Mutter mit Baby schaut nachdenklich
Geburt | Wochenbett | Psychologie

Postpartale Depression

Die Vorfreude auf das Baby war gross - und jetzt, wo es endlich da ist, überwiegen plötzlich Traurigkeit, Ängste und Antriebslosigkeit. Ist das noch der ganz normale Babyblues oder entwickelt sich da vielleicht eine postpartale Depression? Rund 15 % der Mütter erkranken nach der Geburt daran. Bis zur Diagnosestellung haben sie oft einen langen Leidensweg voller Schuldgefühle und Versagensängste hinter sich. Lesen Sie, welche Symptome auf eine Erkrankung hindeuten, welche Ursachen ihr zugrunde liegen und welche Therapiemöglichkeiten es gibt.

Babyblues oder Depression?

Vor ein paar Tagen haben Sie voller Freude Ihr Baby zum ersten Mal in den Armen gehalten, vor lauter Glück hätten Sie die ganze Welt umarmen können und jetzt fliessen auf einmal bei jeder erdenklichen Gelegenheit die Tränen. Viele Mütter kennen diesen Babyblues, der sich meist um den dritten bis fünften Tag nach der Geburt bemerkbar macht. Auch Erschöpfung, Schlafstörungen und Appetitlosigkeit können in dieser Zeit auftreten. Ausgelöst wird das Stimmungstief einerseits durch die abrupte Hormonumstellung im Zusammenhang mit der Geburt und dem Einsetzen der Milchbildung. Andererseits wird vielen Müttern nach der Euphorie der ersten Tage bewusst, wie tiefgreifend die Ankunft des Babys ihr Leben verändert. Dies kann zu vermehrten Sorgen, Ängstlichkeit und Unruhe führen.

Es ist zwar äusserst unangenehm, wenn Sie beim geringsten Anlass weinen müssen oder wegen Kleinigkeiten die Nerven verlieren, ein Grund zur Sorge besteht jedoch nicht. So schnell und plötzlich wie der Babyblues gekommen ist, so schnell und plötzlich verschwindet er wieder. Bei manchen Müttern dauert er nur wenige Stunden an, bei anderen zwei bis drei Tage.

Bestehen die Symptome jedoch länger als zwei Wochen oder kommen weitere hinzu, kann dies ein Hinweis auf eine beginnende postpartale Depression sein. Sprechen Sie unbedingt mit Ihrer Hebamme oder Ihrer Gynäkologin darüber, damit eine fundierte Abklärung in die Wege geleitet werden kann. Nicht immer liegt den Symptomen eine Depression zugrunde. Auch ein Eisenmangel, eine Schilddrüsenstörung oder eine Autoimmunerkrankung können der Auslöser sein. Es ist durchaus möglich, dass diese nach einer Geburt zum ersten Mal auftreten.

Welche Symptome treten bei einer postpartalen Depression auf?

Die Anzeichen, die auf eine postpartale Depression hinweisen, sind oft nur schwer zu erkennen - sowohl für die betroffene Mutter als auch für die Menschen in ihrem Umfeld. Dies liegt zum einen daran, dass die Symptome nicht plötzlich auftreten, sondern sich schleichend entwickeln. Wohl jede Mutter kennt Tage, an denen nichts ist, wie es sein sollte, an denen sie zu nichts Lust hat und bei jeder Kleinigkeit an die Decke geht. Zu erkennen, dass diese Tage überhandnehmen und die Freude sich allmählich aus dem Staub macht, ist gar nicht so einfach.
Zum anderen bemühen sich viele Frauen darum, sich nach aussen hin möglichst nichts anmerken zu lassen. Eine frischgebackene Mama muss doch einfach glücklich sein, erst recht, wenn das Baby ein sehnlichst erwartetes Wunschkind ist. Sich selbst und anderen einzugestehen, dass stattdessen Traurigkeit, Sorgen und Ängste überwiegen, fällt daher sehr schwer.

