Wenn Eltern Grosseltern werden
Wie das Zusammenleben zwischen den Generationen gelingt, wenn die Familie wächst.
Grosseltern sind wichtige Bezugspersonen für ihre Enkel und so manche Familie wäre ohne die Unterstützung der älteren Generation ganz schön aufgeschmissen. Für die frischgebackenen Eltern und Grosseltern bringt die neue Familiensituation nicht nur viel Schönes, sondern auch die eine oder andere Herausforderung mit sich.
Sich mit der eigenen Prägung auseinandersetzen
In der Schwangerschaft haben Sie sich bestimmt Gedanken darüber gemacht, welche Art von Eltern Sie sein möchten. Dabei haben Sie sich unwillkürlich an dem orientiert, was Sie in Ihrer eigenen Kindheit und Jugendzeit erlebt haben. Je nachdem, wie Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern war, haben Sie sich vorgenommen, vieles ähnlich zu machen wie sie - oder Sie haben sich geschworen, bestimmt nie so zu werden.
Jetzt, wo Sie selber Mutter oder Vater geworden sind, werden Sie bald feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, die Verhaltensmuster abzuschütteln, die Ihre Eltern Ihnen vorgelebt haben. Vielleicht verstehen Sie die eine oder andere Angewohnheit, über die Sie früher den Kopf geschüttelt haben, auf einmal. Und Sie machen die Erfahrung, dass es bei aller Liebe zum Kind nie gelingt, alles richtig zu machen. Dadurch sehen Sie vielleicht einige Dinge, die Sie früher an Ihren Eltern gestört haben, in einem etwas gnädigeren Licht.
Sie werden sich deshalb noch einmal ganz neu damit auseinandersetzen müssen, was Ihnen Ihre Eltern mitgegeben haben, was Sie davon behalten möchten, was Sie auf keinen Fall an Ihre Kinder weitergeben möchten und wie Ihnen dies gelingen kann. Diese Auseinandersetzung ist ein lebenslanger Prozess, denn mit dem Grösserwerden Ihres Kindes werden Sie in Ihren eigenen Reaktionen immer mal wieder Ihre Eltern erkennen.
In den neuen Rollen ankommen
So, wie Sie Zeit brauchen, im Elternsein anzukommen, müssen sich auch Ihre Eltern erst einmal in ihren neuen Rollen finden - insbesondere beim ersten Enkelkind. Die Erkenntnis, dass man jetzt zur älteren Generation gehört, muss erst einmal verdaut werden. Und dann stellt sich auch die Frage, welche Art von Grossmutter oder Grossvater man sein möchte.
Geben Sie Ihren Eltern und Schwiegereltern die Zeit, die sie brauchen. Und legen Sie nicht jedes Wort und jede Handlung auf die Goldwaage, sondern fragen Sie nach, wenn Sie etwas stört. Mit allergrösster Wahrscheinlichkeit meinen es die frischgebackenen Grosseltern nur gut. Doch bei ihren ersten Gehversuchen im neuen Lebensabschnitt schiessen sie vielleicht mal übers Ziel hinaus.
Erwartungen klären
Sowohl auf Ihrer Seite als auch auf der Seite Ihrer Eltern und Schwiegereltern stehen gewisse Erwartungen. So möchten vielleicht die Grosseltern die Enkel zwar häufig sehen, sich aber nicht für regelmässiges Hüten einspannen lassen. Für Sie wiederum wäre es der Idealfall, wenn das Kind je einen Tag pro Woche bei den einen und bei den anderen Grosseltern verbringen könnte, wenn der Mutterschaftsurlaub vorbei ist.
Solche Erwartungen können das Verhältnis ziemlich belasten, insbesondere, wenn sie unausgesprochen bleiben. Reden Sie deshalb in Ruhe miteinander, wie Sie sich das Zusammenleben in der neuen Familiensituation vorstellen und treffen Sie sich in der Mitte, wenn die Vorstellungen weit auseinanderliegen. Und weil die Bedürfnisse sich im Laufe der Jahre ändern können, ist es hilfreich, hin und wieder miteinander zu besprechen, ob die getroffenen Vereinbarungen noch für alle stimmig sind.
