ADHS und der kleine Unterschied

Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) beeinträchtigt nicht nur die mentalen Fähigkeiten der Betroffenen, sondern auch ihre Motorik. Jungen sind stärker betroffen als Mädchen, wie US-amerikanische Forscher vom Kennedy-Krieger-Institut in Baltimore jetzt eindeutig festgestellt haben.

Die Wissenschaftler untersuchten bei 268 Kindern und Jugendlichen zwischen sieben und 15 Jahren die Entwicklung ihrer motorischer Fähigkeiten. Knapp die Hälfte (n = 132) der Kinder wies eine ADHS auf. Getestet wurden neben Geschwindigkeit auch die Fähigkeit, einen Rhythmus zu halten, und wie viele zusätzliche Bewegungen sie ausführten, wenn sie mit einfachen Aufgaben wie Klopfen mit den Fingern oder Laufen auf den Zehenspitzen beschäftigt waren.

Während sich die motorische Geschicklichkeit bei den Kindern ohne ADHS kontinuierlich mit dem Alter verbesserte, fanden die Untersucher bei Jungen mit ADHS Defizite, die während der gesamten Kindheit nachweisbar blieben.

Mädchen mit ADHS entwickelten sich motorisch hingegen ähnlich wie ihre Altersgenossinnen ohne ADHS. "Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass geschlechtsabhängige Unterschiede bei Kindern mit ADHS auch die Entwicklung der motorischen Kontrolle umfassen", sagt der leitende Studienautor E. Mark Mahone vom Kennedy-Krieger-Institut. "Im Grundschulalter können Mädchen mit ADHS motorische Defizite bereits überwunden haben, weil das weibliche Gehirn früher reift als das männliche."

Vorausgegangene Studien hatten gezeigt, dass die Hirnregionen, die für die motorische Kontrolle verantwortlich sind, bei Mädchen ihre maximale Grösse ein Jahr früher erreichen als bei Jungen. Die Forscher vermuten daher, dass viele Mädchen mit ADHS im Alter von sieben Jahren (das Mindestalter der Studienteilnehmer) aus ihren motorischen Defiziten bereits "herausgewachsen" seien.

Ein weiterer Grund für die Ergebnisse könnte sein, dass die untersuchten Funktionen stärker von Hyperaktivitätssymptomen beeinträchtigt werden. Unter diesen leiden Jungen häufiger, während sich die Störung bei Mädchen öfter in Unaufmerksamkeit und Schwierigkeiten mit der emotionalen Kontrolle zeigt.

Quelle: W.R. Coleet al.: Neurology 2008;71, S. 1514-1520

Stand: 11/08, BH