Unsichtbar und tief verletzend: Beziehungsaggression unter Kindern
Wie subtile, aber sehr gezielt eingesetzte Angriffe Kinderfreundschaften zerstören können.
Gestern noch waren die zwei Mädchen dick befreundet. Doch heute auf dem Schulweg würdigt die eine die andere plötzlich keines Blickes mehr, in der Garderobe tuschelt sie mit anderen hinter ihrem Rücken und später im Morgenkreis verdreht sie bei jeder Wortmeldung ihrer besten Freundin theatralisch die Augen. Als ob dies alles nicht schon verunsichernd genug wäre, sagt sie auf dem Heimweg: "Wenn du heute Nachmittag nicht mit mir spielst, bist du nicht mehr meine Freundin."
Was ist relationale Aggression?
Was hier beschrieben wird, wird von Erwachsenen oft verharmlosend als "Zickenkrieg" bezeichnet. Kinder - und insbesondere Mädchen - wissen nun mal sehr genau, wie sie einander mit abschätzigen Blicken und verletzenden Worten wehtun können. Und wer kann denn schon so genau sagen, über wen die tuschelnden Kinder tatsächlich geredet haben und wem das Augenrollen wirklich gegolten hat? Wenden wir uns lieber wieder den "richtigen" Konflikten zu, in denen hässliche Schimpfworte fallen und die Fäuste fliegen.
Tatsächlich aber sollten Erwachsene auch diesen stillen Konflikten viel mehr Beachtung schenken. Denn es handelt sich dabei um sogenannte "relationale Aggression", also um subtile Angriffe, bei denen das Bedürfnis nach Freundschaft als Waffe eingesetzt wird. Anders als bei gewöhnlichen Streitereien, wie sie in jeder Kinderfreundschaft vorkommen, dienen diese kleinen Gemeinheiten klar dem Ziel, dem anderen Kind wehzutun und sein Ansehen oder seine sozialen Beziehungen zu schädigen. Sie treten nicht nur gelegentlich, sondern immer wieder auf. Ein Kind kann unter Umständen über mehrere Jahre mit einem anderen Kind befreundet sein, das Beziehungsaggression ausübt, ohne dass es offen gemobbt und ausgegrenzt wird. Die Angriffe können aber auch eine Form von Mobbing sein, insbesondere wenn weitere Kinder in den Konflikt mit einbezogen werden und zwischen den Kindern ein klares Machtgefälle besteht.
Beziehungsbezogene Aggressionen können in unterschiedlichsten Formen auftreten: Als übertriebene Freundlichkeit, die nur das Opfer als Angriff erkennt, während Aussenstehende den Eindruck haben, es sei alles bestens. Als Gerüchte, die über ein Kind verbreitet werden, um seinem Ruf zu schaden. Als subtile Gesten, die zum Ziel haben, ein Kind zu verunsichern. Als Drohung: "Wenn du nicht tust, was ich will, verrate ich das Geheimnis, das du mir anvertraut hast." Als plötzliches Ausschliessen aus einer Freundesgruppe.
Warum kommt es zu Beziehungsaggression?
Solche und weitere Aggressionen werden oft Mädchen zugeschrieben, sie kommen aber auch unter Jungen häufig vor. Vielfach geht es darum, die eigene Beliebtheit zu steigern oder die Führungsposition innerhalb einer Freundesgruppe zu sichern.
Kinder, die relationale Aggression ausüben, sind oft nicht in der Lage, Gefühle wie Ärger oder Wut offen zu zeigen, sodass sie zu weniger sichtbaren Mitteln greifen, um ihrer Unzufriedenheit Luft zu verschaffen. Die Unfähigkeit, Konflikte anzugehen und zu lösen, kann ebenfalls dazu führen, dass ein Kind eine Freundschaft ohne weitere Erklärungen auf einmal einseitig beendet.
Auch Kinder, die mit der Erwartung konfrontiert sind, stets angepasst und brav zu sein, können beziehungsbezogene Aggression ausüben, weil diese Form von Angriffen weniger offensichtlich ist und von Erwachsenen oft nicht als Gewalt wahrgenommen wird.
Was sind die Folgen von relationaler Aggression?
So fein die Nadelstiche auch sein mögen, die eingesetzt werden - ihre Folgen können massiv sein. Kinder, die Opfer von Beziehungsaggression werden, sind meist tief verunsichert und suchen den Fehler bei sich. Vielfach tragen sie ihren Schmerz alleine, denn Eltern und Lehrpersonen erkennen die Tragweite des Vorgefallenen oft nicht. Zuweilen glauben Mütter und Väter schlichtweg nicht, dass der nette Spielkamerad zu Gemeinheiten fähig wäre und ermutigen das Kind, weiterhin mit seinem Peiniger zu spielen, weil er doch so ein guter Freund ist.
