Geschwister

Wachstumsstörungen bei Kindern

swissmom: Was unterscheidet ein Kind mit einer Wachstumsstörung von anderen Kindern?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Zuerst einmal kann eine Wachstumsstörung ein zu geringes oder ein zu schnelles Wachstum bei einem Kind verursachen. Die Eltern oder das familiäre Umfeld bemerken meistens, dass das Kind deutlich grösser beziehungsweise kleiner als seine Alterskollegen ist. Solche Kinder werden im Alltag auch oft unter- oder überschätzt. Ein zu kleines Kind wird etwa aufgrund seiner geringen Körpergrösse immer für jünger gehalten. Deshalb kann eine Wachstumsstörung auch seelische Folgen für das Kind haben.

swissmom: Können Eltern ein zu geringes oder zu schnelles Wachstum bei ihrem Kind erkennen?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Innerhalb einer Familie können Wachstumsstörungen dadurch erkannt werden, dass ein jüngeres Geschwister die gleiche Körpergrösse wie das Kind mit der Wachstumsstörung erreicht oder dieses gar überholt, was für das betroffene Kind meist belastend ist. Eltern von kleinen Kindern erzählen mir oft, dass ihr Kind über zwei Jahre hinweg dieselbe Kleidergrösse hatte. Immer wieder werden Eltern aber auch von Verwandten und Bekannten gefragt, wieso ihr Kind denn so klein oder so gross ist.

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swissmom: Wo erhalten Eltern, die eine Wachstumsstörung bei Ihrem Kind vermuten, Hilfe?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Der erste Ansprechpartner für Eltern ist der Kinderarzt oder der behandelnde Hausarzt. Dieser sollte das Kind im Kleinkindes- und Schulalter regelmässig zu den Vorsorgeuntersuchungen sehen. Bei diesen Untersuchungen wird das Kind auch gewogen und gemessen. Um den Wachstumsverlauf zu dokumentieren und kontrollieren, werden die Masse des Kindes in sogenannten Perzentilenkurven (Wachstumskurven) eingetragen. Darin ist für den Kinderarzt oder Hausarzt dann ersichtlich, ob ein Kind seinem „Wachstumskanal“ folgt oder von diesem nach unten oder oben abweicht. Ebenso lässt sich aus den Percentilenkurven das Wachstum im Vergleich zur „Normalbevölkerung“ und im Vergleich zu der Grösse der Eltern dokumentieren - beides ist wichtig zur Beurteilung.

swissmom: Bei den Vorsorgeuntersuchungen beim Kinder- oder Hausarzt wird also das Wachstum des Kindes kontrolliert. Welche weiteren Untersuchungen sind denn notwendig, um eine Wachstumsstörung festzustellen?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Am Anfang steht immer eine genaue Befragung zur bisherigen Geschichte des Kindes. Die Masse bei der Geburt können bereits auf eine Wachstumsstörung hinweisen, denn manche Kinder kommen bereits zu klein und zu leicht auf die Welt. Diese knappen Startbedingungen können für den späteren Kleinwuchs mitverantwortlich sein. Daneben spielen begleitende Krankheiten und die Ernährung ab Geburt und im weiteren Kindesalter eine grosse Rolle. Hierbei kann beispielsweise eine ungenügende Kalorienzufuhr mit einem geringen Wachstum einhergehen. Auch ein Vergleich mit dem Längenwachstum und dem Zeitpunkt der Pubertätsentwicklung bei den Eltern und Geschwistern ist hilfreich. Im nächsten Schritt wird das Kind körperlich genau untersucht. Oft hilft ein Handröntgenbild weiter, um das sogenannte Knochenalter festzulegen. Das Knochenalter spiegelt quasi die innere Wachstumsuhr eines Kindes wider und erlaubt ab 8-9 Jahren auch eine ungefähre Endlängenprognose (unter Voraussetzung von normalen Wachstumsbedingungen) zu berechnen. Bei auffälligem Wachstumsverlauf ist dann meist auch eine Blutentnahme zum Ausschluss von möglichen Krankheiten oder Mangelzuständen notwendig.

Zur Person

Dr. med. Beatrice Kuhlmann praktiziert als Kinderärztin in Basel. Sie ist spezialisiert auf die Behandlung von hormonellen Störungen und Diabetes bei Kindern und Jugendlichen. Zudem ist sie als Konsiliarärztin an der Kinderklinik des Kantonsspitals Aarau tätig.

