Mutter Natur

Es ist etwas banal, aber ich muss die Juni-Kolumne meiner Katze widmen. Das heisst nicht irgendeiner Katze, sondern meiner frischgebackenen Katzenmutter. Denn vor wenigen Tagen hat sie ihren Nachwuchs zur Welt gebracht und das hat mich einerseits sehr fasziniert, andrerseits erschüttert.

Zwei Tage vor ihrer Niederkunft habe ich die Mieze ins Haus geholt, ihr in meinem Büro – weil das der ruhigste Ort ist im Haus – ihr Körbchen eingerichtet und gespannt gewartet. Sie war so kugelrund, dass sie zu keiner Katzentür mehr reingepasst hätte, lag zwei Tage faul auf ihrem Pelz, miaute, wenn sie Hunger hatte. Goja hat sie regelmässig aufgesucht. Doch nichts geschah. Bis sie dann eines Abends runter in die Stube kam. Goja, die Hunde, ne zweite Katze und ich sassen da, spielten, rumorten. Dann kam sie, die werdende Mutter. Als ob der Tumult sie nichts anginge, legte sie sich mitten auf den Boden – und begann zu pressen. Einfach so.

Hurtig packte ich sie, trug sie zurück in ihren Büro-Korb und wartete. Goja gesellte sich daneben und gemeinsam wurden wir Zeugen, wie die gute Madame Samtpfote unter relaxtem Schnurren ein kleines Kätzchen zur Welt brachte. Eine Stunde später ein zweites – bis Mitternacht waren es vier. Und immer war dieses Schnurren. Keine augenfällige Anstrengung, sie lag da, gebar, tat was getan werden musste, zerkaute Nabelschnüre, leckte ihre Kinder, streckte sich, bis alle an ihren Zitzen hingen und gierig die ersten Tropfen Milch in sich aufnahmen.

Ich muss gestehen, dass mich dieses urnatürliche Verhalten neidisch gemacht hat. Die halbe Nacht studierte ich danach an Gojas Geburt rum und musste mir voller Neid eingestehen, dass mir schon Stunden vor dem Pressen nicht mehr zum Schnurren zu Mute gewesen wäre.

Ja, und jetzt sind sie da; die Grossfamilie nimmt sich ihren Platz, alles funktioniert so reibungslos. Mittlerweile hat sie ihre Kinderstube in einen kühlen, geschützten Holzschrank gezügelt. Wäre da nicht Goja, der vor lauter Entzücken manchmal etwas über die Stränge schlägt und die Katzenfamilie mit seiner Zuneigung an die Grenze ihrer Geduld treibt, wäre alles schlicht genial.

Ist es aber nicht! Denn Katzenmutter hat das schwächste ihrer Kinder aus dem Nest geworfen – sie ist wohl der Ansicht, dass der kleine Racker es ohnehin nicht schaffen wird. So ist mir klar geworden, dass „Mutter Natur“ nicht nur genial ist – sie kann auch gnadenlos brutal sein. Mein Fazit: Lieber eine Geburt ohne zu schnurren als schwache Kinder kurzerhand ins „Jenseits“ zu befördern.

P.S.: Ich hab der Natur ins Handwerk gepfuscht und das verstossene Katzenkind wieder an Mamas Zitzen gesetzt – sie hat es schnurrend zur Kenntnis genommen.

Letzte Aktualisierung : 08.2016, VZ