Wenn die relationale Aggression in Form von Ausschliessen und fiesen Gerüchten ausgeübt wird, kann ein Kind innerhalb einer Kindergruppe vollkommen an den Rand gedrängt und sehr einsam werden. Dies auch deshalb, weil andere Kinder fürchten, es könnte sie ebenfalls treffen, wenn sie mit dem ausgeschlossenen Kind spielen.
Die subtilen Angriffe können auch dazu führen, dass ein Kind soziale Ängste entwickelt, an sich zweifelt, sich selber abwertet und angestrengt versucht, sich den anderen anzupassen und keine Fehler zu machen. Möglicherweise fällt es ihm schwer, in der Schule seine Leistungen zu erbringen, weil die Angriffe ihm so stark zusetzen. Manche Kinder trauen sich aus Furcht kaum mehr zur Schule zu gehen. Andere klagen über Bauchschmerzen oder Schlafprobleme.
Die Erfahrung von beziehungsbezogener Aggression kann so einschneidend sein, dass es Betroffenen auch im Erwachsenenalter schwerfällt, Vertrauen zu anderen zu fassen und tragfähige Freundschaften zu pflegen. Werden die Erlebnisse aus der Kindheit nicht aufgearbeitet, besteht die Gefahr, dass ungesunde Beziehungsmuster als normal angesehen werden, was zu negativen Erfahrungen mit Freundschaften und Paarbeziehungen führen kann.
Wie können Erwachsene betroffenen Kindern helfen?
Das Allerwichtigste ist, relationale Aggression nicht als unbedeutend abzutun, sondern ernst zu nehmen. Betroffene Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen zuhören, Anteil nehmen an ihrem Leid und mit ihnen überlegen, wie sich die Situation lösen lässt. Kommt das Problem vorwiegend in der Schule vor, sollten Eltern das Gespräch mit Lehrpersonen und Schulsozialarbeiterinnen suchen, um eine gemeinsame Strategie zu entwickeln.
Oft bekommen Erwachsene jedoch wenig von dem mit, was abgeht, denn die Kinder erzählen nicht von ihren Erlebnissen mit Beziehungsaggression. Dies einerseits aus Scham, weil sie denken, sie hätten etwas falsch gemacht. Andererseits, weil sie das Unrecht, das ihnen geschieht, nicht als solches erkennen. Kinder wissen meist sehr genau, dass Schlagen, Treten und Schimpfworte inakzeptabel sind. Dass ein zuckersüss gesäuseltes "Du bist heute aber ganz toll angezogen" ebenfalls eine Form von Aggression sein kann, ist den meisten jedoch nicht bewusst. Es ist deshalb wichtig, Kinder für diese subtile Art von Gewalt zu sensibilisieren. Hilfreich kann es beispielsweise sein, wenn Erwachsene von eigenen schwierigen Freundschaftserfahrungen erzählen, um Kinder zu ermutigen, über ihre Erlebnisse zu reden.
Manchmal müssen Eltern auch mit Mythen aufräumen. Kinderbücher, Filme und soziale Medien idealisieren oft diese eine beste Freundschaft, die bis ans Lebensende hält. In Wirklichkeit aber ist es lohnenswert, verschiedene Beziehungen zu pflegen. Falls es zum Beispiel in der Schule zu Konflikten kommt, sind da immer noch die Freundinnen aus der Pfadi oder die Freunde aus dem Sportverein, mit denen sich das Kind treffen kann.
Wie lässt sich beziehungsbezogene Aggression vermeiden?
Ein vollkommen konfliktfreies Zusammenleben unter Kindern anzustreben, ist unrealistisch. Dennoch sollten Eltern und Lehrpersonen sie darin anleiten, bessere Wege zu finden, ihre Konflikte auszutragen.
Zum einen sollten Kinder lernen, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und sie angemessen auszudrücken. Wer in der Lage ist, Probleme in einer Freundschaft offen anzusprechen, muss weniger zu manipulativen Taktiken greifen. Wichtig ist auch, erkennen zu lernen, welche Gefühle es bei anderen auslöst, wenn jemand bei jeder Wortmeldung entnervt die Augen verdreht oder einem aus heiterem Himmel die kalte Schulter zeigt.
Immer wieder sollten Erwachsene thematisieren, was eine gute Beziehung auszeichnet, wie man einen wertschätzenden Umgang miteinander findet und welche Verhaltensweisen nicht angemessen sind. Kinder müssen wissen, dass Streit und Versöhnung normal sind und dass eine Freundschaft auch mal zu Ende gehen kann, dass es aber niemals in Ordnung ist, jemandem gezielt wehzutun.
Schliesslich muss für alle klar sein: Nicht nur Schläge und üble Beschimpfungen ziehen Konsequenzen nach sich. Kinder müssen auch dann eine Wiedergutmachung leisten, wenn sie andere mit Ausgrenzung und giftigen Bemerkungen verletzt haben.