aktualisierung: 08.2016,