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Familienplanung auf Eis

Junge Frauen stecken heute bezüglich Familienplanung in einem Dilemma, denn sie wollen einerseits beruflich unabhängig sein, damit ihre Kinder in gesicherten Verhältnissen aufwachsen, andererseits setzt das Alter ihnen Grenzen. Zudem steigen die Ansprüche an den „idealen Partner“ – trotz oder gerade wegen der heute leichter gewordenen Kontaktmöglichkeiten. Aber auch Paare in stabilen Partnerschaften schieben die Familienplanung immer länger vor sich her: Das Durchschnittsalter der erstgebärenden Frauen liegt heute bei fast 30 Jahren und damit um sieben Jahre höher als Anfang der 1970er Jahre.

Leider wird ab Mitte 30 eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg zunehmend schwieriger. Die nachlassende Fruchtbarkeit mit zunehmenden Alter ist ein Prozess, der bei Frauen bereits ab Mitte 20 einsetzt. Hauptgrund ist, dass die Eierstöcke, in denen pro Zyklus meist eine befruchtungsfähige Eizelle heranreift, mit zunehmenden Lebensalter an Funktionsfähigkeit einbüssen und dass die Qualität der Eizellen nachlässt. Mit 35 hat eine gesunde Frau nur noch halb so grosse Chancen, schwanger zu werden und ein gesundes Baby zu bekommen wie mit 25, danach sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft schnell weiter ab. Mit 40 werden nur noch 36 von 100 Frauen mit Kinderwunsch innerhalb eines Jahres schwanger, mit 45 sind es nur noch fünf.

Mit dem Social Egg Freezing-Verfahren lässt sich diese altersbedingte Fruchtbarkeitsgrenze umgehen – die Familienplanung wird zunächst buchstäblich auf Eis gelegt. Ursprünglich wurde das Gefrier-Verfahren (Kryokonservierung) für Krebs-Patientinnen angewandt, deren Fruchtbarkeit durch die Krebstherapie gefährdet war. Bereits 1999 kam das erste Baby zur Welt, das aus einer zuvor schockgefrorenen Eizelle hervorgegangen war.

Mittlerweile interessieren sich aber auch immer mehr gesunde Frauen dafür, die des Partners oder der Karriere wegen gewartet haben und immer mehr Kinderwunschzentren bieten das Social Freezing an. Dabei entnimmt der Reproduktionsmediziner einer Frau unbefruchtete Eizellen, mindestens zehn bis 15, besser noch 20 bis 40. Normalerweise produziert die Frau während eines Zyklus nur eine Eizelle. Durch eine hormonelle Stimulation kann erreicht werden, dass mehrere Eizellen im Verlauf eines Zyklus heranreifen. Um 15 oder mehr Eizellen zu gewinnen, sind im Durchschnitt drei Zyklen notwendig. Die Eizellen werden unter Narkose über die Vagina abgesaugt und sofort anschliessend schockgefroren. Eingelagert in flüssigen Stickstoff bei minus 196 Grad halten die Eizellen – nach bisherigen Erkenntnissen – ewig. Später können die Eizelle künstlich befruchtet und zu einem beliebigen Zeitpunkt in den Mutterleib eingesetzt werden - das klassische IVF-Verfahren.

Allerdings sollte sich die Frau nach Expertenmeinung frühzeitig zu diesem Schritt entschliessen: Das ideale Alter zum Einfrieren ist zwischen 25 und 30 Jahren. Danach büssen die Eizellen an Qualität ein, was wiederum die Aussicht auf eine erfolgreiche Befruchtung verringert. Die Frauenklinik am Universitätsklinikum Tübingen gibt die Schwangerschaftschance pro aufgetauter und künstlich befruchteter Eizelle mit etwa zwölf Prozent an, wenn die Frau bei der Entnahme der Eizelle unter 34 Jahre alt war, und mit durchschnittlich sieben Prozent, wenn das Alter der Frau bei der Eizellentnahme zwischen 34 und 39 Jahren lag.

Welchen Anklang das Verfahren bei den Patientinnen findet, zeigt eine europäische Studie aus dem Jahr 2013. Über 90 Prozent der Frauen, die sich im Rahmen der Untersuchung dem Social Freezing unterzogen, würden es weiterempfehlen. Dies ergab die telefonische Befragung ein Jahr nach der Behandlung. Zum Zeitpunkt des Einfrierens lag das Durchschnittsalter der Teilnehmerinnen bei 36 Jahren. Nur jede Zweite glaubte, dass sie die Eizellen jemals verwenden würde. Bedauern über das Anlegen der Eizell-Bank äusserte jedoch keine. Die Kosten dafür sind allerdings aus eigener Tasche zu zahlen und belaufen sich auf mehrere 1000 CHF pro Stimulationszyklus. Dazu kommen die Kosten für die Aufbewahrung und das allfällige Auftauen und Wiedereinsetzen.

Experten vermuten, dass die Nachfrage steigen wird. Zunächst müssen allerdings dringend die Rahmenbedingungen geklärt werden. So ist zum Beispiel noch unklar, ob es ein Maximalalter für die Eizell-Entnahme oder die Befruchtung geben sollte oder ob die Patientin bestimmte gesundheitliche Voraussetzungen erfüllen muss. Hierfür seien weitere Studien nötig.

Quelle: Pressemitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, www.awmf.org

Kurzvideo zum Thema mit Prof. Dr. Michael von Wolff, Bern

Letzte Aktualisierung : 25-04-18, BH

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