Anzeige
Frau auf dem Sofa mit Bauchschmerzen
©
GettyImages

Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den- was hilft?

In­ter­view mit Re­gi­na Wid­mer


swiss­mom: Eine Um­fra­ge, die Sie in der Frau­en­pra­xis Runa durch­ge­führt ha­ben, hat er­ge­ben, dass vie­le Frau­en Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den als sehr stark und be­las­tend er­le­ben. Hat Sie dies über­rascht? 

Re­gi­na Wid­mer: Es ist wirk­lich ein­drück­lich, wie stark vie­le Frau­en un­ter den Be­schwer­den lei­den. Es be­trifft jun­ge Frau­en, Frau­en vor der Me­no­pau­se - ein­fach fast alle. Jede Frau kennt zu­min­dest eine an­de­re, die je­den Mo­nat star­ke Schmer­zen hat, die ver­zwei­felt ist oder sich halt da­mit ab­ge­fun­den hat. 

swiss­mom: Hängt dies auch da­mit zu­sam­men, dass Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den oft nicht rich­tig ernst ge­nom­men wer­den? Dass man Frau­en das Ge­fühl ver­mit­telt, sie müss­ten halt ein­fach ler­nen, da­mit zu le­ben?

Re­gi­na Wid­mer: Das ist tat­säch­lich so und dar­über bin ich er­schro­cken. Zwar ist eine jun­ge Ge­nera­ti­on Frau­en her­an­ge­wach­sen, die selbst­be­wuss­ter ist und die eher et­was ein­for­dert. Heu­te habe ich mehr jun­ge Frau­en, die in die Pra­xis kom­men, weil sie et­was ge­gen die star­ken Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den un­ter­neh­men wol­len. Aber wie viel ist zu viel? Ex­trem star­ke Schmer­zen - das ist al­len klar -, das ist zu viel, da muss man et­was un­ter­neh­men. Da kom­men auch die be­sorg­ten Müt­ter mit ih­ren Töch­tern, um Hil­fe zu be­kom­men. Aber vie­le Frau­en ge­ben sich zu­frie­den da­mit, dass sich die Sa­che ein biss­chen bes­sert. Sie neh­men an, es sei nor­mal, dass sie mit ei­nem ge­wis­sen Mass an Be­schwer­den le­ben müs­sen. Vie­le Frau­en sind re­si­gniert. Die alte Vor­stel­lung "Frau­sein be­deu­tet Lei­den" ist noch im­mer ver­brei­tet, auch bei uns Fach­leu­ten. 

Zur Per­son

Regina Widmer

Regina Widmer, Frauenärztin und Sexologin, ist seit über 20 Jahren in einer grossen Gemeinschaftspraxis in Solothurn (www.frauenpraxis-runa.ch ) tätig. Sie ist spezialisiert in Pflanzenheilkunde für die Frau – www.herbadonna.ch – und Sexualität – Lustkurse. Besonderes Herzblut gibt sie für die alltäglichen Beschwerden von Frauen wie Periodenschmerzen und Probleme der Vulvina (Vulva und Vagina) wie Beissen, Brennen, heikle Intimhaut, Trockenheit, Schmerzen beim Sex. 

swiss­mom: Be­deu­tet dies also, dass auch die Frau­en sel­ber dem The­ma mehr Be­ach­tung schen­ken soll­ten und es nicht bei­sei­te schie­ben, weil es un­an­ge­nehm ist? 

Re­gi­na Wid­mer: Ja, es braucht die Er­kennt­nis: Ich bin ein zy­kli­sches We­sen, ich bin nicht je­den Tag gleich, ich habe Pha­sen - auch rein hor­mo­nell -, wäh­rend de­nen ich an­de­re Sen­si­bi­li­tä­ten habe, an­de­re Be­dürf­nis­se. Ich rich­te mein Le­ben so ein, dass ich vor der Mens­trua­ti­on we­ni­ger Sa­chen ab­ma­che, et­was ma­che, was mir gut tut, al­les ein we­nig ru­hi­ger neh­me, mir et­was gön­ne oder mich ein biss­chen mehr zu­rück­zie­he. In die­ser Pha­se ist es auch wich­tig, dar­auf zu ach­ten, wann man am meis­ten En­er­gie hat. Es gibt ja auch Frau­en, die vor und wäh­rend der Mens­trua­ti­on viel En­er­gie ha­ben. Es spielt nicht so sehr eine Rol­le, wie man das macht, son­dern ein­fach, dass man er­kennt: Ich bin nicht im­mer gleich. Wann bin ich wie? Was brau­che ich? Wie kann ich mich ent­spre­chend ein­rich­ten? Wich­tig ist auch, den Part­ner - falls vor­han­den - ein­zu­be­zie­hen. Die Män­ner müs­sen wis­sen, wie es den Frau­en geht. Sie müs­sen se­hen, dass Frau­sein ge­nau gleich span­nend ist wie Mann­sein und dass man nicht sa­gen kann, Frau­en sei­en eben un­be­re­chen­bar und müh­sam, bloss weil man die Sa­che nicht ver­steht. 

swiss­mom: Oft ist vom prä­men­stru­el­len Syn­drom die Rede. Wo­durch ist die­ses PMS ge­kenn­zeich­net? 

