Ab wann spürt das ungeborene Kind Schmerzen?

Eine Frage, die alle werdenden Eltern interessiert! Das Team um Mark Rosen von University of California hat nun eine Antwort gefunden: Feten können sehr wahrscheinlich vor dem letzten Stadium der Schwangerschaft keinen Schmerz empfinden. Entscheidende Gehirnverbindungen, die mit der Schmerzempfindung in Zusammenhang stehen, sollen sich erst zwischen der 23. und 30. Schwangerschaftswoche bilden und vor der 30. Woche noch nicht funktionsfähig sein.

Die Autoren der Studie definieren Schmerz als eine subjektive sensorische und emotionale Erfahrung. Diese sei nur möglich, wenn Bewusstsein vorhanden ist, um einen unangenehmen Reiz zu erfassen. Solch eine psychologische Definition von Schmerz unterscheidet sich deutlich von automatischen Reaktionen auf körperliche Reizungen. Feten zeigen laut Verhaltensstudien Rückzugsreflexe und Gesichtsregungen, die jenen von Erwachsenen mit Schmerzen ähnlich sind. Die Wissenschafter argumentieren jedoch, dass diese Bewegungen nicht unbedingt vom kortikalen Bereich des Gehirns gesteuert werden müssen. Ein fetales Schmerzbewusstsein erfordere funktionierende Verbindungen im Thalamus. Die analysierten Studien hätten jedoch ergeben, dass diese Voraussetzungen vor der 29. bis 30. Schwangerschaftswoche nicht gegeben sind.

Es ist zu erwarten, dass diese Studie in den USA zu hitzigen Debatten führen wird. Ihre Ergebnisse stehen in direktem Widerspruch mit der bereits gültigen Gesetzgebung in mehreren amerikanischen Bundesstaaten und einem Gesetzesentwurf für die restlichen Bundesstaaten, der dem amerikanischen Kongress derzeit vorliegt. Danach sind Ärzte verpflichtet, Frauen vor einer Abtreibung nach der 20. SSW darüber zu informieren, dass der Fetus Schmerz empfinden kann. Zusätzlich müssen die Ärzte anbieten, dem Fetus direkt ein Anästhetikum oder ein Schmerzmittel zu verabreichen.

Quelle: Susan J. Lee et al.: JAMA 294, 2005, S. 947-954

Stand: 9/05, B.H.