Es gibt eine Vielfalt von Symptomen, die bei einer postpartalen Depression auftreten können:

  • Stimmungsschwankungen
  • Traurigkeit, häufiges Weinen
  • Erschöpfung, sowohl geistig als auch körperlich
  • Appetitlosigkeit oder übermässig verstärkter Appetit
  • Antriebslosigkeit, Teilnahmslosigkeit, grosse Schwierigkeiten, sich aufzuraffen
  • Vernachlässigung von eigenen Bedürfnissen, zuweilen auch der Bedürfnisse des Babys
  • Reizbarkeit, stetige Unzufriedenheit, Aggressionen und Wutausbrüche
  • Konzentrationsstörungen, Gedächtnisprobleme
  • Grübeln, verlangsamtes Denken
  • Unsicherheit und Mangel an Selbstvertrauen
  • Schuld- und Versagensgefühle, Selbstvorwürfe, das Gefühl, eine schlechte Mutter zu sein
  • Sozialer Rückzug
  • Ängste, Panikattacken
  • Ein- und Durchschlafstörungen, Früherwachen
  • fehlende oder ablehnende Gefühle dem Kind gegenüber
  • Sexuelle Unlust
  • Zwangsgedanken, beispielsweise quälende Gedanken, dem Baby etwas anzutun
  • Suizidgedanken

Eine postpartale Depression kann auch von körperlichen Symptomen wie Schwindel, Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen, Übelkeit und Magenschmerzen, Herzbeschwerden, Verspannungen, Rückenschmerzen etc. begleitet sein.

Postpartal oder postnatal: Gibt es einen Unterschied?

Ob man nun von "Postpartaler Depression", "Postnataler Depression" oder "Wochenbettdepression" spricht - gemeint ist immer dasselbe. Sprachlich besteht aber durchaus ein Unterschied: "Postpartal" beudeutet "nach der Entbindung" und bezieht sich somit auf die Mutter, "postnatal" hingegen bedeutet "nach der Geburt" und bezieht sich aufs Kind. Der medizinisch korrekte Ausdruck ist daher "Postpartale Depression", viele Fachleute verwenden jedoch beide Begriffe. Umgangssprachlich wird die Erkrankung oft auch als "Wochenbettdepression" bezeichnet. Die Krankheit dauert jedoch in vielen Fällen über das Wochenbett hinaus an oder tritt erst zu einem späteren Zeitpunkt auf.

Wodurch wird eine postpartale Depression verursacht?

Es gibt in der Regel nicht den einen Grund, der dazu führt, dass eine Mutter nach der Geburt an einer Depression erkrankt. Meist spielen verschiedene Einflussfaktoren eine Rolle. Kommen viele belastende Faktoren zusammen, entwickelt sich schneller eine Depression und oftmals ist diese auch tiefer.

Körperliche Ursachen

  • Grosser Schlafmangel, der Folgen wie Erschöpfung, Reizbarkeit und in schweren Fällen auch Verwirrung und Ängste nach sich zieht.
  • Probleme, körperliche Veränderungen durch Schwangerschaft und Geburt anzunehmen, insbesondere, wenn sie bleibende Spuren wie Übergewicht und Schwangerschaftsstreifen hinterlassen
  • Vitamin- und Nährstoffmangel, unregelmässige oder unausgewogene Ernährung

Inwiefern die hormonellen Veränderungen während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit einen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben, ist nicht abschliessend erforscht. Viele Fachleute gehen jedoch davon aus, dass ein Zusammenhang besteht. Schliesslich spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle. Frauen, die bereits früher an einer psychischen Erkrankung gelitten hatten, haben ein erhöhtes Risiko, nach der Geburt an einer postpartalen Depression zu erkranken. Dasselbe gilt für Frauen, in deren Verwandtschaft solche Krankheiten aufgetreten sind.


