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Auf­fäl­lig­kei­ten in der Sprach­ent­wick­lung

Arzt macht einen Test mit dem Kind
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Der Sprach­er­werb ist ein fas­zi­nie­ren­der Pro­zess, der Er­wach­se­ne im­mer wie­der in Stau­nen ver­setzt: Wie schnell doch klei­ne Kin­der in der Lage sind, gros­se Wor­te von sich zu ge­ben! Aber längst nicht im­mer läuft die­ser Pro­zess stö­rungs­frei ab. Wel­che Ar­ten von Sprach­auf­fäl­lig­kei­ten gibt es und was deu­tet auf eine ge­stör­te Sprach­ent­wick­lung hin? 

Sprech- oder Sprach­stö­rung?


Spra­che ist ein kom­ple­xes und viel­schich­ti­ges Sys­tem - ent­spre­chend viel­fäl­tig sind auch die Auf­fäl­lig­kei­ten, die auf­tre­ten kön­nen. Die Stö­rungs­bil­der wer­den un­ter­schie­den in Sprech- und Sprach­stö­run­gen. Bei ei­ner Sprech­stö­rung weiss die be­trof­fe­ne Per­son zwar, was sie sa­gen möch­te, es ge­lingt ihr je­doch nicht, das Ge­dach­te flies­send aus­zu­drü­cken. Nicht das Sprach­ver­mö­gen ist be­ein­träch­tigt, son­dern der Re­de­fluss oder die Sprech­mo­to­rik. Bei­spie­le für Sprech­stö­run­gen sind Stot­tern, Ar­ti­ku­la­ti­ons­stö­run­gen wie z. B. Lis­peln, Stimm­stö­run­gen und Pol­tern. 

Bei ei­ner Sprach­stö­rung ist das Sprach­ver­mö­gen be­ein­träch­tigt, d. h. es be­stehen Pro­ble­me, Spra­che ge­dank­lich zu er­zeu­gen. Je nach­dem, wel­che Sprach­ebe­ne be­trof­fen ist, äus­sert sich dies un­ter­schied­lich, bei­spiels­wei­se als Laut­bil­dungs­stö­rung, in Pro­ble­men mit der Gram­ma­tik oder in ei­nem man­gel­haf­ten Wort­schatz. 

Sprach­stö­run­gen kön­nen ex­pres­siv oder re­zep­tiv sein. Bei ei­ner ex­pres­si­ven Sprach­stö­rung ist die Pro­duk­ti­on der Spra­che be­ein­träch­tigt. Es ist also hör­bar, dass ein be­trof­fe­nes Kind Schwie­rig­kei­ten hat, sei­ne Ge­dan­ken in kor­rek­te Spra­che zu fas­sen. Bei ei­ner re­zep­ti­ven Sprach­stö­rung hin­ge­gen ist das Sprach­ver­ständ­nis be­ein­träch­tigt; dem Kind ge­lingt es nicht, die ver­ba­le Ebe­ne der Kom­mu­ni­ka­ti­on in vol­lem Um­fang zu ver­ste­hen.

Bei­spie­le für Sprach­stö­run­gen sind Sprach­ent­wick­lungs­stö­run­gen (spe­zi­fisch und se­kun­där), Mu­tis­mus und Apha­si­en. 

Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­rung oder Stö­rung der Sprach­ent­wick­lung?


Die Ab­fol­ge der ein­zel­nen Schrit­te der Sprach­ent­wick­lung ist bei al­len ge­sun­den Kin­dern ziem­lich gleich. Das Tem­po, in dem sich die­se Ent­wick­lung voll­zieht, va­ri­iert je­doch stark. So be­herrscht das eine Kind an sei­nem ers­ten Ge­burts­tag be­reits ei­ni­ge Wört­chen, wäh­rend ein an­de­res erst ein paar Mo­na­te spä­ter so weit ist. 