Die Sache mit dem Verwöhnen
Grosseltern haben die Tendenz, ihre Enkel nach Strich und Faden zu verwöhnen. Manchmal erlauben sie auch Dinge, die Sie Ihrem Kind nie durchgehen lassen würden. Machen Sie sich darüber nicht allzu viele Gedanken. Kinder kommen ganz gut damit klar, dass bei den Grosseltern andere Regeln gelten und sie geniessen es auch, bei Grosi und Nonno mehr zu dürfen als zu Hause.
Wird Ihr Kind regelmässig von den Grosseltern gehütet, sollten Sie sich mit Ihren Eltern oder Schwiegereltern auf gewisse Grundregeln einigen, die Ihnen wichtig sind. Die Erziehungsberechtigung liegt bei Ihnen und Sie dürfen erwarten, dass sich die Grosseltern in den Grundzügen an Ihre Vorstellungen halten. Dass sie hin und wieder mal ein Auge zudrücken, wo Sie selber streng wären, ist jedoch vollkommen in Ordnung.
Wie umgehen mit Einmischung?
Keine Frage: Ihre Eltern und Schwiegereltern haben mehr Erfahrung in Sachen Kindererziehung. Je nach Charakter leiten sie aus dieser Tatsache die Erlaubnis ab, Ihnen jederzeit in Erziehungsangelegenheiten reinreden zu dürfen. Dies müssen Sie sich nicht gefallen lassen, denn es ist Ihr Kind und Sie geben die Richtung vor. Sie dürfen daher freundlich, aber bestimmt sagen, dass Sie keine Einmischung wünschen und schon nachfragen werden, wenn Sie einen Rat möchten.
Eine Art von Einmischung kann aber auch in die andere Richtung vorkommen: Eltern, die den Grosseltern haarklein vorgeben, wie sie mit dem Enkelkind umgehen sollen, wenn sie es hüten. Solche detaillierten Vorgaben sind unnötig, denn immerhin haben Oma und Opa erfolgreich mindestens ein Kind grossgezogen und wissen sich zu helfen. Es reicht also, wenn sie Ihre zentralen Erziehungsgrundsätze respektieren und eine gewisse Tagesstruktur einhalten. Ansonsten sollten sie jedoch das Zusammensein mit den Enkeln frei gestalten dürfen.
Brauchen Enkel Kontakt mit ihren Grosseltern?
Kinder können auch ohne Grosseltern glücklich aufwachsen. Es gibt jedoch viele gute Gründe, einen regelmässigen Kontakt zu ermöglichen: Grossmama und Grosspapa haben oftmals viel Zeit und sind gelassener, weil sie keine Erziehungsverantwortung tragen. Anders als die Eltern, die auf allen Seiten gefordert sind, können sie sich ganz nach den Kindern richten und Aktivitäten unternehmen, für die im Familienalltag wenig Zeit bleibt. Indem sie von früher erzählen, vermitteln sie den Enkeln ein Bewusstsein dafür, dass die Welt in einem steten Wandel ist - und dass Mama und Papa auch mal klein waren und die eine oder andere Sache ausgefressen haben. Im Laufe der Jahre erleben die Grosskinder zudem, wie ein Mensch, den sie lieb haben, immer älter und gebrechlicher wird und vermehrt auf Hilfe angewiesen ist.
Natürlich gibt es Familiensituationen, die einen engen Kontakt zwischen den Generationen erschweren. Sei es, weil man weit auseinanderwohnt, sei es wegen angespannter Beziehungen. Grosse Distanzen lassen sich heute dank technischer Hilfsmittel gut überwinden, sodass Grosseltern und Enkel trotzdem einen regelmässigen Kontakt pflegen können.
Differenzen in der Familie hingegen lassen sich oft nicht so leicht aus dem Weg schaffen. Sofern nicht schwerwiegende Gründe gegen ein Zusammensein sprechen, ist es dennoch erstrebenswert, eine Beziehung zwischen Grosseltern und Enkeln zu ermöglichen. Ihr Kind sieht die Grossmama und den Grosspapa mit eigenen Augen und baut mit der Zeit eine eigenständige Beziehung zu ihnen auf. Diese kann ganz anders sein, als Sie es in Ihrer Kindheit und Jugendzeit erlebt haben.