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Schwangerschaftskolumne Woche 6 Test

Lie­ber ein biss­chen als gar nicht


Ku­gel­bauch-Ko­lum­ne Wo­che 6


„Nö. Bin nicht schwan­ger“, sage ich zu ihm. 

So nüch­tern, dass es nur ge­küns­telt sein kann. 

Na­tür­lich hät­te ich mich über den zwei­ten Strich auf dem Schwan­ger­schafts­test ge­freut. 

Ich, die ich seit ich den­ken kann, Kin­der­wunsch in mir wach­sen las­se.

Die sich stets so lie­be­voll um ih­ren Pup­pen ge­küm­mert hat. Und auch ger­ne um die­je­ni­gen der Nach­bars­mäd­chen.

Ich, die ich an je­dem Weih­nachts­fest mit neu­er Hin­ga­be die Rol­le der Ma­ria spiel­te. 

Die schwan­ge­re Frau­en das Wun­der­schöns­te die­ser Welt fin­det. 

Ich, die ich das „Mut­ter­sein“ auch als kin­der­lo­se Frau ze­le­brie­re und des­halb Heb­am­me ge­lernt habe. 

Ich, de­ren Urin­strahl vor ex­akt zehn Mi­nu­ten den klei­nen Filz­stöp­sel des Schwan­ger­schafts­tes­tes ge­jagt hat. 

Ich bin nicht schwan­ger.

Nicht so tra­gisch. Dann eben nächs­ten Mo­nat. Klappt schon. Po­si­tiv den­ken.

Mich selbst zu ei­nem mil­den Lä­cheln zwin­gend, lege ich den Test wie­der auf den Klo­de­ckel und fli­xe wei­ter net. 

„Doch, da ist doch ein zwei­ter Strich zu se­hen!“, meint er, als er we­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter ne­ben mir steht. In der Hand die­ses plum­pe Stück Plas­tik. In den Au­gen ein gros­ses Fra­ge­zei­chen und eine XL-Por­ti­on Un­si­cher­heit.

Tat­säch­lich. 

Ein di­cker und gleich da­hin­ter ein ganz dün­ner Strich.

Aber halt! Das Re­sul­tat des Tests, so steht es deut­lich im Bei­pack­zet­tel, ist nur nach zehn und nicht nach fünf­zehn Mi­nu­ten aus­sa­ge­kräf­tig. 

Tja, nun ste­hen wir da und gu­cken et­was blöd aus un­se­rer Wä­sche, auf die­ses klei­ne Fens­ter auf dem Test. Die­ses Fens­ter, wel­ches ver­spricht, die Zu­kunft aus dem Urin le­sen zu kön­nen. Und die­ses Fens­ter meint nun - mit et­was Ver­spä­tung - zu wis­sen, dass wir wohl bald El­tern wer­den. 

Das Fens­ter zur Zu­kunft meint also, dass ich viel­leicht doch schwan­ger bin. Zu­min­dest wohl „es bit­ze­li“ schwan­ger.

So ge­nau wis­sen wir das ja nun nicht. 

Oder doch?

Dem Schwan­ger­schafts­test in mei­nem Her­zen, der sich wohl auch Bauch­ge­fühl nennt, ist die­ser dün­ne, ver­spä­te­te zwei­te Strich of­fen­bar ge­nug. Die letz­ten Tage ahn­te ich es be­reits und in die­sem Mo­ment weiss ich es auch. Die­ser fei­ne Strich im Fens­ter zur Zu­kunft, die­ses klei­ne „Bit­ze­li“ schwan­ger sein, ist für den Mo­ment völ­lig aus­rei­chend.

Es ist für die­sen Mo­ment so­gar ein­fach per­fekt. Denn für die kom­men­den Tage ist die­se lei­se Ah­nung, dass da Le­ben in mir wächst, ein­fach nur ein schö­nes Ge­heim­nis zwi­schen ihm und mir.

Et­was, das nur wir bei­de wis­sen. 

Et­was, das uns ein heim­li­ches Grin­sen ins Ge­sicht zau­bert, wenn wir ein­an­der an­se­hen.

Et­was, das noch kein an­de­rer Mensch auf die­ser Welt zu wis­sen braucht. 

Et­was, das nicht mit zwei fet­ten Bal­ken auf ei­nem Test be­legt wer­den muss, son­dern nur ein auf­re­gen­der Ge­dan­ke sein darf. 

Und mit die­sem pri­ckeln­den Ge­fühl im Bauch, mit un­se­rem Ge­heim­nis im Her­zen, ver­har­re ich ganz ger­ne noch ein paar Tage.

Okay, viel­leicht nur bis mor­gen. Bis ich ei­nen zwei­ten Test be­sor­ge und es na­tür­lich so­fort mei­ner liebs­ten Freun­din ste­cke. Aber bis da­hin, du lie­ber, dün­ner, of­fen­bar et­was ver­träum­ter zwei­ter Strich, bis da­hin bist du ab­so­lut gut ge­nug. 

Die Ko­lum­nis­tin

Schwangerschaftskolumne_Portrait_Giulietta

Giulietta Martin ist Hebamme, Mama von drei kleinen Kindern und lebt im Berner Oberland. Unter mama.kritzelei veröffentlicht sie auf Instagram regelmässig humorvolle Szenen aus dem Familienalltag.

Letzte Aktualisierung: 29.01.2020, GM
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