Mutter und Tochter schauen ein Bilderbuch an

Auf dem schmalen Grat der Perfektion

Die Rolle der Frau hat sich stark gewandelt in den vergangenen Jahrzehnten. Von uns wird nicht mehr erwartet, dass wir unser Leben lang treusorgende Ehefrauen und Mütter sind. Das Anforderungsprofil ist heutzutage weitaus differenzierter:  

Das grösste Glück in unserem Leben sind noch immer die Kinder, aber die sollen wir erst bekommen, wenn wir eine anständige Ausbildung abgeschlossen haben und ein wenig in der Welt herumgekommen sind. Allzu lange sollten wir aber auch nicht warten, denn man weiss ja, dass leicht angejahrte Mütter zu Überbesorgtheit neigen.

Natürlich wäre es besser, wir hätten nicht nur ein Kind, aber lieber auch nicht mehr als drei, sonst schaffen wir es nie und nimmer, richtig zu ihnen zu schauen. Und selbstverständlich sollte der Altersabstand sich mehr oder weniger nach dem Lehrbuch richten, denn stehen sich die Geschwister altersmässig zu nahe, kommt es zum Konkurrenzkampf, sind sie zu weit auseinander, kann keine rechte Beziehung wachsen. 

Stillen sollen wir unsere Babys und zwar mindestens sechs Monate lang. Aber bitte diskret, denn nicht jeder mag den Anblick einer entblössten Mutterbrust ertragen. Und wenn die 14 Wochen Mutterschaftsurlaub vorbei sind, hat sich der Hunger des Kindes gefälligst den Wünschen des Arbeitgebers anzupassen. 

In unserem Leben stehen die Kinder an erster Stelle. Was sind denn schon Geld und Karriere gegen ein Zuhause voller Geborgenheit? Totaler Einsatz im Job ist aber dennoch gefragt. Was soll denn bloss aus unserer Volkswirtschaft werden, wenn gut ausgebildete Mütter andauernd wegen kranker Knöpfe zu Hause bleiben oder nach der Geburt gar nicht mehr in den Job zurückkehren? 

Fürsorge ist natürlich okay, Glucken hingegen sind völlig passé. Es tut den Kindern nicht gut, wenn Mama andauernd hinter ihnen her ist. Das heimische Nest sollte sie aber trotzdem nicht allzu oft verlassen, sonst kommt schnell einmal der Verdacht auf, sie sei eine Rabenmutter. Es wäre also ratsam für uns, die exakte Mitte zwischen dem einen und dem anderen Federvieh zu finden. 

Wir Mütter sollten unsere Wichtigkeit jedoch nicht überschätzen. Der Vater ist mindestens so bedeutsam und wir sollten uns davor hüten, uns zwischen ihn und die Kinder zu stellen. Mütter, die väterliche Mithilfe mit Vehemenz einfordern, sind aber nicht in allen Verwandtschaften gern gesehen. Der Arme muss doch arbeiten, da darf man ihn nicht zum Kinderhüten verpflichten.

Sind unsere Kleinen etwas grösser, ist es wichtig, ihnen Freiräume zu bieten, damit sie sich - gerne auch mal ohne unsere Aufsicht - frei austoben und entfalten können. Aber bitte so, dass andere nicht durch Kinderlärm gestört werden. Und wehe, einer dieser kleinen Weltentdecker baut Mist oder bricht sich einen Arm. Da muss man sich dann schon die Frage gefallen lassen, ob die Mama ihre Aufsichtspflicht vernachlässigt hat. 

Manchmal muss eine Mutter auch den Tarif durchgeben und unmissverständlich klar machen, wie der Hase zu laufen hat. Allzu laut werden sollte sie dabei jedoch nicht. Was haben sie denn verbrochen, die armen Kleinen, dass sie glaubt, derart schreien zu müssen? Schämen soll sie sich, die Mama!

Gesunde Ernährung ist ein Muss. Wären wir Mütter bei Zucker, Fett und Fast Food strenger, hätten nicht schon die ganz Kleinen mit Übergewicht zu kämpfen. Aber müssen denn die mütterlichen Speisegesetze stets sklavisch befolgt werden? Grosspapa wird dem Kind doch wohl noch eine dritte Portion Dessert anbieten dürfen, ohne dass Mama einen Aufstand macht.

Die Talente unserer Sprösslinge dürfen wir auf gar keinen Fall brachliegen lassen. Es gibt so viele tolle Förderangebote für begabte Kinder. Dabei aber bloss nicht glauben, der eigene Nachwuchs sei talentierter als der ganz gewöhnliche Durchschnitt. Wer mag denn schon Überflieger? Erst recht solche, die von ihren Eltern gepusht worden sind?

Bei aller Liebe zur Familie ist es natürlich trotzdem wichtig, dass wir uns selber nicht vernachlässigen. Regelmässig Sport treiben, das Äussere pflegen, einem spannenden Hobby nachgehen, Freundschaften kultivieren, ehrenamtlicher Einsatz zum Wohle der Allgemeinheit und permanente Weiterbildung sind ein Muss, wenn wir im Familienalltag nicht versauern wollen. Wobei es natürlich nicht in unserem Ermessen liegt, wie viel davon angebracht ist. Das Urteil darüber, ob wir uns zu viel, zu wenig oder gerade genug um uns selber drehen, steht anderen zu. Der griesgrämige Nachbar von gegenüber und die Kaffeetanten vom Nebentisch sind übrigens ganz besonders qualifiziert, dieses Urteil über uns zu fällen. Auch Leserbriefschreiber liegen selten falsch, wenn sie unseren Beitrag zum Scheitern der Gesellschaft analysieren. 

In alldem ist es stets unsere Aufgabe, ein gutes Vorbild abzugeben, damit die Kinder lernen, wie das Leben zu meistern ist. Allzu perfekt darf es dann aber auch nicht sein, dieses Vorbild, denn sonst geraten die Knöpfe unter Druck, weil sie ihrer Mama ja doch nie das Wasser reichen können. 

Ach, wann wollen wir endlich begreifen, was eine wirklich gute Mutter ausmacht? Wir müssten doch bloss lernen, ohne Ausrutscher auf dem schmalen Grat der Perfektion zu balancieren. 

Letzte Aktualisierung: 12.2016, TV