Psychische Ursachen

Mutter zu werden bedeutet eine tiefgreifende Veränderung im Leben. Diese kann eine Identitätskrise auslösen - auch dann, wenn das Baby ein Wunschkind ist. So fühlt sich vielleicht eine Frau auf einmal auf die Mutterrolle reduziert, Fähigkeiten und Interessen, die vor der Geburt von Bedeutung waren, werden von niemandem mehr wahrgenommen und geschätzt. Hinzu können weitere Aspekte kommen, beispielsweise:

  • Schwierigkeiten, ein neues Miteinander zu finden mit dem Partner, den eigenen Eltern, den Schwiegereltern, dem Freundeskreis und insbesondere mit kinderlosen Freundinnen und Freunden
  • Trauer über den Verlust des "alten Lebens", z. B. der Verlust von Selbstbestimmtheit oder das Loslassen von Vorstellungen, wie es sein wird, Mutter zu sein
  • hohe Erwartungen an sich selbst und der Anspruch, alles perfekt zu machen und kontrollieren zu können
  • Schuldgefühle, wenn es nicht gelingt, dem eigenen Anspruch oder den Ansprüchen anderer gerecht zu werden
  • Vernachlässigung eigener Bedürfnisse, um einer idealisierten Vorstellung von Mutterschaft gerecht zu werden
  • belastende Erfahrungen aus der Vergangenheit wie z. B. Missbrauch, Verlust eines geliebten Menschen oder Spannungen mit der Herkunftsfamilie, die auf einmal wieder sehr präsent sind

Ursachen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt

  • Komplikationen in der Schwangerschaft, begleitet von Ängsten und Sorgen um das Kind
  • unerwünschte Schwangerschaft
  • ein während langer Zeit unerfüllter Kinderwunsch
  • Schwangerschaftsdepression
  • traumatische Erlebnisse unter der Geburt
  • Gefühle von Schuld und Versagen, weil die Geburt ganz anders war als erwünscht

Auch diverse Probleme im Wochenbett können zu einer Depression beitragen, so zum Beispiel, wenn das Baby sehr viel schreit, wenn das Stillen Schwierigkeiten bereitet oder wenn Sie früher als erwünscht abstillen müssen.


Ursachen im persönlichen Umfeld und im neuen Alltag

Ein Kind stellt das Leben der Eltern auf den Kopf. Meist tritt mindestens ein Elternteil beruflich kürzer, die Aufgaben im Haushalt müssen neu verteilt werden, für lange Gespräche und Sex bleibt wenig Zeit - und dann ist da noch eine kleine Persönlichkeit, die ihren Platz in der Familie einnimmt. All diese Veränderungen können die Partnerschaft auf die Probe stellen und zu Spannungen führen. Für viele Mütter kommen weitere Herausforderungen hinzu:

  • Einsamkeit und Überforderung
  • fehlende Unterstützung durch den Partner oder andere nahestehende Menschen
  • fehlender Austausch mit Müttern, die in einer ähnlichen Lage sind
  • Verlust von persönlicher Freizeit, Kontakten am Arbeitsplatz, Hobbys etc.
  • belastende Umstände wie z. B. finanzielle Sorgen, beengte Wohnverhältnisse, chronische Krankheiten, gesundheitliche Probleme des Babys, fehlendes soziales Netz etc.

Gesellschaftliche Ursachen

Die Anforderungen, die an Mütter gestellt werden, sind enorm: Bereits kurze Zeit nach der Geburt sollen sie den Alltag alleine meistern, nach wenigen Monaten steht die Rückkehr in den Beruf an, in vielen Familien bleibt ein Grossteil der Hausarbeiten an ihnen hängen und immer wieder werden Aufgaben an sie herangetragen, für die Mütter halt einfach Zeit haben sollten. Alleine schon die Herausforderung, dies alles organisatorisch unter einen Hut zu bringen, ist enorm. Hinzu kommt der Druck, weiterhin gut auszusehen, beruflich vorwärtszukommen und einen perfekten Haushalt vorzuweisen. Dieser Druck kommt nicht immer nur von aussen. Manche Mütter stellen an sich selbst den Anspruch, stets alles im Griff zu behalten und dabei nie laut zu werden. Dies ist natürlich eine Überforderung, erst recht, wenn die Möglichkeiten fehlen, sich regelmässig auszuruhen und eigene Bedürfnisse zu stillen. Der Weg in die Depression ist dann oftmals nicht weit.

Häufige Frage zum Thema

Ja, auch frischgebackene Väter können betroffen sein. Die Depression tritt jedoch oft nicht unmittelbar nach der Geburt auf, sondern erst nach 3 bis 6 Monaten. Das Risiko, zu erkranken, ist dann am grössten, wenn die Partnerin an einer postpartalen Depression leidet.

