Trotzphase

Wie haben wir gelacht ob der links-grün angehauchten, unserer Meinung nach leicht überforderten Frau Pfarrer. Damals, im Herbstzeitlosen-Dorf, als die Welt da, zu oberst im Emmental, noch in Ordnung war. Pfarrers Kinder, so viel stand fest, waren die einzigen im Dorf, welche keine Ahnung hatten von Zucht und Ordnung, von Sitten und Anstand. Wie auch? Ihre Eltern bekannten sich offensichtlich zum Erziehungsstil „Laisser-faire“, setzten den Kindern also keine Grenzen und reagierten selbst in Krisensituationen mit einem gelassenen Schulterzucken. Und die wüstesten Wörter, so meinten wir, waren im Pfarrhausgarten zu vernehmen.

Selbst Gojas Grosi, eine tolerante und weltoffene Frau, selber 10fache Mutter, konnte sich den Spott in ihrer Stimme nicht verkneifen, als sie uns von einer Begebenheit im Dorfladen erzählte: Frau Pfarrer war, wie so oft, mit zwei oder drei ihrer Kinder unterwegs, zwängte sich mit der lauten Kinderschar in den engen, überfüllten Dorfladen und suchte in einer Seelenruhe ihre sieben Sachen aus den Gestellen zusammen. Ihr Sohn, damals wohl um die drei, vier Jahre alt, riss runter, piesackte andere Kunden, schrie, tobte, schnaubte und schlug um sich – ohne ersichtlichen Grund versteht sich. Frau Pfarrer liess den Trotzkopf links liegen, bezahlte ihre Sachen, wandte sich zum Gehen und sagte der verblüfften Dorffrauenschar beim Hinausgehen: „Er steckt eben gerade in der Trotzphase.“ Und weg war sie, die Fremde. Der kleine Schreihals sei ihr wenige Minuten später gefolgt.

„Er steckt eben gerade in der Trotzphase.“ Diese Aussage wandelte sich in unserer Familie bald zum geflügelten Wort – und nie, aber auch gar nie konnten wir das sagen, ohne laut und spöttisch zu lachen.

Tja, die Jahre vergehen, Hohn und Spott auch. Pfarrers leben mittlerweile in Stadtnähe – und den Dorfladen gibt es auch nicht mehr. Item. Ich erziehe Goja weiss Gott nicht nach dem Laisser-faire-Prinzip, trotzdem wäre ich heute manchmal froh, ich könnte seine trotzigen Anfälle mit einem Schulterzucken quittieren. Vor allem dann, wenn sie just in der Weihnachtszeit an der Kasse eines überfüllten Supermarkts auftreten oder dann, wenn sich die Familie zum gemütlichen Essen versammelt hat und der kleine Mann meint, er müsste ausgerechnet jetzt seine wachsende Selbständigkeit demonstrieren. Wie peinlich solche Experimente für die Eltern enden können, muss hier wohl nicht erläutert werden. Selbst der seelenruhige Pepe atmet neuerdings hörbar ein, wenn Sohnemann zur Hochform aufläuft.

Ja, die Trotzphase, sie gehört zu den wichtigsten Entwicklungsschritten im Leben eines Kleinkindes, das weiss ich mittlerweile auch. Trotzdem würde man sie bestimmt nicht missen. Ich jedenfalls hatte die leise und vor allem naive Hoffnung, Goja würde gedeihen, ohne dass meine Geschwister mich mit einem breiten Grinsen im Gesicht fragen müssten. „Ach, steckt dein Bübchen womöglich gerade in der Trotzphase?“

Ich gelobe: Ich werde mich nie mehr über andere Mütter lustig machen!

Letzte Aktualisierung : 08.2016, VZ