Mit Kleinkind, Laptop und Telefon in der Küche
Familie | Kolumne

Troubleshooter-Mama

Kaum fällt frühmorgens die Schlafzimmertür hinter ihr zu, schlüpftTroubleshooter-Mama in ihr unsichtbares Superwoman-Kostüm und macht sich auf, den Widrigkeiten des Tages den Kampf anzusagen.

Widrigkeit Nummer eins: Eine zerbrochene Schale. Genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale. Noch genauer gesagt: Eine vormals mit Reibkäse gefüllte zerbrochene Schale, die aussen mit roten Herzen verziert war und die das Töchterchen dem Papa zum Geburtstag geschenkt hat. Diese ist in tausend Stücke zersprungen, als der grosse Bruder einen Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen wollte. Die Schale fiel, weil sie im Wege stand, und natürlich stand sie im Wege, weil Troubleshooter-Mama gestern Abend zu später Stunde zu faul gewesen war, sie an einem sicheren Ort unterzubringen. 

Alles klar? Nicht? Macht nichts. Es ist ja auch nicht eure Aufgabe, den heulenden Sohn - "Papa wird so enttäuscht sein! Ich bin so uuuhhhuuungeehhhhschiiihhhhckt!" - und die tieftraurige Tochter - "Die Schale habe ich Papa zum Geburtstag geschenkt! Ich werde ihm nie mehr so eine schöne Schale schenken können!" - zu beruhigen. Das ist ein Job für Troubleshooter-Mama und der geht so: Sohn und Tochter heulen, werfen sich schlimme Vorwürfe an den Kopf und geraten einander schliesslich fast in die Haare, aber nur fast, denn jetzt greift Troubleshooter-Mama ein und nimmt alle Schuld auf sich: "Ich war ja so blöd, die Schale am falschen Ort hinzustellen, also bin ich Schuld." Der Sohn will etwas einwenden, aber Troubleshooter-Mama kommt ihm zuvor: "Nein mein Sohn, du bist nicht zu ungeschickt, ich habe den Fehler gemacht. Meine liebe Tochter, wir werden für Papa eine neue Schale kaufen. Und ich werde sie bezahlen, denn es war ja meine Schuld. Und ich werde auch mit Papa reden, denn es war ja nicht euer Fehler..." 

Problem Nummer eins ist kaum gelöst, da steht schon Problem Nummer zwei an: Ein nicht mehr eingefasstes Zahlenbuch, das der Sohn unbedingt noch heute Morgen einfassen will, weil sonst die Lehrerin so böse wird. Aber Troubleshooter-Mama weigert sich, das Buch jetzt auf der Stelle einzufassen, denn erstens hat sie kein geeignetes Papier im Haus, zweitens hat sie keine Geduld dazu, denn der Sohn wird das Buch selber einfassen wollen und danach doch nicht ohne Mamas Hilfe auskommen und drittens hat sie  jetzt gar keine Zeit für das Buch, denn Probleme Nummer drei, vier und fünf warten schon darauf, gelöst zu werden.

Während Troubleshooter-Mama sich Problem Nummer 3 annimmt - die Tochter kann die seit Wochen vermissten Bibliotheksbücher nicht mehr finden und ist deshalb in Tränen aufgelöst -, heult sich der Sohn fast die Seele aus dem Leib, weil er Angst hat vor der Lehrerin. Warum bloss fürchtet sich das Kind vor dem Zorn der Lehrerin, wo er doch seit mehr als zehn Jahren mit einer emotional ziemlich wechselhaft veranlagten Mama klarkommt?

Troubleshooter-Mama gerät ob der beiden zusammentreffenden Probleme beinahe ins Strudeln, besinnt sich dann aber auf ihr Allheilmittel in schwierigen Situationen: Sie greift zu Stift und Papier. Ein Briefchen für die Lehrerin der Tochter, in dem steht, dass die Bücher nicht mehr auffindbar sind und deshalb von Troubleshooter-Mama ersetzt werden, ein Briefchen für die Lehrerin des Sohnes, in dem steht, dass gestern zu später Stunde der Einband des Zahlenbuches kaputt gegangen sei und dass dieser Fehler selbstverständlich übers Wochenende behoben werde.

Beide Briefchen mit "Besten Dank für Ihr Verständnis" abgeschlossen und auf zu Problem Nummer vier, das da heisst: Dem dritten Kind schonend beibringen, dass er noch keine Kindergartendispens erhalten hat - und diese auch nie erhalten wird - und dass er deshalb in die Kleider schlüpfen soll und zwar schnell, weil sonst all der Kuchen, den heute zwei Geburtstagskinder mitbringen werden, ohne ihn aufgegessen wird.

Danach muss sich Troubleshooter-Mama nur noch um ein paar kleinere Problemchen kümmern: Die Tochter trösten, die heult, weil der grosse Bruder und sein Freund ohne sie abgezogen sind, dem Jüngsten die laufende Nase putzen, obschon sie ihm wehtut, weil sie vor ein paar Tagen eine unangenehme Begegnung mit einer Schaukel hatte, dem Zweitjüngsten einen Glassplitter aus dem Finger entfernen – ein letztes Überbleibsel von Papas Schale.

Dann wird es ruhiger und Troubleshooter-Mama darf sich endlich ins Büro zurückziehen, wo ein ganzer Berg Arbeit auf sie wartet. Aber der Berg Arbeit muss leider noch etwas länger warten, denn Troubleshooter-Mama muss sich mal ernsthafte Gedanken machen darüber, ob es pädagogisch sinnvoll sei, den Kindern immer und immer wieder aus der Patsche zu helfen.

Letzte Aktualisierung : 04-07-16, TV

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