Unbemerkt schwanger?

Unbemerkte Schwangerschaft

„Das kann doch gar nicht sein, dass man von einer Schwangerschaft so lange nichts merkt,“ denken Sie. „Das kann doch nur geistig Minderbemittelten passieren…“. Aber so selten wie man denkt, sind spät oder erst bei der Geburt festgestellte Schwangerschaften gar nicht. Eine "Gravitas suppressalis" bezeichnet eine verdrängte Schwangerschaft, die bis zur 20. Woche nicht wahrgenommen wird – und das kommt in der Schweiz über 100 mal im Jahr vor. Bei einem knappen Drittel davon passiert sogar die Geburt des Babys ohne Vorwarnung. Bei einer Schwangerschaftsdauer von 40 Wochen ist den Frauen also mindestens die Hälfte der Zeit nicht bewusst, dass sie in anderen Umständen sind.

Ausser einer verdrängten gibt es auch noch die verleugnete Schwangerschaft. In dieser Situation weiss die Frau eigentlich, dass sie ein Kind erwartet, sie schiebt den Gedanken daran aber völlig zur Seite.

Weder die Verdrängung noch die Verleugnung geschehen bewusst, sagen Psychotherapeuten. Wenn ein Problem oder Konflikt so gross sei, dass ein Mensch ihn nicht mehr ertrage, schiebe er ihn ins Unterbewusstsein ab. Bei den schwangeren Frauen kommt der innere Konflikt meist aus der Lebenssituation, in die gerade kein Kind passt.

Die bisher umfassendste Studie in Deutschland über nicht bewusste Schwangerschaften wurde 2002 von den deutschen Medizinern Jens Wessel und Ulrich Büscher von der Berliner Humboldt-Universität im Fachblatt "British Medical Journal" veröffentlicht: Ein Jahr lang - von Juli 1995 bis Juni 1996 - untersuchten sie in Berlin 62 Fälle von Frauen, die mindestens bis zur 20. Woche nichts von ihrer Schwangerschaft wussten. Bei 25 von ihnen wurde die Schwangerschaft erst festgestellt, als die Wehen (oft zuerst als Nierenkoliken diagnostiziert) bereits begonnen hatten. Die Ergebnisse weiterer Studien aus Österreich und den USA zeigten dieselbe Verteilung.

Ein  typische Risikogruppe von Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht bemerken, gibt es nicht. Verdrängte Schwangerschaften gibt es in allen Schichten und Altersgruppen. Eine stärkere Tendenz sei nur bei sehr jungen Frauen und Frauen in einem Alter, in dem sie nicht mehr damit rechneten, schwanger zu werden, festgestellt worden. Auch dass die Schwangerschaft oft Folge eines One-Night-Stands ist, konnte die Studie widerlegen, denn 80 Prozent der Frauen waren in einer festen Partnerbeziehung. Und für etwa die Hälfte der Frauen sei es nicht einmal die erste Schwangerschaft gewesen.

Die typischen Symptome einer fortgeschrittenen Schwangerschaft – der wachsende Bauch, Übelkeit und Ausbleiben der Periode – können „umgedeutet“ werden. Wenn man will, findet man für alle Schwangerschaftszeichen auch eine andere, harmlose Erklärung. Übelkeit führt man auf Magenprobleme zurück, Bewegungen des Kindes werden als Bauchgrimmen wahrgenommen, eine Gewichtszunahme auf eine zu üppige Ernährung zurückgeführt und der Bauch wird von schlanken Frauen einfach eingezogen. Bei viel Bauchfett fällt er oft gar nicht erst auf. Frauen mit ohnehin unregelmässigen Blutungen machten sich keine Gedanken darüber, dass die Menstruation ausbleibt. Es wird auch nicht auf eine gesunde Lebensführung geachtet – Frauen mit einer verdrängten Schwangerschaft rauchen und trinken weiter, essen ungesund und treiben nicht oder ganz extrem viel Sport. Dadurch sind die Kinder bei der Geburt häufig unterdurchschnittlich klein.

In den meisten Fällen soll es nach der Geburt des Kindes keine psychischen Probleme geben. Während der bewussten Schwangerschaft können sich die Frauen auf das Kind einstellen und die Veränderungen ihrer Lebenssituation langsam annehmen. Die grösste Herausforderung bei einer Schwangerschaftsverdrängung sei, dass die Vorbereitung auf die Situation nach der Geburt (v.a. die Organisation des Alltags mit Kind) nicht stattgefunden hat und die Frauen erst einmal tatkräftige, praktische Unterstützung brauchen.

Frauen, die ihre Schwangerschaften nicht bewusst wahrgenommen haben, sind nach Angaben von Fachleuten jedoch keine schlechteren Mütter. Der Bindungsaufbau zum Kind vor der Geburt ist zwar ein wichtiger Teil der Schwangerschaft, und möglicherweise zeigen sie sich deshalb weniger feinfühlig und wirken im Kontakt mit Kindern unbeholfener, aber das normalisiert sich bald.

Bei Patientinnen mit psychischen Problemen, mit schweren Depressionen, Schizophrenie oder Drogenabhängigkeit ist dagegen eine psychotherapeutische  Begleitung notwendig. Das Risiko für einen Suizid oder Kindstötung ist nicht gering, v.a. wenn die Schwangere die Geburt verheimlichen konnte.

Letzte Aktualisierung : 06.2016, BH

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