Die­se Un­ter­schie­de im Ent­wick­lungs­tem­po ma­chen es schwie­rig zu er­ken­nen, ob sich ein Kind le­dig­lich et­was mehr Zeit lässt oder ob eine Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­rung vor­liegt. Spricht ein Kind im Al­ter von 24 Mo­na­ten we­ni­ger als 50 Wör­ter, kann es sein, dass es zu den so­ge­nann­ten Late Tal­kers ge­hört, die ih­ren Rück­stand bis zum 3. Ge­burts­tag von selbst auf­ho­len. Der lang­sa­me Zu­wachs im Wort­schatz kann aber auch ein frü­her Hin­weis auf Auf­fäl­lig­kei­ten in der Sprach­ent­wick­lung sein. Ähn­lich schwie­rig ist die Ein­schät­zung bei Aus­sprache­pro­ble­men: Vie­le Kin­der durch­lau­fen beim Spre­chen­ler­nen eine Pha­se, in der sie stot­tern. Ob sich dies von selbst wie­der aus­wächst oder ob eine be­hand­lungs­wür­di­ge Be­ein­träch­ti­gung vor­liegt, lässt sich nicht so leicht ein­schät­zen.

Aus die­sem Grund ist es wich­tig, nicht ein­fach ab­zu­war­ten, was pas­siert. Spre­chen Sie die Auf­fäl­lig­kei­ten bei den kin­der­ärzt­li­chen Rou­ti­ne­un­ter­su­chun­gen an. So kann die Sprach­ent­wick­lung in Zu­kunft in re­gel­mäs­si­gen Ab­stän­den kon­trol­liert wer­den. Dies gilt ins­be­son­de­re dann, wenn El­tern, Ge­schwis­ter oder an­de­re di­rek­te Ver­wand­te von ei­ner Sprech- oder Sprach­stö­rung be­trof­fen sind und so­mit von ei­ner fa­mi­liä­ren Ver­an­la­gung aus­ge­gan­gen wird.

Ob und wann ein Kind eine The­ra­pie be­nö­tigt, ist sehr in­di­vi­du­ell und hängt stark von der Art der Sprach­auf­fäl­lig­keit ab. So kann bei­spiels­wei­se beim Stot­tern schon re­la­tiv früh mit ei­ner The­ra­pie be­gon­nen wer­den, wenn das Kind ein Stö­rungs­emp­fin­den hat und sich Un­ter­stüt­zung wünscht. Eine Sprach­ent­wick­lungs­stö­rung hin­ge­gen lässt sich in der Re­gel vor Be­ginn des 4. Le­bens­jah­res noch gar nicht si­cher dia­gnos­ti­zie­ren.

Wel­che An­zei­chen kön­nen auf Sprach­auf­fäl­lig­kei­ten hin­deu­ten?


Doch wor­an kön­nen El­tern über­haupt er­ken­nen, ob die Sprach­ent­wick­lung er­war­tungs­ge­mäss ver­läuft? Es gibt ei­ni­ge frü­he An­zei­chen, die auf Auf­fäl­lig­kei­ten hin­wei­sen kön­nen:

6 Monate:

  • Das Baby hört auf, vor sich hin zu plaudern und bildet kaum oder gar keine Laute.

12 Monate: 

  • Das Baby lallt nicht in Silbenfolgen („gagaga“, „dada“).

24 Monate: 

  • Der Wortschatz des Kindes umfasst weniger als 50 Wörter.
  • Es hat noch nicht begonnen, Zweiwortsätze zu bilden.

2 - 3 Jahre: 

  • Das Kind bildet noch keine einfachen Sätze.
  • Der Wortschatz erweitert sich nur langsam und das Kind verwendet kaum verschiedene Wortarten.
  • Die Sprache ist sehr schwer verständlich.

3 - 4 Jahre: 

  • Der Wortschatz wächst kaum. Das Kind verwendet sehr oft unspezifische Wörter wie „Ding“ anstelle eines konkreten Begriffs. 
  • Es spricht in auffällig kurzen oder grammatikalisch fehlerhaften Sätzen.
  • Es bildet mehrere Laute nicht korrekt oder lässt beim Sprechen Laute und Silben weg. Dadurch fällt es anderen schwer, seine Sprache zu verstehen.

4 - 6 Jahre: 

  • Ein Lispeln kann bis zum 5. Lebensjahr und während des Zahnwechsels noch normal sein. Alle anderen Laute sollte das Kind jetzt aber korrekt bilden können.
  • Das Kind verfügt über einen begrenzten Wortschatz. Oft fehlen ihm die Worte, um etwas konkret benennen zu können.
  • Es spricht in einfachen Sätzen, bildet keine Nebensätze und macht häufig Fehler im Satzbau.

