Wenn der Tod anklopft

Ich habe mir lange überlegt, ob ich zu diesem heiklen Thema schreiben soll. Aber – und das haben uns die letzten Monate mehr als schmerzlich gezeigt – der Tod gehört zu unserem Leben. Der Tod macht auch nicht Halt vor kleinen Kindern.

Goja hatte bereits vor etwas mehr als einem Jahr die schwierige Aufgabe, sich mit dem Tod zu befassen. Dann nämlich, als unser lieber, alter Hund Akim eingeschläfert werden musste. Mein Sohn hat natürlich unzählige Fragen gestellt nach dem Warum und dem Wohin. „Akim ist jetzt im Hundehimmel, da geht es ihm viel besser, er hat keine Schmerzen mehr – und wenn er Glück hat, hat es dort vielleicht sogar Katzen, die er jagen kann.“ Mit dieser ziemlich banalen Antwort gab sich der Kleine irgendwann zufrieden.

Ende letzen Jahres dann, verabschiedete ich mich zweimal von meinem Sohn, um ihm zu sagen, dass ich an einer Beerdigung sei. Mein Onkel und die Mutter meiner Schwägerin waren kurz hintereinander gestorben. Da ich manchmal mit meinem Sohn auf den Friedhof gehe, um seine vier Grosseltern „zu besuchen“, hatte er eine kleine Ahnung davon, was ein Grab ist. Die Tatsache, dass es sich bei den Verstorbenen um sehr alte Leute gehandelt hatte, vermochte ihn ein wenig zu trösten. Aber natürlich fragt er mich seither regelmässig: „Mami, bist du alt?“

Kurz vor Weihnachten starb einer unserer Nachbarn. Ein alter Mann, mit dem Goja oft und gerne palavert hat. Auch da half die Erklärung, dass der Mann sehr krank gewesen sei, vorher aber ein langes und schönes Leben habe geniessen dürfen. Unmittelbar danach geschah, was nie passieren dürfte! Ein Spielgruppen-Kamerädli von Goja wurde durch einen tragischen Unfall aus unserer Mitte gerissen. Kaum 3 Jahre alt. Mein Sohn war zu dieser Zeit bei meiner Schwester. Als ich ihn holte, sagte ich zu ihm: „Ich muss dir etwas Trauriges sagen wegen Lorenz*.“ Goja schaute mich an und fragte: „Ist er gestorben?“ Ich musste bejahen und die Tränen schossen mir in die Augen. Ich konnte nicht anders.

Der Tod dieses Kleinen zerreisst mir – und allen, die das mitbekommen haben – schier das Herz. Und die Nacht danach werde ich nie mehr vergessen. Goja schlief kaum, stellte Fragen über Fragen, wollte den Unfallhergang wissen, suchte Auswege, wie der Unfall hätte verhindert werden können, war zuversichtlich, dass er Lorenz dennoch wieder antreffen würde in der Spielgruppe. Tage später schien er begriffen zu haben, dass sein Freund niemals wieder mit ihm spielen würde. Er malte ein Bild, suchte eine Vogelfeder, erklärte, Lorenz hätte die so sehr gemocht und so suchten wir das Grab des Kleinen auf. Und abends sehen wir manchmal in die Sterne und schauen, ob wir einen finden, der zu Lorenz passen könnte. Es sind Versuche, mit diesem Tod zurechtzukommen. Und es ist schlicht unvorstellbar, wie die Eltern und Geschwister des kleinen Sonnenscheins jemals damit zurechtkommen sollen.

*Name geändert

Letzte Aktualisierung : 11-08-16, VZ