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Verdacht auf postpartale Depression - was tun?

Wenn Ihnen die oben genannten Symptome bekannt vorkommen und Sie regelmässig damit zu kämpfen haben, ist es wichtig, dies ernst zu nehmen. Erschöpfung und Depression sind nicht nur für Sie selbst belastend, sie beeinflussen auch die Bindung zum Kind. Nicht, weil Sie eine schlechte Mutter wären, sondern weil die Krankheit es Ihnen erschwert, die Signale Ihres Babys zu deuten.

Ein erster Schritt kann das Ausfüllen des EPDS-Fragebogens sein. Die "Edinburgh Postnatal Depressions Skala" umfasst 10 Fragen, mit denen die Stimmungslage der vorangegangenen 7 Tage abgefragt wird. Liegt die Gesamtpunktzahl höher als 10, sollten Sie Kontakt zu einer Fachperson aufnehmen. Zwar steht mit dem Testergebnis noch nicht fest, dass Sie an einer postpartalen Depression leiden, es ist jedoch wichtig, genauer hinzuschauen. Liegt die Gesamtpunktzahl tiefer als 10, sollten Sie sich dennoch weiterhin gut beobachten. Sie haben diesen Fragebogen ja ausgefüllt, weil Sie Anlass hatten, sich über Ihren Gesundheitszustand Gedanken zu machen.

Der Verein "Postpartale Depression Schweiz" empfiehlt Müttern, diesen Fragebogen im ersten Jahr nach der Geburt regelmässig (beispielsweise im Abstand von 14 Tagen) auszufüllen, damit Veränderungen in der Stimmungslage frühzeitig erkannt werden. Der Fragebogen kann ganz einfach und anonym online ausgefüllt und ausgewertet werden und ist zudem in verschiedenen Sprachen als Download verfügbar. 

Neben dem Testergebnis gibt es noch weitere Anzeichen dafür, dass Sie professionelle Unterstützung brauchen, um wieder aus Ihrem Tief herauszufinden. So möchten Sie sich vielleicht jeden Morgen am liebsten die Decke über den Kopf ziehen, um den Tag nicht in Angriff nehmen zu müssen. Oder Sie fürchten sich davor, mit dem Baby alleine zu sein. Oder Sie leiden an massiven Schlaf- und Appetitstörungen. Kommt Ihnen das alles nur allzu bekannt vor? Dann ist es wichtig, dass Sie möglichst bald Hilfe bekommen. Hier finden Sie eine ausführliche Liste mit weiteren möglichen Anzeichen.

Möglicherweise fällt Ihnen selbst jedoch gar nicht auf, dass sich die Dinge in eine ungute Richtung entwickeln, weil Sie sich schon längst daran gewöhnt haben, keine richtige Freude mehr zu empfinden. Spricht Sie eine Ihnen nahe stehende Person auf Ihre veränderte Stimmungslage an, wehren Sie wohl erst einmal ab. Den Vorschlag, Sie könnten Hilfe brauchen, empfinden Sie als verletzend und übergriffig. Sie können sich jedoch sicher sein: Niemand, der Sie aufrichtig liebt, spricht ein solches Thema leichtfertig an. Hilfe anzunehmen kann im ersten Moment sehr schwer sein - rückblickend werden Sie aber froh sein, es getan zu haben.

Der nächste Schritt ist die Suche nach einer Fachperson. Manchen Frauen fällt es leichter, sich erst einmal an die Hebamme zu wenden, die sie im Wochenbett betreut oder sich Rat zu holen bei der Frauenärztin, die sie in der Schwangerschaft betreut hat. Diese kennen sich aus mit den Anzeichen, die auf eine postpartale Depression hindeuten und sie können Sie an entsprechend ausgebildete Fachpersonen weiterleiten. Auf der Fachleute-Liste des Vereins Postpartale Depression finden Sie Adressen von Fachpersonen aus Ihrer Region. Die Mütter- und Väterberaterin oder Familienberatungsstellen haben ebenfalls Adressen, an die Sie sich wenden können. Lassen Sie sich von Ihrem Partner oder einer anderen nahestehenden Person helfen, wenn es Ihnen schwerfällt, zum Telefon zu greifen. In einer Depression erscheinen alltägliche Handlungen wie Telefonieren oft als unüberwindbare Hürden und es ist einfacher, wenn jemand anders den Erstkontakt herstellt.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Die wichtigste Therapieform bei einer postpartalen Depression ist eine Psychotherapie. Hier gibt es verschiedene Therapieverfahren, z. B. Psychoanalyse, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie oder systemische Psychotherapie. Welche davon für Sie die beste ist, hängt einerseits von Ihrer Persönlichkeit ab, andererseits von den Ursachen, die der Erkrankung zugrunde liegen. In der Regel finden die Sitzungen als Einzeltherapie statt, oftmals ist es jedoch ratsam, den Partner oder weitere Familienmitglieder mit einzubeziehen. Ergänzend ist der Besuch einer Gruppentherapie mit anderen betroffenen Frauen möglich.