Zur Person

swissmom: Was sind die häufigsten Ursachen einer Wachstumsstörung?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Die Ursachen sind sehr vielfältig. Wie bereits erwähnt, ist das Wachstum eines Kindes immer im Zusammenhang mit seinen familiären beziehungsweise genetischen Vorgaben zu sehen. Sind die Eltern eher klein gewachsen, so werden auch die Kinder eine eher kleinere Endgrösse erreichen. Umgekehrt haben gross gewachsene Eltern oft auch grosse Kinder. Es gibt zum einen zahlreiche hormonelle Störungen wie eine Unterfunktion der Schilddrüse, einen Wachstumshormonmangel oder eine verzögerte oder zu frühe Pubertätsentwicklung.  Zum anderen spielen auch die Ernährung und Verdauung eine wichtige Rolle. So kann hinter einer Wachstumsverzögerung etwa auch eine Zöliakie (spezielle Erkrankung der Darmschleimhaut) stecken. Chromosomenstörungen oder sonstige komplexe Krankheitsbilder führen seltener zu einer Wachstumsstörung.

swissmom: Welche Ängste und Bedenken haben Eltern, wenn ihr Kind ein auffälliges Wachstum hat?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Die meisten Eltern machen sich Sorgen, weil ihr Kind wegen seiner kleineren Grösse im Alltag unterschätzt und etwa in der Schule gehänselt wird. Bei diesen Müttern und Vätern steht immer die Sorge um die Zukunft des Kindes im Mittelpunkt. Sie möchten verhindern, dass das Kind im Erwachsenenalter zu den Kleineren gehört.

swissmom: Wie werden Wachstumsstörungen bei Kindern behandelt?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann:  Das hängt von der Ursache der Wachstumsstörung ab. Wenn die Abklärungen eine krankhafte Störung ergeben, so wird diese behandelt. Ein Kind mit Zöliakie muss eine spezielle Diät einhalten. Ein Kind mit einem Schilddrüsenhormonmangel oder einem Wachstumshormonmangel erhält als Medikament das fehlende Hormon. Es ist aber nicht möglich, ein kleines Kind mit zusätzlichen Hormonen einfach grösser machen, wie dies immer wieder erwartet wird. Bei auffällig grossen Kindern ist öfters die innere Uhr vorgestellt. Das bedeutet, dass diese Kinder einfach schneller wachsen und dadurch oft früher den Pubertätsspurt beginnen, meist aber dann ihre normale Endgrösse erreichen. In diesem Fall wird, nach Ausschluss von krankhaften Ursachen, einfach abgewartet bis das Wachstum abgeschlossen ist.    

swissmom: Was geschieht, wenn eine Wachstumsstörung unbehandelt bleibt?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Ist die Ursache der Wachstumsstörung krankhaft, so sollte diese auch entsprechend behandelt werden, um Folgeprobleme zu vermeiden. Ein Kind kann beispielsweise ein Mindergedeihen später nicht mehr aufholen.

swissmom: Wie lange werden Kinder mit zu geringem oder zu schnellem Wachstum behandelt?

Dr. med. Beatrice Kuhlmann: Solange die Wachstumsfugen der Knochen offen sind, können Kinder und Jugendliche wachsen. Das Wachstum endet, je nach Pubertätsverlauf, bei Mädchen oder Knaben im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Danach ist es möglich, dass ein teilweiser Wachstumshormonmangel nicht mehr behandlungsbedürftig ist, da die körpereigene geringe Wachstumshormonproduktion für das Erwachsenenalter ausreicht. Liegt eine andere Störung wie Schilddrüsenunterfunktion oder Zöliakie vor, muss die Therapie auch im Erwachsenenalter weitergeführt werden. Das Wachstum eines Kindes und Jugendlichen ist ein sehr dynamischer Prozess, daher sollte die Abklärung bei Auffälligkeiten rechtzeitig und nicht erst „fünf vor zwölf“ erfolgen, damit ggf. die Wachstumszeit des Kindes noch genügend für eine Unterstützung genutzt werden kann. 

Letzte Aktualisierung : 08.2016, CD

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