Re­gi­na Wid­mer: Die Frau stellt fest, dass es ihr ein­fach nicht gut geht. Je­den Mo­nat, wenn sie ei­nen re­gel­mäs­si­gen Zy­klus hat und bei ei­nem un­re­gel­mäs­si­gen Zy­klus ein­fach im­mer vor der Mens­trua­ti­on. Man­che Frau­en be­mer­ken es eine Wo­che oder zwei Wo­chen vor­her, an­de­re ei­ni­ge Tage vor­her. Frau ist nie­der­ge­schla­gen, de­pri­miert, ge­reizt und wenn je­mand fragt: "Wie geht es dir?", könn­te sie so­gleich wei­nen oder an die De­cke ge­hen. Es gibt auch kör­per­li­che Sym­pto­me, zum Bei­spiel Brust­schmer­zen, Brust­span­nen oder Kopf­schmer­zen. Es gibt vie­le Frau­en, de­nen es an die­sen Ta­gen nicht gut geht, auf kör­per­li­cher und/oder auf psy­chi­scher Ebe­ne. Wenn dann die Mens­trua­ti­on kommt, merkt die Frau: "Ach, das war es wie­der. Ich bin wie­der auf mich her­ein­ge­fal­len." 

swiss­mom: Was hilft ge­gen die­se Be­schwer­den?

Re­gi­na Wid­mer: Beim prä­men­stru­el­len Syn­drom ist der Mönchs­pfef­fer 1A. Der ist oft sehr hilf­reich und den kann man auch re­la­tiv hoch do­sie­ren. Da reicht nicht ein­fach ein Tee, das müs­sen kon­zen­trier­te Fer­tig­prä­pa­ra­te sein. Man nimmt ihn nicht den gan­zen Zy­klus hin­durch, son­dern zy­klisch vor der Mens­trua­ti­on. Die­je­ni­gen, die kei­ne Mens­trua­ti­ons­schmer­zen ha­ben, neh­men ihn nur ge­ra­de prä­men­stru­ell und hö­ren auf, wenn die Blu­tung ein­tritt. Die­je­ni­gen, die wäh­rend der Mens­trua­ti­on Schmer­zen ha­ben, neh­men ihn, bis sie vor­bei ist. Den Mönchs­pfef­fer ken­nen zwar in­zwi­schen vie­le, aber er wird im­mer noch zu we­nig und zu we­nig hoch do­siert ein­ge­setzt. 

swiss­mom: Was hilft sonst noch, die Be­schwer­den zu lin­dern? 

Re­gi­na Wid­mer: In den Ta­gen vor den Ta­gen kann Gän­se­fin­ger­kraut-Tee Ge­bär­mut­ter ent­span­nend wir­ken, ein Mönchs­pfef­fer-Dra­gée pro Tag so­wie ein war­mes Bad kurz vor er­war­te­ter Blu­tung. Bei Mens­trua­ti­ons­schmer­zen ist Wär­me von in­nen und aus­sen hilf­reich, zum Bei­spiel Frau­en­man­tel-Tee und Bett­fla­sche oder Wär­me­pflas­ter. Schaf­gar­be und Ka­mil­le sind eben­falls gut und oft in den vie­len tol­len Frau­en-Tee­mi­schun­gen vor­han­den. Bei star­ken Schmer­zen rei­chen Tees oft nicht. Tipp: Gän­se­fin­ger­kraut-Tink­tur hoch­do­siert ein­neh­men, d. h. gleich 30 bis 40 Trop­fen mit we­nig Was­ser im Mund be­hal­ten vor dem Schlu­cken. Bei Be­darf 2 bis 3 Mal wie­der­ho­len. Falls es doch zu we­nig nützt, kann im­mer noch auf ein Schmerz­mit­tel zu­rück­ge­grif­fen wer­den. 

swiss­mom: Die Reiz­bar­keit vor und wäh­rend der Mens­trua­ti­on führt bei vie­len Müt­tern dazu, dass sie sich schul­dig füh­len, weil sie nicht dem Bild der stets für­sorg­li­chen und ge­dul­di­gen Mut­ter ent­spre­chen. Was kann man da tun? 

