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Fachperson tastet den Bauch ab
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Heb­am­men­sprech­stun­de

In­ter­view mit Ur­su­la Brot­schi


swiss­mom: Was ist an ei­ner Heb­am­men­sprech­stun­de an­ders als in der gy­nä­ko­lo­gi­schen Pra­xis?

Ur­su­la Brot­schi: Die Heb­am­me hat – als Fach­frau für die Mut­ter­schaft - die Kom­pe­tenz, Schwan­ger­schafts­kon­trol­len bei ge­sun­den Frau­en mit kom­pli­ka­ti­ons­lo­sem Ver­lauf durch­zu­füh­ren. Frau­en mit ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men oder Kom­pli­ka­tio­nen in der Schwan­ger­schaft wer­den in der Re­gel aus­schliess­lich durch den Arzt oder die Ärz­tin be­treut. Eine er­gän­zen­de Be­ra­tung durch die Heb­am­me ist je­doch eben­falls mög­lich. In der Heb­am­men­sprech­stun­de steht eine ganz­heit­li­che und in­di­vi­du­el­le Schwan­ger­schafts­be­treu­ung im Vor­der­grund. Die wer­den­de Mut­ter soll in Be­glei­tung durch die Heb­am­me Vor­aus­set­zun­gen er­hal­ten, um sich ih­ren Be­dürf­nis­sen ent­spre­chend auf die Ge­burt und die Zeit da­nach vor­be­rei­ten zu kön­nen.

Zur Per­son

Ursula Brotschi

Ursula Brotschi ist Hebamme und seit 1999 verantwortlich für die Vor- und Nachgeburtsbetreuung (Hebammensprechstunde) am Bürgerspital Solothurn. Sie gibt ausserdem Geburtsvorbereitungskurse.

swiss­mom: Wel­ches sind die In­hal­te der Heb­am­men­sprech­stun­de? 

Ur­su­la Brot­schi: Nebst der Rou­ti­ne-Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen hat in der Heb­am­men­sprech­stun­de das Be­ra­tungs­ge­spräch ei­nen wich­ti­gen Stel­len­wert. Der schwan­ge­ren Frau soll in ver­trau­ens­vol­ler At­mo­sphä­re Rah­men und Raum ge­ge­ben wer­den, da­mit sie Fra­gen stel­len, In­for­ma­tio­nen er­hal­ten oder Ängs­te und Be­dürf­nis­se an­spre­chen kann. Sie soll spü­ren, dass sie von der Heb­am­me in ih­ren Emp­fin­dun­gen ernst ge­nom­men und re­spek­tiert wird. Das Be­ra­tungs­ge­spräch be­inhal­tet nebst In­for­ma­tio­nen rund um Schwan­ger­schaft, Ge­burt und Wo­chen­bett auch The­men, wel­che die so­zia­le Si­tua­ti­on be­tref­fen oder den Rol­len­wech­sel Mut­ter-Va­ter-El­tern wer­den. Mehr­ge­bä­ren­de Frau­en ha­ben häu­fig das Be­dürf­nis über ihre Ge­burts­er­fah­run­gen zu spre­chen, ins­be­son­de­re wenn un­ver­ar­bei­te­te Er­leb­nis­se frü­he­rer Ge­bur­ten ihre Be­find­lich­keit be­las­ten. Der Zeit­fak­tor für die­se per­sön­li­chen Ge­sprä­che ist sehr be­deu­tend und soll­te nicht durch den Se­kun­den­zei­ger dik­tiert wer­den. Die Kon­sul­ta­tio­nen in der Heb­am­men­sprech­stun­de fin­den in der Re­gel bis zum Ge­burts­ter­min alle 4 – 6 Wo­chen statt und dau­ern 45 – 60 Min. Sechs Wo­chen nach der Ge­burt er­folgt eine Ab­schluss­kon­trol­le mit Nach­ge­burts­ge­spräch.

swiss­mom: Kann jede Schwan­ge­re in die Heb­am­men­sprech­stun­de kom­men? 