Bei einer schweren Depression ist in Ergänzung zur Psychotherapie eine medikamentöse Therapie mit Antidepressiva angezeigt. Neben Antidepressiva können von Fall zu Fall auch noch andere Medikamente verschrieben werden.

Der Vorschlag, die Therapie mit Medikamenten zu unterstützen, löst bei vielen Frauen erst einmal Bedenken aus. Zuweilen reden auch nahestehende Menschen der Mutter ein, die Medikamente würden ihr schaden. Damit es überhaupt gelingt, die Ursachen anzugehen, die der Depression zugrunde liegen, ist medikamentöse Unterstützung jedoch oft nötig. Reden Sie mit Ihrer Psychiaterin oder Ihrem Psychiater über Ihre Bedenken. Fragen Sie ganz genau nach, wenn etwas unklar ist oder wenn Sie etwas gehört oder gelesen haben, was Sie verunsichert. Sofern Sie Ihr Baby weiterhin stillen möchten, lassen Sie sich ein Präparat verschreiben, das mit dem Stillen verträglich ist. Wichtig ist zudem, dass Sie während der ganzen medikamentösen Behandlung psychotherapeutisch betreut werden, denn ein vorzeitiges und unbegleitetes Absetzen der Medikamente kann sich negativ auf den Heilungsprozess auswirken.

Bei einer sehr schweren postpartalen Depression ist eine stationäre Behandlung angezeigt. Dies zu akzeptieren, ist für viele betroffene Frauen sehr schwer. Da jedoch die Anzahl von Therapieplätzen für Mütter mit Kindern in der Schweiz beschränkt ist, sollte nicht zu lange zugewartet werden, falls eine stationäre Therapie nötig ist. Kommt es nämlich zu einer notfallmässigen Einweisung, ist es vielfach nicht möglich, das Baby mitzunehmen. Eine solche vorübergehende Trennung vom Kind ist sehr belastend und verstärkt bereits vorhandene Versagens- und Schuldgefühle.

Was lässt sich ergänzend zur Therapie tun?

Soziale Unterstützung und Entlastung sind eine wichtige Ergänzung zur Therapie. Dies ist oft leichter gesagt als getan, denn mit einer Krankschreibung kann eine Mutter zwar von ihren beruflichen Verpflichtungen entbunden werden, nicht aber von der Kinderbetreuung und den Arbeiten im Haushalt. Ihr Partner und andere Ihnen nahestehende Personen sollten Ihnen möglichst viele Arbeiten abnehmen, um Ihnen die nötigen Ruhepausen zu verschaffen. Nicht immer ist es möglich, dass Angehörige alle Aufgaben übernehmen, die Sie im Moment nicht wahrnehmen können. In diesem Fall ist die Unterstützung durch die Spitex, die Familienhilfe des Schweizerischen Roten Kreuzes oder eine Haushalthilfe sehr wertvoll.

Ein gesunder Lebensstil trägt viel zur Genesung bei. Genügend Schlaf, regelmässige Ruhepausen, ausgewogene Ernährung und Bewegung an der frischen Luft sollten kein Luxus sein, sondern fester Bestandteil Ihres Alltags. Dies ist allerdings nur möglich, wenn Sie den Freiraum haben, um gut zu sich selbst zu schauen.

