Runter mit dem Schopf?

Es herrscht Krieg! Ja, auch im Nahen Osten, in Afrika und vielerorts auf der Welt, aber das beschäftigt mich momentan nur am Rande. Der Krieg, den ich meine, der findet in unserem Umfeld statt. Wer jetzt glaubt, eine Kolumne über Pepes und meinen Rosenkrieg lesen zu können, muss ich enttäuschen – den gibt es gottlob nicht.

Im Gegenteil, Pepe und ich kämpfen aktuell sogar an derselben Front! Unsere Gegner? Die sind in Überzahl und mit hässlichen Scheren bewaffnet! Und ich weiss nicht, wie lange Pepe, ich und Pepes Töchter, die uns wacker Schützenhilfe leisten, unsere Bastion noch halten können. Grund für den Konflikt ist Juanitos blonde Lockenmähne. Und die Absicht einiger Verwandter und so genannter Freunde, bei der nächsten Gelegenheit zur Schere zu greifen und die Haarpracht einem anständigen Bubenschnitt zu opfern. 

Seit nunmehr einem guten halben Jahr kämpfe ich wie eine Löwin für Juanitos Mähne. Doch Tatsache ist, dass ich meinen Sohn – wenn er denn überhaupt als Bub wahrgenommen wird -  kaum mehr zeigen darf, ohne in eine Grundsatzdiskussion über Anstand, mütterliche Verantwortung und Männlichkeit verwickelt zu werden. Und natürlich scheuen sich die Gegner nicht, zu guter Letzt mit Gesundheit und Moral zu argumentieren, wenn alles andere nichts mehr bringt. „Denk an seine Augen – er wird zu schielen beginnen und für den Rest seines Lebens gezeichnet sein“, posaunen die einen, während die anderen mahnend erklären: „Wenn er so oft schwitzt mit seinen Haaren, ist er ständig erkältet und schläft schlecht. – Stell dir vor, wie du deine Nerven und das Portemonnaie schonen könntest, wenn dein Kind ohne Erkältung ruhige Nächte verbringen dürfte.“

Ui, das tönt irgendwie einleuchtend, vor allem jetzt, da Juanito und ich nachts um die Wette husten. Darum gehe ich zu Pepe und sage:  „Du, im Frühjahr, ach, das mit Juanitos Haaren, meinst du nicht auch, dass….“ – „Ach, haben sie dich jetzt weich geklopft?!“ Ich stocke. Ich will nicht, dass Pepe und ich uns ob der Frage in die Haare geraten und sage kleinlaut: „Ich habe neulich ein Foto von meinem Bruder gesehen, der hatte auch so Haare – und der ist heutzutage ja wirklich ein echter Kerl, nicht wahr?“ Pepe nickt, marschiert zusammen mit Juanito stramm zurück an die Front, kommt Stunden später etwas verwirrt zurück, erzählt, dass eine alte Frau gerühmt habe, wie das süsse Töchterchen doch dem Papa ähnlich sehe. Ratlosigkeit. Und dann fällt mir auch noch der Ach-du-dumme-Rabenmutter-Blick ein, den meine Freundin drauf hatte, als sie sagte: „Juanito wird dich später einmal mit Verachtung strafen, wenn er auf den Fotos sieht, was du ihm als Kleinkind angetan hast!“

Der Krieg um Juanitos Frisur hat definitiv die psychologische Ebene erreicht und ich bin nahe daran, zu kapitulieren. Da hilft auch Pepes lakonisches "Das ist der Neid der Besitzlosen" nicht wirklich weiter.

Letzte Aktualisierung : 08.2016, VZ