Schüchternes Mädchen

So unterstützen Sie ein schüchternes Kind

 

Während manche Kinder sich voller Selbstbewusstsein und Neugierde in unbekannte Situationen wagen, sind andere deutlich zurückhaltender. Sie beobachten lieber von der sicheren Warte aus, was vor sich geht. Werden sie angesprochen, schauen sie unsicher zu Boden, auf Fragen antworten sie nicht oder nur sehr leise. Ihre Schüchternheit hindert sie daran, anderen Menschen und Situationen mit Offenheit und kindlicher Neugierde zu begegnen. Dies ist nicht nur für die betroffenen Kinder belastend, auch die Eltern machen sich oft Sorgen.

Beachten Sie!

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Die Schüchternheit ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich den betroffenen Kindern in der Interaktion mit anderen Kindern und Erwachsenen in den Weg stellt. Schüchterne und unsichere Kinder können in ihrer Entwicklung im sozialen Bereich etwas verzögert sein. Sie verfügen (noch) nicht über allgemein akzeptierte Reaktionsmuster, weil sie diese wegen ihrer Zurückhaltung kaum austesten und üben konnten. Kontakt aufzunehmen und sich ihre sozialen Fertigkeiten in der Interaktion mit verschiedenen Personen anzueignen, müssen sie erst mühsam erlernen. Wie schnell dies einem schüchternen Kind gelingt, kann ganz unterschiedlich sein. Als Eltern müssen Sie jedoch nicht untätig dabei zusehen, sondern Sie können es aktiv in diesem Lernprozess unterstützen.

Sicherheit bieten
Für ein unsicheres, schüchternes Kind ist eine verlässliche, klar strukturierte Umgebung sehr wichtig, einerseits für sein Wohlbefinden, andererseits auch für seine Entwicklung. An Vertrautem kann es sich am besten orientieren. Unbekanntes hingegen verunsichert es. Ängstliche oder für andere befremdliche Reaktionen können die Folge sein. 

Gute Umgangsformen ohne Druck
Schüchterne Kinder haben häufig Problem mit der Höflichkeit. Ihr Kind traut sich vielleicht nicht, um etwas zu bitten, sich zu bedanken oder sich von jemandem zu verabschieden. Für Sie als Eltern kann dies bisweilen sehr peinlich sein. Es gibt zwei Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Entweder, Sie machen Druck und verlangen die Einhaltung gewisser Höflichkeitsformen. Die zweite Möglichkeit ist, den Druck wegzunehmen, im Vertrauen darauf, dass das Kind die guten Umgangsformen im Laufe der Zeit mit Ihrer Unterstützung lernen wird.

Das Problem bei der ersten Möglichkeit ist, dass sich gute Umgangsformen nicht einfach erzwingen lassen. Anstand und Höflichkeit sind nicht bloss antrainierte Floskeln. Es geht vielmehr darum, andere Menschen und ihre Gefühle zu achten und zu respektieren. Höflichkeit ist also in erster Linie eine innere Wertehaltung, die Eltern ihren Kindern vermitteln. Von Ihnen als Eltern ist eine enorme Gelassenheit gefordert, wenn Sie gute Umgangsformen ohne Druck vermitteln wollen. Situationen, in denen sich Ihr Kind nicht so verhält, wie man es von ihm erwartet, dürfen Ihnen nicht peinlich sein. 

Statt sich für ein unfreundliches Kind immer wieder entschuldigen zu müssen, besteht die Möglichkeit, das Grüssen, Bedanken oder Nachfragen für Ihr Kind zu übernehmen, bis es das selber kann. Gehen Sie dabei auf die gleiche Höhe wie Ihr Kind und fragen Sie es, ob es das selber oder zusammen mit Ihnen machen möchte. So sind Sie ein gutes Vorbild, verlieren Ihr Gesicht nicht und Ihr Kind macht wiederholt positive Erfahrungen durch die angenehmen Reaktionen der anderen Menschen. 