Wie be­reits er­wähnt, kann eine Sprach­stö­rung auch das Sprach­ver­ständ­nis be­tref­fen. Die Hin­wei­se dar­auf sind deut­lich schwie­ri­ger zu er­ken­nen. Bei ei­nem be­trof­fe­nen Kind be­steht leicht der Ein­druck, es wür­de halt nicht be­son­ders gut zu­hö­ren und des­halb An­wei­sun­gen nicht ganz wie er­war­tet be­fol­gen. In Wirk­lich­keit aber hat es Mühe da­mit, die ver­ba­le Ebe­ne der Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ver­ste­hen. Die be­nö­tig­ten In­for­ma­tio­nen lei­tet es aus dem Ton­fall der Stim­me, aus Mi­mik und Ges­tik so­wie aus dem Kon­text ab.

Oft­mals fällt zu­erst nur die ver­zö­ger­te Sprach­ent­wick­lung auf. Bei ge­naue­rem Hin­se­hen las­sen sich je­doch An­zei­chen er­ken­nen, die auf eine Be­ein­träch­ti­gung des Sprach­ver­ständ­nis­ses hin­deu­ten kön­nen. Es kann sich da­bei je­doch auch um Hin­wei­se auf eine all­ge­mei­ne Ent­wick­lungs­ver­zö­ge­rung oder eine Schwä­che der Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit han­deln. Dar­um ist eine ge­naue Ab­klä­rung sehr wich­tig

Im Ba­by­al­ter: 

  • Das Baby re­agiert nicht auf sei­nen Na­men. Die meis­ten Ba­bys ken­nen ih­ren Na­men frü­hes­tens ab ei­nem Al­ter von 4 Mo­na­ten und spä­tes­tens mit 8 Mo­na­ten.

  • Es zeigt we­nig In­ter­es­se an sprach­li­cher In­ter­ak­ti­on.

  • Ge­gen Ende des ers­ten Le­bens­jah­res be­ginnt ein ge­sun­des Kind, über den Blick­kon­takt In­for­ma­tio­nen ein­zu­for­dern. Es schaut ei­nen Ge­gen­stand an und sucht dann Blick­kon­takt zu sei­ner Be­zugs­per­son. Dar­in steckt die Auf­for­de­rung: „Er­zähl mir mehr über das, was ich da sehe.“ In der Fach­spra­che wird dies tri­an­gu­lä­rer Blick­kon­takt ge­nannt. Bei Kin­dern mit Sprach­ver­ständ­nis­stö­run­gen fin­det die­se Art von Blick­kon­takt sel­ten oder gar nicht statt

Im Klein­kind- und Vor­schul­al­ter: 

  • Das Kind re­agiert nicht auf Auf­for­de­run­gen oder es re­agiert vor­schnell, be­vor es alle nö­ti­gen In­for­ma­tio­nen be­kom­men hat. 

  • In ver­trau­ten Si­tua­tio­nen han­delt es im­mer gleich, auch wenn Sie ihm die kon­kre­te An­wei­sung ge­ben, eine Sa­che aus­nahms­wei­se an­ders zu ma­chen. 

  • Ih­nen fällt auf, dass Sie mit Ih­rem Kind im­mer in ein­fa­chen Sät­zen spre­chen und die glei­chen Schlüs­sel­wör­ter ver­wen­den müs­sen, da­mit es Sie ver­steht. 

  • Das Kind schaut zwar ger­ne Bil­der­bü­cher an, zeigt je­doch kein In­ter­es­se am Vor­le­sen und Ge­schich­ten hö­ren.

  • Es ach­tet stark auf Mi­mik, Ges­tik und Kon­text, wenn mit ihm ge­spro­chen wird.

  • Sie ha­ben auf­fäl­lig oft den Ein­druck, Ihr Kind höre Ih­nen nicht rich­tig zu. 

Im Kin­der­gar­ten- und Schul­al­ter:

  • Das Kind ant­wor­tet auf Fra­gen sehr oft mit Ja. Bohrt je­mand nach, ant­wor­tet es un­ge­nau.

  • Es stellt nur sel­ten Fra­gen. Tut es dies doch, sind die Fra­gen for­mel­haft. Eine Ant­wort scheint es nicht zu er­war­ten. 

