Zurück an den Herd?

Ich bin eine konservative Mutter. Nein, ich war eine konservative Mutter. Denn manchmal kommt es anders als man denkt: Zusammen mit Pepe hat sich für mich auch die Legitimation verflüchtigt, „nur“ Hausfrau und Mutter zu sein.

An diesem Zustand ist nicht primär Pepe schuld. Er gehört nämlich zu jenen seltenen Exemplaren, die freiwillig mehr Unterhalt bezahlen als verlangt.

Aber da bin ich zuweilen stolz wie ein Pfau – oder, je nach Auslegung, vielleicht auch einfach blöd wie ein Schaf.

Egal, seit Pepe sich verzogen hat, quäle ich mich mit der Idee, mein Geld oder wenigstens einen Teil davon selber zu verdienen. Aber wie bitte soll das gehen, wenn Juanito so gar nicht begreifen will, dass Mama ständig am Telefon hängt oder in den vom Sohnemann ach so begehrten Computer glotzt?

Das Zauberwort heisst Krippe. Oder Hort. Oder Tagesmutter. Oder in meinem Fall „Kita“ (Kindertagesstätte).

Tja, seit einigen Wochen bringe ich Juanito an zwei Nachmittagen in die „Kita Spielburg“. Ich, die jahrelang gepredigt hatte, dass, sollte sie einst Mama werden, sie ausschliesslich selber zu ihrem Kind schauen würde. Basta!

Schlaflose Nächte, ein paar Diskussionen mit Freundinnen, ein ernstes Wort mit Pepe, ein Blick in den Geldbeutel, wehmütige Gedanken an meine Kindheit, die ich umgeben von Vater und Mutter und neun Geschwistern auf einem Emmentaler Bauernhof zugebracht habe. Das war Glück pur. Und die Erinnerung daran nicht wirklich tauglich, mein schlechtes Gewissen zu beruhigen.

Trotzdem habe ich es getan. Ich habe Juanito angemeldet! Mir dabei aber eingebildet, dass ich mich in der halben Nachbarschaft für mein Tun rechtfertigen müsste. Und Mitte August dann habe ich Juanito schliesslich mit feuchten Augen hingebracht. Es war schrecklich!

Aber wissen Sie was? Die Erlösung kam keine Viertelstunde später! Juanito fühlte sich auf Anhieb wohl in seinem neuen Reich, steuerte begeistert auf die grosse Murmelbahn zu, kletterte mutig aufs Hochbett, kochte für die Puppen Kaffee und Spaghetti – und schaute nicht ein einziges Mal nach Mama.

Seither sind einige Wochen vergangen. Dienstag- und Donnerstagnachmittag gehören mir, meinem Schreibkram, meinen Ideen. Und Juanito gehört Samy, der jungen, fröhlichen „Kita“-Leiterin. Und abends, wenn ich Juanito zu Bett bringe, sind wir beide ganz schön müde – und zufrieden. Und sonntags, wenn wir mit dem Auto an der „Spielburg“ vorbeifahren, gluckst und gestikuliert Juanito munter und zerstreut so auch noch das letzte Bisschen Unbehagen. Zurück an den Herd oder schlechtes Gewissen? Das war einmal!

Verena Zürcher ist freie Journalistin und Autorin und lebt zusammen mit ihrem Sohn im Emmental. Homepage: www.landverlag-langnau.ch.

Letzte Aktualisierung : 11-08-16, VZ