Bei einer postnatalen Depression kommen oft weitere Therapieformen unterstützend zum Einsatz, zum Beispiel eine Lichttherapie. Zeigt die Untersuchung des Hormonspiegels eine Über- oder Unterproduktion von gewissen Hormonen, kann auch eine Hormontherapie angezeigt sein. Viele Patientinnen empfinden Entspannungsmethoden, Yoga und alternative Heilmethoden als hilfreich. Sie sind jedoch kein Ersatz für eine Psychotherapie oder eine medikamentöse Therapie

Machen Sie unbedingt auch Gebrauch von unterstützenden Angeboten wie Stillberatung, Mütter- und Väterberatung, Erziehungsberatung, Elternnotruf etc. Hier bekommen Sie Hilfe in vielen Herausforderungen des neuen Familienalltags. Falls Ihr Baby sehr viel schreit, besprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin, ob der Besuch einer Schreibaby-Sprechstunde angezeigt wäre.

Wird nach der Depression alles wieder wie früher?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Symptome nach Abklingen der Depression wieder ganz verschwinden, ist gross. Dabei gilt: Je früher die Behandlung einsetzt und je fachgerechter diese durchgeführt wird, desto besser lässt sich die Krankheit behandeln. Warten Sie daher auf keinen Fall zu, wenn Sie den Verdacht haben, an einer postpartalen Depression zu leiden. Die Symptome klingen in der Regel nach einigen Monaten ab, in seltenen Fällen kann sich die Genesung auch länger hinziehen.

Wenn Sie von einer postpartalen Depression genesen sind, bleiben möglicherweise Unsicherheiten und Ängste zurück und Sie blicken nicht mehr mit der gleichen Unbeschwertheit auf das Leben wie früher. Es kann einige Zeit dauern, bis Sie Ihr altes Selbstvertrauen wieder gewinnen und vielleicht brauchen Sie dabei auch weiterhin therapeutische Unterstützung. Sie können diese belastende Erfahrung nicht aus Ihrer Lebensgeschichte tilgen, aber Sie können lernen, sie als einen Teil Ihrer persönlichen Entwicklung zu akzeptieren.

Erneut schwanger werden nach einer postpartalen Depression - geht das?

Viele Frauen beschäftigt die Frage, ob die Depression nach einer weiteren Geburt wieder auftreten wird und ob sie zur Sicherheit auf eine erneute Schwangerschaft verzichten sollen. Pauschal lassen sich solche Fragen nicht beantworten, denn jede Situation muss individuell betrachtet werden. In den meisten Fällen spricht jedoch nichts dagegen, nach einer postpartalen Depression wieder schwanger zu werden. Dabei ist es wichtig, dass die Krankheitssymptome vollständig abgeklungen sind und die Ursachen, die Sie als Auslöser erkannt haben, soweit als möglich behoben sind.

Die Angst, es könnte wieder soweit kommen, beschäftigt Sie aber vermutlich trotzdem. Durch die Bewältigung Ihrer Depression haben Sie jedoch gelernt, auf welche Symptome Sie achten müssen und welche Massnahmen Ihnen geholfen haben, wieder gesund zu werden. Informieren Sie in einer weiteren Schwangerschaft Ihren Frauenarzt und Ihre Hebamme über Ihre postpartale Depression und lassen Sie sich weiterhin durch Ihre Psychiaterin oder Ihren Psychotherapeuten begleiten. So können Sie bereits im Voraus planen, was zu tun ist, falls die Symptome wieder auftreten. Bei Bedarf kann schon in der Schwangerschaft eine medikamentöse Unterstützung aufgegleist werden.


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Erst Zucker, dann Depression | 03.06.2019

Der sog. Gestationsdiabetes ist die häufigste Begleiterkrankung in der Schwangerschaft und kann zu ernsten Komplikationen für Mutter und Kind vor und bei der Geburt führen. Aber auch nach der Geburt: Die frischgebackene Mutter entwickelt nicht selten eine Wochenbett-Depression, wie eine Meta-Studie mit ca. 2 Mio. Frauen ergab. Im Gegensatz zu einem kurzzeitig anhaltenden „Baby-Blues“ birgt sie das Risiko für eine dauerhafte Depression oder für Bindungsstörungen zum Kind, bei dem es zu Verhaltensauffälligkeiten sowie Entwicklungsstörungen kommen kann. Es ist daher wichtig, betroffene Wöchnerinnen schnell zu identifizieren, z.B. mit einem Fragebogen, der eine Einschätzung der Stimmungslage ermöglicht, und entsprechend zu behandeln.

