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Mädchen mit Malkasten und Papier auf dem Boden

Ein Wer­be­spot für das Wun­der­kind


Wenn ge­wis­se El­tern über ih­ren Nach­wuchs re­den, hört sich das zu­wei­len an, als wür­de ein PR-Team sein neu­es­tes Spit­zen­pro­dukt prä­sen­tie­ren. Also etwa so:

"Un­ser Kind ver­eint in sich das Bes­te aus ei­ner tra­di­ti­ons­rei­chen Fa­mi­li­en­ge­schich­te. Von der Ur­gross­mutter müt­ter­li­cher­seits, ei­ner nam­haf­ten ex­pres­sio­nis­ti­schen Künst­le­rin, hat es ei­nen aus­ge­präg­ten Sinn fürs Äs­the­ti­sche mit auf den Weg be­kom­men. Sei­ne Lust am De­bat­tie­ren hat es von sei­nen Ur­gross­el­tern vä­ter­li­cher­seits, die zu den ein­fluss­reichs­ten Mei­nungs­ma­chern die­ses Lan­des zähl­ten. Der lei­der viel zu früh ver­stor­be­ne Gross­va­ter müt­ter­li­cher­seits - ein Pro­fes­sor der As­tro­phy­sik an ei­ner der re­nom­mier­tes­ten Hoch­schu­len - lebt wei­ter in dem ernst­haf­ten In­ter­es­se, mit dem un­ser Kind be­reits jetzt den Ster­nen­him­mel stu­diert. Sei­ne mu­si­sche Be­ga­bung geht zu­rück auf die Gross­tan­te vä­ter­li­cher­seits, die als So­pra­nis­tin Welt­ruhm er­langt hat. Lin­gu­is­ti­sches Ta­lent, Ge­schäfts­tüch­tig­keit so­wie ein aus­ge­präg­ter Sinn für Zah­len sind wei­te­re Ga­ben, die un­se­re Vor­fah­ren un­se­rem Kind in die Wie­ge ge­legt ha­ben. Ein paar Trop­fen See­fah­rer­blut ver­lei­hen ihm zu­dem ei­nen Hauch von Aben­teu­er­lust und Frei­heits­drang. 

Vom De­sign her braucht un­ser Kind den Ver­gleich mit der gleich­alt­ri­gen Kon­kur­renz nicht zu fürch­ten. Sein zar­ter Teint und die äus­serst aus­ge­fal­le­ne Kom­bi­na­ti­on von him­mel­blau­en Au­gen und schwar­zen Lo­cken ver­set­zen so man­chen Be­trach­ter in Ent­zü­cken. Wo sich bei an­de­ren Kin­dern Fett­pöls­ter­chen an­sam­meln, ist bei un­se­rem be­reits jetzt ein aus­ge­zeich­ne­ter Mus­kel­to­nus er­kenn­bar. Der schlan­ke, ele­gan­te Kör­per­bau er­mög­licht es ihm, sich flin­ker und ge­schick­ter zu be­we­gen als an­de­re Kin­der sei­ner Al­ters­klas­se. Eine Kar­rie­re im Pro­fi­sport liegt also durch­aus im Be­reich des Vor­stell­ba­ren. 

Un­ser Kind zeich­net sich je­doch nicht nur in in­tel­lek­tu­el­len, krea­ti­ven und sport­li­chen Be­lan­gen aus, auch in sei­ner All­tags­taug­lich­keit ist es un­über­trof­fen. Be­reits in sei­ner Grund­aus­stat­tung war eine 8-Stun­den-Durch­schlaf­funk­ti­on ent­hal­ten, die sich jetzt, wo es aus­ge­reif­ter ist, be­lie­big aus­bau­en lässt, was ins­be­son­de­re am Wo­chen­en­de sehr prak­tisch ist. Die Nah­rungs­zu­fuhr ge­stal­tet sich seit dem ers­ten Tag voll­kom­men kon­flikt­frei,  zu den bei ver­gleich­ba­ren Kin­dern üb­li­chen Be­triebs­aus­fäl­len durch Trot­zen kommt es nur äus­serst spo­ra­disch. In Sa­chen Rein­lich­keit steht es ei­nem Er­wach­se­nen in nichts nach, Hän­de­wa­schen vor dem Es­sen und Sham­poo­nie­ren der Haa­re sind Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, für die es kei­ner­lei Er­mah­nun­gen braucht. Eine aus­ge­klü­gel­te Pro­gram­mie­rung sorgt da­für, dass sich das Kind fast per­ma­nent im "Ja"-Mo­dus be­fin­det, das Wort "Nein" kommt nur wohl­do­siert und stets ab­so­lut be­rech­tigt zum Ein­satz. 

Ver­ständ­li­cher­wei­se kennt un­se­re Be­geis­te­rung für un­ser Kind kei­ne Gren­zen, sei­ne Ex­zel­lenz wird uns aber auch von un­ab­hän­gi­ger Sei­te im­mer wie­der be­stä­tigt. Be­treu­ungs­per­so­nen, die das Pri­vi­leg ha­ben, mit ihm zu ar­bei­ten, sind be­ein­druckt von sei­nem wa­chen Geist, sei­nem Ein­falls­reich­tum, sei­nen so­zia­len Kom­pe­ten­zen und sei­nem Wil­len zur Ko­ope­ra­ti­on. In di­ver­sen, von nam­haf­ten Ex­per­ten durch­ge­führ­ten Qua­li­täts­tests, wur­de ihm zu­dem das Prä­di­kat 'hoch­be­gab­t' ver­lie­hen." 

Sol­che Lo­bes­hym­nen kön­nen ei­ner ganz ge­wöhn­li­chen Durch­schnitts­mut­ter von ganz ge­wöhn­li­chen Durch­schnitts­kin­dern schon mal den Mut neh­men. Doch wie das so ist bei Pro­duk­ten, die vom Her­stel­ler über al­len grü­nen Klee ge­lobt wer­den, bei Lich­te be­trach­tet zeigt sich meist schnell ein­mal, dass die Wer­bung mehr ver­spro­chen hat, als sie hal­ten kann. Soll­te sich die­ses Wun­der der Zeu­gung mal in die Nie­de­run­gen dei­nes Gar­tens ver­ir­ren, um mit dei­nem Kind zu spie­len, stellst du näm­lich sehr schnell fest, dass es sich kaum von an­de­ren Kin­dern un­ter­schei­det. Ge­nau wie an­de­re schlägt es im Sand­kas­ten mit der Schau­fel um sich, beim Zvie­ri ver­schmäht es die Nek­ta­ri­ne, weil es die­se zu glit­schig und über­haupt ein­fach "gruusig" fin­det,  beim Seil­sprin­gen stellt es sich un­ge­schickt an und wenn du von dem klei­nen Ge­nie wis­sen willst, wie denn die­se Gros­se Kat­ze mit der Mäh­ne und den rie­si­gen Pran­ken heis­se, schaut es dich mit gros­sen Au­gen an und sagt: "Gi­raf­fe, glau­be ich. Oder viel­leicht auch Ze­bra."

Ach, und wo wir schon bei den Au­gen sind. Die se­hen nur die El­tern als him­mel­blau an, ein neu­tra­ler Be­trach­ter wür­de sie eher als grau­blau, viel­leicht so­gar als grau­grün be­zeich­nen. Und böse Zun­gen be­haup­ten gar, das von den El­tern so be­wun­der­te Schwarz der Lo­cken sei eher ein dump­fes Ha­sel­nuss­braun.

Letzte Aktualisierung: 04.07.2016, TV
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