Re­gi­na Wid­mer: Das ist ein rie­si­ges The­ma. Ich muss von Mon­tag bis Sonn­tag eine gute Mut­ter sein, von Mor­gen bis Abend und von Abend bis Mor­gen. Wir Frau­en sind zy­klisch, das Le­ben aber ist gleich­för­mig op­ti­miert - in den Leis­tungs­an­for­de­run­gen, bei der Ar­beit und zu Hau­se. Die Er­war­tung an die Frau ist in je­der Rol­le gleich­för­mig. Das ist das männ­li­che Mus­ter. Die Män­ner ha­ben im­mer etwa gleich viel Tes­to­ste­ron, die Frau­en je­doch sind zy­klisch und das läuft uns auf sehr vie­len Ebe­nen quer. Wenn die Kin­der schon et­was äl­ter sind, kann man ih­nen er­klä­ren, dass die Mama nicht im­mer gleich ist. Aber wenn sie klei­ner sind, ist das schwie­rig. Dann muss man ei­ner Frau hel­fen, da­mit die Schwan­kun­gen nicht so gross sind. Aber un­be­dingt so, dass sie sich nicht schul­dig fühlt. Das ist et­was vom Schlimms­ten, eine Frau, die im­mer das Ge­fühl hat, sie sei eine zu we­nig gute Mut­ter, eine zu we­nig gute Frau. Hilf­reich sind Jo­han­nis­kraut, Me­lis­se, La­ven­del, Pest­wurz - also et­was Be­ru­hi­gen­des, Ent­span­nen­des. Dies in Form von Dra­gées, die man ein­mal pro Tag nimmt, denn Müt­ter ha­ben oft kei­ne Zeit, drei­mal pro Tag ei­nen Tee zu trin­ken. 

swiss­mom: Vie­le Frau­en ha­ben den Wunsch, nicht zu vie­le Schmerz­mit­tel ein­neh­men zu müs­sen. Sie ra­ten dazu, Schmerz­mit­tel mög­lichst schon beim Auf­tre­ten des ge­rings­ten Schmer­zes zu neh­men. War­um? 

Re­gi­na Wid­mer: Weil man sonst dem Schmerz hin­ter­her rennt und schluss­end­lich mehr Schmerz­mit­tel braucht. Wenn eine Frau weiss, dass sie bei je­der Mens­trua­ti­on Schmer­zen hat, soll­te sie et­was neh­men, so­bald sich die al­ler­ers­ten Schmer­zen be­merk­bar ma­chen. Bei Mens­trua­ti­ons­schmer­zen muss man gleich zu Be­ginn hö­her do­sie­ren, denn so las­sen sich die Schmer­zen eher ab­fan­gen. Die meis­ten Frau­en möch­ten Schmerz­mit­tel aber nur im Not­fall neh­men. 

swiss­mom: Wie ge­hen Sie vor, wenn eine Frau et­was ge­gen die Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den un­ter­neh­men möch­te, ohne all­zu vie­le Schmerz­mit­tel neh­men zu müs­sen?  

Re­gi­na Wid­mer: In die­sem Fall las­se ich mir von der Frau ganz ge­nau er­klä­ren: Wie sind die Schmer­zen? Wann tre­ten sie auf? Was hilft? Das muss eine ganz ge­naue Ana­mne­se sein, da­mit man schau­en kann, wo man an­setzt, da­mit es ihr nützt, denn das ist sehr in­di­vi­du­ell. Die Schmerz­mit­tel die­nen als An­ker und dann baut man über­lap­pend das Pro­gramm an­de­rer Hilfs­mit­tel auf, in­dem man fragt: Was braucht es? Was ist rea­lis­tisch? Was kann die Frau ma­chen? Hat sie Ge­le­gen­heit, sich zu­rück­zu­zie­hen? Hilft ihr Wär­me? Ich fra­ge die Frau auch, ob sie lie­ber Tee, Tröpf­chen oder Ta­blet­ten nimmt. Bei ei­ner Ta­blet­te hat man eher das Ge­fühl, man sei krank, bei Tee und Tröpf­chen we­ni­ger. Es ist ein Ex­pe­ri­men­tie­ren und wenn die an­de­ren Mit­tel wir­ken, brauch die Frau mög­li­cher­wei­se das Schmerz­mit­tel gar nicht mehr. Die stär­ke­ren Hilfs­mit­tel, die wir zur Ver­fü­gung ha­ben, soll man brau­chen, wenn es nö­tig ist. Vie­le Frau­en ha­ben aber das Ziel, mit we­ni­ger Schmerz­mit­teln aus­zu­kom­men. Die­ses Ziel muss man im­mer wie­der eva­lu­ie­ren: Wie geht es? Was hat ge­hol­fen? Was ist der nächs­te Schritt? 

swiss­mom: Oft be­kom­men Frau­en ge­gen Mens­trua­ti­ons­be­schwer­den die Pil­le ver­schrie­ben. Ist dies eben­falls eine gute Mög­lich­keit? 