  • Das Kind re­pe­tiert oft wört­lich, was man zu ihm sagt (Echo­la­lie).

  • In Grup­pen ori­en­tiert es sich stark an dem, was die an­de­ren Kin­der tun

  • Es hat gros­se Mühe, kom­ple­xe Sät­ze und An­wei­sun­gen zu ver­ste­hen.

  • Dem Kind fällt es schwer, län­ger zu­zu­hö­ren. In Ge­sprä­chen lässt es sich sehr leicht ab­len­ken.

  • Es kommt auf­fal­lend oft zu Miss­ver­ständ­nis­sen

Was kön­nen El­tern bei Sprach­au­fäl­lig­kei­ten tun?


Wenn Sie sich als El­tern mit dem Ge­biet der Sprach­auf­fäl­lig­kei­ten kon­fron­tiert se­hen, kann leicht ein Ge­fühl der Über­for­de­rung auf­kom­men. So vie­le ver­schie­de­ne Stö­rungs­bil­der, so viel kom­ple­xes Fach­wis­sen, so viel Un­ge­wiss­heit, ob sich eine Auf­fäl­lig­keit von selbst aus­wach­sen wird. 

Las­sen Sie sich da­durch nicht ver­un­si­chern. Als Mut­ter und Va­ter müs­sen Sie kei­ne Sprach­wis­sen­schaft­ler sein. Ihre Rol­le ist eine an­de­re: Sie sind Ex­per­ten in der Spra­che Ih­res Kin­des, denn Sie er­le­ben es in den ver­schie­dens­ten All­tags­si­tua­tio­nen. Wenn Sie den Ein­druck ha­ben, die Sprach­ent­wick­lung Ih­res Kin­des ver­lau­fe nicht al­ters­ge­recht, ist es da­her wich­tig, dass Sie das Ge­spräch mit Ih­rer Kin­der­ärz­tin oder Ih­rem Kin­der­arzt su­chen. Dies gilt ins­be­son­de­re, falls bei an­de­ren Fa­mi­li­en­mit­glie­dern Sprech- oder Sprach­stö­run­gen be­kannt sind. Fach­leu­te ge­hen da­von aus, dass vie­le Stö­run­gen zu ei­nem Teil erb­lich be­dingt sind. 

Blei­ben die Pro­ble­me be­stehen, ob­schon bei der kin­der­ärzt­li­chen Kon­trol­le kei­ne Auf­fäl­lig­kei­ten fest­ge­stellt wur­den, spre­chen Sie das The­ma bei der nächs­ten Un­ter­su­chung er­neut an. Am hilf­reichs­ten ist es na­tür­lich, wenn Sie Ihre Be­den­ken an­hand von kon­kre­ten Bei­spie­len il­lus­trie­ren kön­nen. 

Wird bei Ih­rem Kind eine Sprech- oder Sprach­stö­rung fest­ge­stellt, las­sen Sie sich ge­nau er­klä­ren, wie sich die­se äus­sert und aus­wirkt, wie sie the­ra­piert wer­den kann und wie Sie Un­ter­stüt­zung bie­ten kön­nen. Auch hier ist wie­der wich­tig: Sie müs­sen nicht die The­ra­peu­tin oder der The­ra­peut Ih­res Kin­des sein. Ihr Bei­trag ist es, dem Kind ein Um­feld zu bie­ten, in dem es sich mit sei­nen Schwie­rig­kei­ten an­ge­nom­men weiss und in dem es mög­lichst un­be­schwert in ganz all­täg­li­chen Si­tua­tio­nen sei­ne Sprach­fer­tig­kei­ten üben und er­wei­tern darf.

FAQHäu­fi­ge Fra­gen zum The­ma

Die Sprach­ent­wick­lung ver­läuft bei je­dem Kind un­ter­schied­lich. Die ers­ten Wör­ter, der ers­te Zwei­wort­satz, ver­an­las­sen El­tern häu­fig zu Ver­glei­chen mit gleich­alt­ri­gen Kin­dern, was nicht sel­ten zu Ver­un­si­che­run­gen führt. Im Al­ter von 24 Mo­na­ten spre­chen etwa 20 Pro­zent al­ler Kin­der noch kei­ne 50 …
Letzte Aktualisierung: 25.03.2022, TV

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