Familie telefoniert mit Schnurtelefon

Wie erleben Sie den Familienalltag in Coronazeiten?

Die Kinder sind zu Hause, die Eltern sind noch mehr gefordert, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, Freizeitaktivitäten und Ausflüge sind vorerst mal nicht möglich. Diese Ausnahmesituation ist für alle gleich - und doch erleben wir sie ganz unterschiedlich.

Erzählen Sie uns von Ihrem ungewohnten Familienalltag! Was fordert Sie heraus? Was ist einfacher geworden? Was beschäftigt Sie besonders und welches sind Ihre Lichtblicke? Wir freuen uns auf Ihre Erfahrungsberichte.

T.M. / 2 Erwachsene und 2 Teenies

Es wurde schon lange vermutet, dass die Schulen geschlossen werden, aber weder als Mutter noch als Lehrerin habe ich daran geglaubt. Es schien mir sehr unwirklich. Und dann war der Tag da. In meinem Wohnkanton hatten wir zwei Arbeitstage Zeit, den Fernunterricht vorzubereiten. Meine Schule ist so mittelmässig ausgerüstet, was die Digitalisierung anbelangt, aber wir hatten bereits die Berechtigung zu zwei Plattformen. Unser ICT Verantwortlicher wählte die einfacher und so bekamen wir LP eine Schnellschulung und mussten dann den Fernunterricht aus dem Boden stampfen. Daneben hatte ich ja noch ein Familienleben mit Kindern, die im Moment Zuhause waren und nichts zu tun hatten. Die erste Woche war wirklich hart. Entweder schlief, ass oder arbeitete ich, und das, obwohl ich eigentlich nur 50% angestellt wäre. In der zweiten Woche stellte sich eine Routine ein. Wir stehen zeitig auf, damit die meine Kinder am Morgen mit dem Schulprogramm durchkommen. Sie arbeiten zum Glück sehr selbständig. Mein Mann und ich unterrichten von Zuhause aus. Mir ist es wichtig, dass ich jede Woche mindestens einmal per Telefon oder Videokonferenz zu all meinen Schülerinnen und Schülern (rund 45 Stück) Kontakt habe.

In der Familie gibt es nun auch Zeiten, die es vorher nicht gab. So putzen wir alle zusammen am Mittwochnachmittag und am Samstag das Haus. Oder meine Girls machen jeden Tag zusammen eine Stunde Sport. Ich gehe jeden Tag auf einen Spaziergang. Es dürfen alle mitkommen, die wollen. Mein Mann kocht nun, da er weniger belastet ist als ich. DAS wollen wir dann nach der Coronazeit gleich beibehalten. Ich habe gar keine Zeit, mir zu überlegen, was denn diese Situation nun genau bedeutet. Ich habe auch keine Zeit, mir Sorgen zu machen. Mein Hamsterrad läuft fast noch schneller als vorher. Die Tipps, was man aus Langeweile in der Quarantäne tun könnte, nützen mir nix, im Gegenteil, sie machen mich hässig, da ich wirklich, wirklich keine Zeit habe für so etwas. Und auch alle die Telefone, die es zu jeder Tageszeit gibt. Verwandte und Bekannte, die nun massig Zeit haben und die mit uns telefonieren wollen und wir, die am Arbeiten sind, das beisst sich. Ich bin sehr dankbar. Ich bin dankbar, dass es uns gut geht, dass wir, weil wir arbeiten müssen, keine finanziellen Probleme haben, dass wir uns so gut einrichten konnten, dass meine Kinder so selbständig arbeiten. Mit meiner neuen Rolle als Leuchtturm der Familie in der Krisenzeit komme ich gut zurecht. Ich finde meine innere Mitte auf meinem täglichen Spaziergang in der Natur und versuchte, gelassen, flexibel und zuversichtlich zu bleiben. Gelegentlich würde ich mir wünschen, dass mich jemand fragt, wie es mir geht. Das ist in den drei Wochen genau einmal geschehen. Und das finde ich sehr traurig.

K.M. / 2 Erwachsene, 3 Kinder

Mein erstes Gefühl als bekannt wurde, dass die Schulen schliessen, war eine leichte Panik. Mindestens vier Wochen mit den Kindern zu Hause, das unbekannte Homeschooling, meine und die Arbeit meines Mannes im Homeoffice. Dazu ein Virus, das gerade in Norditalien wütet und die Schweiz zu so drastischen Massnahmen zwingt.

Nach zwei Wochen in dieser aussergewöhnlichen Situation hat sich meine Panik gelegt und einem Gefühl der Ruhe Platz gemacht. Ich geniesse diese Ruhe, die ohne Termine und Verpflichtungen bei uns eingekehrt ist. Ich geniesse auch die Zeit, die ich für die Kinder habe und für alle anderen Dinge, die ich sonst im Schuss nebenher erledige. Dadurch, dass wir früh einen Plan mit dem neuen Tagesablauf erstellt haben, kam bei den Kindern nie ein Ferienfeeling auf und sie waren immer motiviert, wenn es ums Homeschooling ging. Und weil die Zeit draussen so rar geworden ist, sind die täglichen Ausflüge an die frische Luft sogar bei unserem Spaziermuffel zu einem Highlight geworden.