Ur­su­la Brot­schi: Die Heb­am­men­sprech­stun­de steht grund­sätz­lich al­len Frau­en of­fen, sei es im Rah­men von kon­ti­nu­ier­li­chen Schwan­ger­schafts­kon­trol­len durch die Heb­am­me oder als er­gän­zen­de Be­ra­tung, soll­ten die­se in der ärzt­li­chen Pra­xis er­fol­gen. Je nach Spi­tal ste­hen der Frau ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten zur Wahl, Heb­am­me und/oder Arzt. In der ers­ten Vor­sor­ge­un­ter­su­chung wird die ge­plan­te Wei­ter­be­treu­ung – nach aus­führ­li­chem Erst­ge­spräch - fest­ge­legt.

swiss­mom: Was ist mit Spe­zi­al­un­ter­su­chun­gen, wie z.B. Ul­tra­schall? 

Ur­su­la Brot­schi: Ul­tra­schall­kon­trol­len wer­den vom Arzt oder spe­zi­ell aus­ge­bil­de­ten Heb­am­men durch­ge­führt. Wer­den die Schwan­ger­schafts­kon­trol­len in der Heb­am­men­sprech­stun­de vor­ge­nom­men, ko­or­di­niert die Heb­am­me die­se aus­ser­or­dent­li­chen Ter­mi­ne und mel­det die Frau am ent­spre­chen­den Ort an. Ge­ne­rell ist die in­ter­dis­zi­pli­nä­re Zu­sam­men­ar­beit in der am­bu­lan­ten Heb­am­men­sprech­stun­de von gros­ser Be­deu­tung. Dazu ge­hört auch eine Er­näh­rungs- und Still­be­ra­tung, der So­zi­al­dienst, die Zu­sam­men­ar­beit mit frei­schaf­fen­den Heb­am­men usw. Ins­be­son­de­re mit dem Ärz­te­team der Ge­burts­hil­fe ste­hen die Heb­am­men in re­gel­mäs­si­gem, en­gem Fach­kon­takt. Bei Auf­tre­ten von Ab­wei­chun­gen des nor­ma­len Schwan­ger­schafts­ver­lau­fes wird ein Arzt oder eine Ärz­tin in­for­miert und bei­gezo­gen.

swiss­mom: Kann man si­cher sein, dass die Heb­am­me, die man dann schon gut kennt, auch die Ge­burts­be­glei­tung über­neh­men wird?

Ur­su­la Brot­schi: Die­se Fra­ge kann ich nur be­dingt be­ant­wor­ten, da ich die Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der ein­zel­nen Spi­tä­ler nicht ken­ne. Ich den­ke, dass dies eher nicht in Fra­ge kommt, da die Heb­am­me in der Sprech­stun­de an Ter­mi­ne ge­bun­den ist. 

swiss­mom: Wird die Heb­am­men­sprech­stun­de auch von der Kran­ken­kas­se be­zahlt? 

Ur­su­la Brot­schi: Im Rah­men der Mut­ter­schafts­leis­tun­gen (KVG) über­nimmt die Grund­ver­si­che­rung der Kran­ken­kas­se die Schwan­ger­schafts­kon­trol­len in der Heb­am­men­sprech­stun­de (ohne Selbst­be­halt und Fran­chise). 

swiss­mom: Gibt es sol­che Heb­am­men­sprech­stun­den an je­dem ge­burts­hilf­li­chen Spi­tal? 

Ur­su­la Brot­schi: Die Heb­am­men­sprech­stun­de ge­hört er­freu­li­cher­wei­se in vie­len – mehr­heit­lich grös­se­ren – Kli­ni­ken zur fest in­te­grier­ten, er­wei­ter­ten Dienst­leis­tung. Lei­der aber be­steht die­ses An­ge­bot nicht flä­che­de­ckend und soll­te mei­nes Er­ach­tens drin­gend aus­ge­baut wer­den. Die Be­deu­tung ei­ner ganz­heit­li­chen, be­dürf­nis­ge­rech­ten Schwan­ger­schafts­vor­sor­ge ist ins­be­son­de­re auch aus prä­ven­ti­ver Sicht sehr wich­tig, da das psy­cho-emo­tio­na­le Wohl­be­fin­den der Frau­en auf Ge­burt und El­tern­schaft gros­sen Ein­fluss ha­ben kann. Ich möch­te al­len Frau­en Mut ma­chen, den Wunsch nach ei­nem Heb­am­men­ge­spräch dem Arzt oder der Ärz­tin mit­zu­tei­len.

Letzte Aktualisierung: 03.08.2016, BH

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