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Vater mit Baby im Babytragsack
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Shutterstock

Mütz­chen oder nicht? - Das ist hier die Fra­ge


Neu­lich teil­te eine Freun­din auf Face­book ein Foto ei­ner jun­gen Frau mit Baby. Erst als ich bei den Kom­men­ta­ren an­ge­langt war, stell­te ich fest, dass die Frau auf dem Bild kei­ne ge­mein­sa­me Be­kann­te war, son­dern ir­gend eine Pro­mi­nen­te, von der ich noch nie zu­vor ge­hört habe. Ja, und wenn man mal in ei­ner Kom­men­tar­spal­te ge­lan­det ist, liest man auch, was da so al­les ge­schrie­ben steht. Wie zu er­war­ten war, lau­te­ten die ers­ten drei Kom­men­ta­re "Jöööööö, wie süüüüüüsss!", oder so ähn­lich, aber ab Kom­men­tar Num­mer vier wur­de es rich­tig span­nend:

"Ein wahr­haft süs­ses Baby, aber war­um ziehst du ihm kein Mütz­chen an?", schrieb da eine, die of­fen­bar et­was von der Sa­che ver­stand. "Hab' ich mir auch gleich ge­dacht, als ich das Bild sah", pflich­te­te die nächs­te Kom­men­ta­to­rin bei und füg­te hin­zu: "Weisst du denn nicht, dass Ba­bys IM­MER ein Mütz­chen tra­gen soll­ten?" So ging das dann eine Wei­le wei­ter. Eine er­klär­te, die Oh­ren ei­nes klei­nen Men­schen sei­en eben be­son­ders sen­si­bel, die nächs­te do­zier­te, nicht nur die Oh­ren sei­en das Pro­blem, son­dern all­ge­mein der gros­se Wär­me­ver­lust über den Kopf. Eine Drit­te er­gänz­te, das gel­te auch bei war­mem Wet­ter, ja, so­gar im Som­mer, bei 35 Grad Hit­ze. 

Dann aber dreh­te der Wind in der Kom­men­tar­spal­te: "Kriegt euch wie­der ein, ihr Su­per­mut­tis! Ist doch ihr Kind, die kann sel­ber ent­schei­den", fuhr eine, von der man auf­grund des Pro­fil­bilds nicht mal si­cher sein konn­te, ob sie sel­ber Kin­der hat, ganz furcht­bar un­höf­lich da­zwi­schen. "Recht hast du! Wenn sie ihm kein Mütz­chen an­zie­hen will, muss sie das auch nicht", schrieb die Nächs­te, eine Wei­te­re be­haup­te­te pro­vo­ka­tiv, Mütz­chen sei­en to­tal über­be­wer­tet, ihr Baby has­se sie, habe noch nie im Le­ben län­ger als drei Mi­nu­ten eins ge­tra­gen und trotz­dem noch nie Oh­ren­schmer­zen ge­habt. (Was, un­ter uns ge­sagt, auch dar­an lie­gen könn­te, dass sie ihr Baby die­sen Som­mer be­kom­men hat, der, wie man sich viel­leicht er­in­nert, nicht ge­ra­de kühl war.) Schliess­lich schlug eine dem Fass den Bo­den aus, als sie herz­los mein­te: "Sie muss ja das elen­de Ge­schrei er­tra­gen, wenn sich die klei­ne Rotz­na­se eine Mit­tel­ohr­ent­zün­dung holt, also soll sie ma­chen, was sie will."