Die grösste Herausforderung ist nicht wie erwartet das Homeschooling oder die Beschäftigung der Kinder, sondern die Zeit für meine Arbeit im Homeoffice. Mein Tag beginnt jetzt ziemlich früh und ich muss mir auch zwischendurch ein paar Momente stehlen. Damit kann ich aber gut leben wenn ich sehe, dass nichts von dem eingekehrt ist, was ich befürchtet habe. Nämlich, dass die Jungs sich ständig in den Haaren liegen, uns vor Langeweile die Ohren volljammern und zumindest ich nach kürzester Zeit am Limit laufe. Ich bin zuversichtlich, dass es so bleibt, auch wenn wir gezwungen würden, noch längere Zeit dieses neue Familienleben zu leben.

T. V. / 2 Erwachsene, 3 Jugendliche, 2 Kinder

Wenn ich in diesen Tagen Tipps lese, wie man sich die plötzlich gewonnene Zeit vertreiben soll, kann ich nur laut lachen. Gewonnene Zeit? Wo denn? Zuweilen fühle ich mich, als wären wir zurück in den Kleinkinder-Alltag katapultiert worden. Genau wie früher sind wir bis spät abends damit beschäftigt, Familienalltag, Beruf und Haushalt irgendwie zu jonglieren, genau wie früher schliesse ich mich hin und wieder im Bad ein, um wenigstens ein paar Momente ungestört zu sein.

Dies erstaunt mich, denn in meinem Arbeitsalltag hat sich eigentlich wenig verändert. Schon seit Jahren arbeite ich im Home Office, ich verfüge gar über den Luxus eines eigenen Büros, in das ich mich zurückziehen kann, um konzentriert zu arbeiten. Zudem übernimmt mein Mann einen grossen Teil der Hausarbeit, da er seine Arbeitszeiten recht flexibel einteilen kann und ausserdem sämtliche Aufträge aus seiner selbständigen Tätigkeit weggebrochen sind.

Woran liegt es denn, dass sich das Alltagsleben so überfrachtet anfühlt? Zum einen sicher daran, dass wir sehr viel mehr kochen und einkaufen müssen. Reichte es bis anhin, dass ich ein- bis zweimal pro Woche Brot backe, muss momentan alle zwei Tage Nachschub her. Wenn sich sieben Personen ausschliesslich zu Hause verpflegen, fühlt sich jeder Wocheneinkauf an wie ein Hamsterkauf, nach jeder Mahlzeit türmt sich das schmutzige Geschirr und der Geschirrspüler läuft im Dauerbetrieb. Ähnlich sieht es natürlich mit dem Putzen aus. Zwar helfen alle erstaunlich gut und motiviert mit, doch das ist auch dringend nötig, denn Unordnung und Schmutz greifen sofort um sich, wenn man mal ein wenig nachlässiger ist.  

Ziemlich gefordert waren wir Eltern auch, als der Fernunterricht anzulaufen begann. Zwar arbeiten alle unsere Kinder recht selbständig, doch bevor sie das konnten, mussten erst mal die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Von einem Tag auf den anderen mussten zusätzliche Geräte beschafft werden, jedes Kind musste sich mit unterschiedlichen Tools zurechtfinden, Klassen- und Musiklehrpersonen suchten das Gespräch, um uns mitzuteilen, wie der Unterricht in den kommenden Wochen ablaufen wird. All dies hat sich inzwischen zum Glück gut eingespielt - und die erste Online-Trompetenstunde ist reibungslos und erstaunlich wohlklingend über die Bühne gegangen.

Schwierig sind für mich nicht in erster Linie diese Veränderungen, denn bisher läuft alles recht friedlich und reibungslos. So richtig miese Stimmung kommt selten auf und ich bin unendlich dankbar für viele schöne Momente, die wir als Familie erleben dürfen. Auch dass wir den Kontakt zu meiner Mutter, die im gleichen Haus lebt, weiter pflegen können - wenn auch mit der nötigen Distanz - empfinde ich als grosses Geschenk.

Herausgefordert bin ich eher darin, dass ich mich mit einer neuen Rolle zurechtfinden muss. So viele Dinge, die ich sonst ganz nach meinem Gusto bestimme, müssen jetzt abgesprochen werden. In "normalen" Zeiten bestimme ich, was auf den Tisch kommt - jetzt werfen die Kinder meinen Menüplan durcheinander, wenn sie aus lauter Langeweile zu kochen anfangen. An arbeitsfreien Tagen lege ich gewöhnlich selber fest, wann ich was erledige - jetzt reisst mein Mann lange aufgeschobene Projekte an, in die ich dann automatisch mit hineingezogen werde. Hinzu kommt, dass ich mich seit langer Zeit zum ersten Mal wieder das Gefühl habe, ich würde den Erwartungen, die man an uns Mütter stellt, nicht gerecht. Üblicherweise kann ich sehr gut damit leben, einfach die Mutter zu sein, die ich nun mal bin - jetzt plagt mich zuweilen das schlechte Gewissen, weil wir nicht diesen perfekten Tagesplan mit Kinderyoga, gemeinsamen Projekten und Spieleabenden haben, wie ihn andere Leute in den Sozialen Medien präsentieren. Der Gedanke, meinen Kindern etwas bieten zu müssen, weil sie ja jetzt weder Unterricht, noch Freizeitaktivitäten noch Kontakt mit Gleichaltrigen haben, macht mir zu schaffen.

Keine Frage, ich werde in diesen neuen Alltag hineinwachsen, wie ich in den Alltag mit dem ersten Baby, mit Kleinkindern oder mit Teenagern hineingewachsen bin. In alldem sehe ich die Chance, eingespielte Muster zu hinterfragen und neue Wege zu finden. Ich werde aber dennoch hin und wieder so richtig sauer auf dieses Virus zu sein, das uns allen so viele Freiheiten nimmt.