Wassergeburt
Geburt | Schmerzerleichterung

Ist die Wassergeburt sicher genug?

Viele werdende Eltern fragen sich, ob ein Kind bei einer Wassergeburt nicht „ertrinken“ kann. Das ist normalerweise gar nicht möglich, denn Neugeborene haben noch den sogenannten Tauchreflex, der bis zum vierten Lebensmonat nachweisbar ist und z.B. beim Babytauchen ausgenutzt wird. Nerven-Rezeptoren in der Gesichtshaut reagieren im Wasser mit einem sofortigen und unwillkürlichen Kehlkopfverschluss. Solange also das Gesicht mit Wasser in Berührung bleibt, kann kein Wasser in die Lungen gelangen. Erst wenn das Kind aus dem Wasser auftaucht und die kalte Aussenluft spürt, kann es seine ersten "richtigen Atemzüge" tun.

Für diesen Moment hat es im Mutterleib schon geübt: Bei Ultraschalluntersuchungen kann man sehen, dass Ungeborene bereits so etwas Ähnliches wie Atembewegungen machen. Daraus schliesst man, dass auch das Einatmen von Wasser nach der Geburt nicht dramatisch wäre. Ausserdem ist schon vor der Geburt Flüssigkeit in der Lunge, die für die Ausdehnung der Lunge nach der Geburt sehr wichtig ist. Erst wenn diese Flüssigkeit resobiert, abgehustet oder abgesaugt worden ist, füllt sich die Lunge mit Luft.

Unter bestimmten Bedingungen kann der Tauchreflex ausser Kraft gesetzt werden, und zwar wenn das Ungeborene vor und während der Geburt mit zuwenig Sauerstoff versorgt wurde. Das ist zum Beispiel der Fall bei einer Plazentainsuffizienz (ungenügende Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen), wenn das Kind noch sehr unreif ist (also bei einer Frühgeburt), wenn die Herztöne des Kindes im CTG schlecht werden und/oder  grünes Fruchtwasser vorhanden ist.

Auch in anderen geburtshilflichen Risikosituationen, z.B. Mehrlingsgeburten, Beckenendlagen oder einem zu grossen Köpfchen bei schmalem Becken (relatives Missverhältnis), ist eine Wassergeburt aus medizinischer Sicht von vorneherein nicht zu empfehlen. Sollte es unter der Geburt zu einer Komplikation kommen, z.B. zu einer Schulterdystokie, d.h. Steckenbleiben der Schultern nach der Geburt des Köpfchens, wird die Wassergeburt sofort abgebrochen und auf einem normalen Gebärsaalbett weitergeführt. Die dabei erforderlichen Hilfsmanöver sind im Wasser nicht möglich. Gegner der Wassergeburt sehen durch den Zeitverlust bei der Umlagerung einen deutlichen Nachteil.

Schwangere mit akuten Infektionen, z.B. HIV-Infektion, Hepatitis und Herpes genitalis sind ebenfalls von einer Wassergeburt ausgeschlossen. Und auch bei Schwangeren, die bei vorhergehenden Geburten Komplikationen hatten, ist eine Wassergeburt nicht zu empfehlen.

In einigen anderen Situationen ist eine Wassergeburt wahrscheinlich nicht günstig, aber in Einzelfällen zu erwägen. Dazu gehört starkes Übergewicht der Schwangeren, ein vorzeitiger Blasensprung und bestimmte mütterliche Erkrankungen, wie z.B. Bluthochdruck oder das Gegenteil, eine bestehende Hypotonie mit Kreislaufschwankungen.

Warmes Wasser hat eine gefässerweiternde Wirkung, je wärmer desto mehr. Das kann bei bestehenden Krampfadern, v.a. im Genitalbereich, gefährlich sein und zu verstärkten Blutungen unter der Geburt führen. Deshalb wird in solchen Fällen entweder von einer Wassergeburt abgeraten oder eine niedrigere Wassertemperatur (unter 34 °C) empfohlen. Bei Kopfaustritt sollte das Wasser dann aber wieder auf ca. 34- max. 37°C erwärmt werden, damit sich das Neugeborene nicht abkühlt. Wenn eine Frau vermehrt blutet im Wasser, muss ausserhalb der Wanne abgeklärt werden, was die Blutungsursache ist und wieviel sie blutet. Im Wasser ist der Blutverlust nicht abschätzbar, und das ist gefährlich.

Mehrere Studien haben die Gefahr einer Infektion für die Mutter und das Neugeborene bei einer Wassergeburt untersucht. In den meisten Untersuchungen konnte kein erhöhtes Infektionsrisiko festgestellt werden. Aber einleuchtend ist sicher, dass krankheitsauslösende Keime sich im warmen Wasser optimal vermehren können. Dabei sind es nicht die Keime der Mutter selbst, sondern vor allem Fremdkeime in der Badewanne durch ungenügende Reinigung und Desinfektion zwischen verschiedenen Geburten. Die in Krankenhäusern üblichen Bakterien sind besonders aggressiv und oft unempfindlich gegen Desinfektionsmittel und Antibiotika. Regelmässige Keimuntersuchungen, also Abstriche aus der Geburtswanne, sind daher unerlässlich.

Letzte Aktualisierung : 28-04-16, BH / ET

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