Re­gi­na Wid­mer: Für vie­le funk­tio­niert das schon. Es gibt aber auch Frau­en, bei de­nen bes­sern sich die Sym­pto­me nicht, wenn sie die Pil­le neh­men. Ich fin­de es je­doch pro­ble­ma­tisch, wie schnell man dazu greift. Wenn eine Frau star­ke Schmer­zen hat, ist es schon fast nor­mal, dass Gy­nä­ko­lo­gen und Gy­nä­ko­lo­gin­nen den Re­zept­block zü­cken oder sel­ber die Pil­le ab­ge­ben. Das wird sehr schnell ge­macht und das ist nicht in Ord­nung. Die Pil­le ist wirk­lich ein Me­di­ka­ment, das muss man sich reif­lich über­le­gen. Je­doch wenn an­de­re Mit­tel nicht nüt­zen, dann kann man es durch­aus mal mit der Pil­le pro­bie­ren, wenn gleich­zei­tig eine Ver­hü­tung be­nö­tigt wird. Pil­len­ga­be nur zur Schmerz­ver­min­de­rung ist nur ganz aus­nahms­wei­se an­ge­sagt. 

swiss­mom: Gibt es noch wei­te­re Din­ge, die ei­ner Frau hel­fen, bes­ser durch die Tage zu kom­men? 

Re­gi­na Wid­mer: Wich­tig ist auch, dass die Frau die Sa­che the­ma­ti­siert. Dass sie an­fängt, es noch mehr zu rea­li­sie­ren, falls sie zy­kli­sche Schwan­kun­gen hat und dies ih­rer Um­ge­bung mit­teilt: "Heu­te bin ich ein we­nig ge­reizt." Oder: "Nimm bit­te heu­te nicht al­les so per­sön­lich." Ich bin auch eine star­ke Ver­fech­te­rin da­von, dass die Frau auf den Tisch haut, nein sagt, sich durch­setzt, et­was ab­lehnt. Es ist eine Chan­ce für die Frau­en. Sie wer­den sen­si­bler, auch in ei­nem gu­ten Sinn, denn sie las­sen sich nicht al­les ge­fal­len. Das ist sehr gut, denn wir sind so die­nend so­zia­li­siert, da ist es ganz gut, ha­ben wir die­se Tage, wo wir nicht die stets Für­sorg­li­chen, Die­nen­den sind. Die­se Tage sind ein gu­ter, na­tür­li­cher Ge­gen­satz. Wich­tig wäre, dass man das, was sonst so ne­ga­tiv, de­struk­tiv und ab­wer­tend er­lebt wird, in eine gute En­er­gie um­wan­deln kann. 

swiss­mom: Dann soll­ten Frau­en also ver­su­chen, das Bes­te aus der Si­tua­ti­on zu ma­chen? 

Re­gi­na Wid­mer: Nicht nur dies, son­dern das Gan­ze um­keh­ren. Die Blu­tungs­ta­ge in­klu­si­ve die Tage da­vor sind eine Kraft­quel­le. Sie füh­ren eine Frau zu ih­rem Ur­weib, wel­ches sehr prä­gnant sein kann. Das macht Angst. Die­se Frau wird ge­sell­schaft­lich un­gern ge­se­hen, denn man hat die Frau­en ger­ne als lie­bes We­sen. Wir müs­sen es ganz um­keh­ren, es nicht nur halb po­si­tiv se­hen, son­dern noch viel mehr als eine Chan­ce, sich als Frau aus­zu­drü­cken. Gut wäre, wenn man es schaf­fen wür­de, dies auch den jun­gen Frau­en so mit­zu­ge­ben: Das sind Tage, an de­nen du viel kla­rer spürst, was rich­tig ist und was du brauchst. Das sind dei­ne Kraft­ta­ge. 

kurz&bündigkurz&bündig
11/21/2019
Frau mit Bauchschmerzen und Bettflasche

Schwe­re Tage

Nie­der­län­di­sche For­scher be­frag­ten fast 33.000 Frau­en zwi­schen 15 und 45 Jah­ren zu ih­ren Pro­ble­men rund um die …
kurz&bündigkurz&bündig
8/10/2019
Frauen im Fitnesstudio

Sport bei Re­gel­schmer­zen

Laut ei­ner neu­en Stu­die hat­ten Re­gel­be­schwer­den bei Frau­en, die drei­mal pro Wo­che auf dem Lauf­band trai­nier­ten, im …
Letzte Aktualisierung: 31.07.2018, TV
Anzeige
Anzeige