Wer so lieb­los über das Baby ei­ner Pro­mi­nen­ten her­zieht, muss na­tür­lich mit Haue rech­nen und so tob­te bald ein hit­zi­ger Kampf zwi­schen den an­geb­li­chen "Su­per­mut­tis" und den Mütz­chen-Geg­ne­rin­nen. Die­ser Kampf fand erst ein Ende, als eine, die neu da­zu­ge­kom­men war, auf ei­nen wei­te­ren Man­gel auf­merk­sam mach­te: "Mütz­chen hin oder her - War­um zeigst du das Ge­sicht dei­nes klei­nen Gold­schat­zes nicht? Ich will den doch nicht nur von hin­ten se­hen!" "Weil man nicht ein­fach Bil­der von sei­nen Kin­dern ins Netzt stellt, du Dödel", ant­wor­te­te je­mand nicht be­son­ders höf­lich, wor­auf die Nächs­te mein­te, das sei doch al­les nur Mies­ma­che­rei, sie zei­ge ihr Baby bei Face­book wann im­mer sie kön­ne. Ihre Aus­sa­ge un­ter­strich sie mit ei­nem Foto, auf dem ihr Baby mit ei­nem äus­serst an­ge­streng­ten Ge­sichts­aus­druck zu se­hen war, was dar­auf schlies­sen liess, dass da ge­ra­de et­was in die Win­del ging. Wohl sehr zum Be­dau­ern der lei­der nicht pro­mi­nen­ten Mut­ter folg­ten auf die­ses nicht be­son­ders ge­lun­ge­ne Foto ei­nes lei­der nicht pro­mi­nen­ten Ba­bys kei­ne "Jöööööö, wie süüüüüüsss!"-Kom­men­ta­re, die Strei­ten­den igno­rier­ten das Bild ein­fach und zank­ten sich wei­ter. 

Schliess­lich aber stach ei­ner Mama et­was ins Auge, was bis­her noch kei­ne kom­men­tiert hat­te: "Wie schön! Du trägst dein Baby in ei­ner Tra­ge. Wun­der­bar, dass es so ge­bor­gen in dei­ner Nähe auf­wach­sen darf." Von da an wa­ren sie eine Wei­le lang alle in Min­ne ver­eint, die Su­per­mut­ti-Frak­ti­on, die Mütz­chen-Geg­ne­rin­nen, die "Ba­by­fo­tos ge­hö­ren nicht ins Netz"-Ak­ti­vis­tin­nen und die "Ich zei­ge mein Baby je­dem, ob es ihm ge­fällt oder nicht"-Re­bel­lin­nen, denn sie alle fan­den, Tra­gen sei eine ganz wun­der­ba­re Sa­che und eine stell­te gar mit Ent­zü­cken fest, dass sie ge­nau die glei­che Tra­ge­hil­fe ver­wen­det wie die pro­mi­nen­te Mama und da war die Freu­de na­tür­lich gren­zen­los. Lei­der muss­te dann ir­gend eine Mies­ma­che­rin da­her­kom­men und be­haup­ten, Tra­gen sei auch nicht das Gel­be vom Ei und so ging der Streit in eine nächs­te Run­de. 

Zu ger­ne hät­te ich an die­ser Stel­le auch noch mei­nen Senf zu der An­ge­le­gen­heit ge­ge­ben. "Lie­be Müt­ter", hät­te ich ger­ne ge­schrie­ben, "wollt ihr nicht mal ei­nen Au­gen­blick vom Smart­pho­ne auf­se­hen und prü­fen, ob das Mütz­chen eu­res Ba­bys noch rich­tig sitzt? Der Wind bläst heu­te emp­find­lich kühl." Ich ha­b's dann blei­ben las­sen, denn ers­tens habe ich in mei­nem Le­ben noch an­de­re Din­ge zu tun, als mich mit wild­frem­den Men­schen dar­über aus­zu­tau­schen, was eine wild­frem­de Frau mit ih­rem Baby an­stel­len soll. Zwei­tens ver­lang­te ei­ner mei­ner Söh­ne ganz drin­gend nach ei­ner Müt­ze und weil ich der "Müt­ze? So­was ha­ben wir doch ir­gend­wo"-Frak­ti­on an­ge­hö­re, muss­ten wir ganz lan­ge su­chen, bis wir end­lich eine fin­den konn­ten. 

Letzte Aktualisierung: 04.07.2016, TV

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