Wütende Väter | 25.03.2019

Schätzungsweise bis zu 15 Prozent aller Mütter leiden an einer Wochenbettdepression. Die Gründe sind nach wie vor unbekannt. Als Risikofaktoren kommen psychische Vorerkrankungen, Traumata, aber auch belastende Lebenssituationen infrage. Mittlerweile wissen Forscher, dass die postpartale Depressionen auch bei Männern auftritt, nach neueren Erkenntnissen sogar etwa bei jedem zehnten frischgebackenen Vater. Die Geschlechter leiden jedoch unterschiedlich: Frauen seien oft traurig, während sich Männer eher wütend, gewalttätig oder sozial isoliert fühlen. Auf diese Symptome sollten Ärzte und Hebammen achten. Das ist aber gerade bei den Vätern schwierig: Männer meiden Arztbesuche. Zudem setzen Beschwerden bei Männern deutlich später ein, oft erst Monate nach der Geburt. Der „Baby Blues“ von Frauen beginnt meist ein bis zwei Wochen postpartal.

Heultage - Heulmonate | 17.01.2019

Etwa elf Prozent aller Frauen leiden im ersten Jahr nach der Geburt an Depressionen und jede achte Mutter benötigt Antidepressiva. Bislang ist jedoch wenig darüber bekannt, welche Frauen ein besonders hohes Risiko für den „Entbindungsblues“ - die Heultage nach der Geburt - tragen. Aktuelle Daten liefern die Forscher nun anhand einer britischen Untersuchung mit rund 207.000 Frauen. Unter jungen Frauen im Alter von 15 bis 19 Jahren ist der Anteil fast doppelt so hoch. Am stärksten depressionsgefährdet sind junge und sozial schwache Mütter und solche mit Depressionen in der Vorgeschichte. Solche Frauen bekamen ihre Depression oft schon in den ersten sechs Wochen nach der Geburt, also früher als Mütter, die zuvor keine gravierenden Stimmungstiefs hatten. Diese Angaben könnten Ärzten helfen, Wochenbettdepressionen noch besser aufzuspüren und zu behandeln.

Mutterliebe | 06.10.2018

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Schreien zieht runter: Das Gefühl, dass sich das eigene Baby nicht trösten lässt, ist ein starker Frustfaktor für die Mutter und kann zu einer postpartalen Depression führen. Die Erfahrung, nicht fähig zu sein, sein weinendes Kind zu beruhigen, kann das mütterliche Selbstvertrauen empfindlich stören. Die Frauen fühlen sich hilflos, werden zunehmend reizbar und ermüden schneller. In einer US-Studie mit 587 sechs Wochen alten Babys und ihren Müttern war die Wahrscheinlichkeit für eine Depression um das Vierfache erhöht, wenn die Frauen berichteten, ihr Kind schreie mehr als 20 Minuten am Tag, ohne sich beruhigen zu lassen. (swissmom-Newsticker, 20.6.13). Mehr zum Thema "Schreibaby"

PDA schützt vor Depressionen: Eine Wochenbettdepression trifft zehn bis 15 Prozent der Mütter während des ersten Jahres nach der Geburt. Eine chinesische Untersuchung an 214 Schwangeren zeigte, dass Frauen nach einer PDA-Geburt anschliessend nur halb so oft an einer postpartalen Depression litten. Auch auf die Bereitschaft, das Kind zu stillen, wirkte sich die Schmerzreduktion aus: 70 Prozent der Frauen mit PDA gaben ihrem Kind die Brust, aber nur 50 Prozent der Frauen, die keine Schmerzlinderung erfahren hatten. Fachleute sagen dazu: Schmerzkontrolle während der Geburt sorgt dafür, dass die Mutter einen guten Start mit ihrem Kind hat, statt total erschöpft zu sein (swissmom Newsticker, 4.8.14).

Letzte Aktualisierung : 21-01-21, BH / TV

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