Anstand – warum überhaupt?
Wichtig ist, dass Eltern überzeugend begründen können, wozu es überhaupt Anstandsregeln braucht. Argumentieren Sie also nicht nur, dass sich das einfach so gehört, oder dass man das halt einfach tut. Erklären Sie stattdessen, welche Gefühle ein gewisses Verhalten bei der anderen Person auslösen könnte.

Das eigene Vorbild überdenken
Kinder schauen sich von ihren Eltern ab, wie man mit anderen Menschen umgeht. Sind die Eltern ängstlich und zurückhaltend, kann sich dieses Verhalten auch auf die Kinder übertragen. Wenn Ihr Kind mit Schüchternheit zu kämpfen hat, sollten Sie deshalb auch Ihr eigenes Verhalten kritisch hinterfragen. 

Loben, aber richtig
Hat das Kind den Mut aufgebracht, eine Frage zu beantworten oder sich bei jemandem zu bedanken, hat es ein Lob verdient. Wichtig ist, dass das Lob aufrichtig, aber nicht übertrieben ist. Sagen Sie nicht, Sie seien stolz auf Ihr Kind, weil es sich "getraut" hat, sondern weisen Sie es darauf hin, welche positive Reaktion es bei seinem Gegenüber das ausgelöst hat. Zum Beispiel so: „Sieh nur, wie sehr sich die Frau gefreut hat, weil du sie so nett gegrüsst hast.“

Auf die Wortwahl achten
Es ist so schnell herausgerutscht, wenn dem Kind kein „Danke“ über die Lippen kommen will: „Nun hab’ dich doch nicht so! Trau dich einfach. Ist doch wirklich nicht so schwer...“ Solche Worte machen alles nur noch schwieriger für das Kind. Es ist ja nicht so, dass es nicht will. Es kann nicht, weil ihm seine Schüchternheit im Wege steht. Drängen Sie nicht, sondern versuchen Sie, Ihr Kind zu unterstützen. Zum Beispiel, indem Sie gemeinsam mit ihm ein realistisches Ziel setzen und dann zur Belohnung etwas Kleines unternehmen, was dem Kind besonders viel Freude bereitet. 

Freunde finden trotz Schüchternheit
Schüchternheit gegenüber anderen Kindern hat in vielen Fällen zur Folge, dass das Kind Mühe hat, Freunde zu finden. Für Eltern ist dies oft nur schwer auszuhalten. Dennoch sollten Sie erst einmal zuwarten und Ihr Kind nicht dazu drängen, auf andere zuzugehen. Dadurch könnte es nämlich erst recht verunsichert werden und sich noch mehr zurückziehen. Wenn das Kind andere erst einmal in Ruhe beobachten kann, fällt es ihm möglicherweise leichter, erste Annäherungsschritte zu machen, sobald es sich dazu bereit fühlt. 

Grössere Gruppen stellen für viele schüchterne Kinder eine Überforderung dar. Vermutlich kann Ihr Kind besser Kontakt knüpfen, wenn Sie einen Spielkameraden zu sich nach Hause einladen. In seiner vertrauten Umgebung fühlt sich Ihr Kind sicherer. Damit die Kinder leichter zueinander finden, ist es am besten, wenn das andere Kind etwa gleich alt ist und möglichst ähnliche Interessen hat. 

Das Kind nehmen, wie es ist
Es hilft nichts, sich gegen die Schüchternheit aufzulehnen. Sie ist nun mal ein Merkmal der Persönlichkeit Ihres Kindes. Akzeptieren Sie Ihr Kind so, wie es ist und bieten Sie ihm die Unterstützung, die es braucht, um sich in sozialen Situationen zu bewähren. So wird es ihm am ehesten gelingen, seine Schüchternheit zu überwinden, wenn es dazu bereit ist.      

Letzte Aktualisierung: 10.2017, JL / TV