Frau fasst Vorsätze
Kolumne | Familie

Guter Vorsatz trifft Familienleben

Und, haben Sie für das neue Jahr schon gute Vorsätze gefasst?

Ich nicht, denn ich habe festgestellt, dass Vorsätze im Familienalltag noch weniger taugen als sonst im Leben. 

Manchmal ist die Versuchung zwar gross, mir einzureden, dass ich - wenn ich mich nur ein bisschen am Riemen reisse - ab dem 1. Januar nie mehr schimpfend und zeternd am Steuer sitzen muss, weil wir schon wieder zu spät zum Zahnarzttermin kommen. Dass ich im neuen Jahr jedem meiner Kinder täglich fünf Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit schenke, wenn es nach Hause kommt, anstatt nur noch schnell schnell den Abschnitt fertig zu schreiben, ehe ich mich ihm zuwende. Dass ich in jeder der vor mir liegenden 52 Wochen mindestens einen Waldspaziergang unter die Füsse nehmen werde. Dass Teigwaren mit Tomatensauce in unserem Haushalt zur seltenen Delikatesse werden, weil es keine verzweifelten "Ich muss unbedingt noch etwas  Essbares auf den Tisch bringen"-Aktionen mehr gibt. Kurz: Dass am ersten Tag des Jahres auf wundersame Weise endlich diese unglaublich gut organisierte, fitte, achtsame, kreative, humorvolle und natürlich stets liebende Übermutter wach wird, die doch irgendwo tief in meinem Inneren schlummern müsste. 

Wie so viele andere vor mir habe auch ich mich schon der Illusion hingegeben, ein blütenweisser Kalender und eine gehörige Portion Selbstdisziplin seien alles, was es braucht, um aus mir einen besseren Menschen zu machen. Wie so viele andere vor mir bin auch ich spätestens am 3. Januar mit lautem Krachen zum ersten Mal gescheitert. Und wie so viele andere vor mir habe ich mich mühsam aufgerappelt und mir dabei bittere Vorwürfe gemacht, weil es wieder nicht geklappt hat mit den guten Vorsätzen. 

Als langjährige Mutter hätte ich eigentlich wissen müssen, dass das nicht funktionieren kann. Wenn es schon an einem einzelnen Tag nicht klappen will mit den guten Vorsätzen, wie um alles in der Welt soll es dann an 365 Tagen in Folge möglich sein? Wie oft bin ich schon im Morgengrauen im Kopf meine To-do-Liste durchgegangen, nur um am Abend desselben Tages hundemüde ins Bett zu sinken ohne auch nur etwas von all dem, was geplant war, erledigt zu haben. Wie viele Checklisten sind ohne einen einzigen abgehakten Punkt ins Altpapier gewandert, weil ich nichts habe zu Ende bringen können, obschon ich von früh bis spät auf Achse war. Wie oft habe ich mir geschworen, trotz allem Unvorhersehbaren, das der Alltag mit Kindern mit sich bringt, Ruhe zu bewahren - nur um wenig später wie ein aufgescheuchtes Huhn durchs Dorf zu hetzen, weil im Trubel mal wieder etwas Wichtiges vergessen gegangen war. 

Während die Wissenschaft darüber rätselt, ob der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien tatsächlich in Texas einen Tornado auslösen kann, wissen Eltern schon längst, dass ein Kindersöckchen in der falschen Farbe, das der Zweijährige partout nicht anziehen will, Tages- und Karrierepläne ernsthaft gefährden kann. Es muss nicht unbedingt ein Söckchen sein. Es tut's auch ein Telefonat das zu lange dauert, eine klitzekleine, spontane Stundenplanänderung oder ein Marienkäfer, der dem Kind ausgerechnet dann, wenn's pressiert, über den Weg krabbelt. Ein Hauch von Nichts reicht, um die sorgfältig geschaffene Balance zwischen Familie, Job, Haushalt und Freizeit aus dem Lot zu bringen. Welche Konsequenzen das nach sich zieht, ist unterschiedlich. An guten Tagen steht vielleicht das Mittagessen etwas später als geplant auf den Tisch. An schlechten Tagen läuft einem gerade die Chefin über den Weg, wenn man vierzig Minuten zu spät völlig entnervt und mit breiverschmierter Hose im Büro ankommt.  

Es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass dem lebhaften, bunten und zuweilen äusserst chaotischen Familienalltag nicht mit ein paar guten Vorsätzen beizukommen ist. Noch länger hat es gedauert, bis ich endlich verstanden habe, dass es im Familienleben nicht darum geht, alles richtig zu machen. Und erst als mir neulich eine Psychologin sagte, sie wolle doch hoffen, dass ich bei all dem Trubel hin und wieder die Geduld verlöre, dämmerte mir, dass eine fehlerfreie Mutter so ziemlich das Letzte wäre, was meine Kinder gebrauchen könnten. Wie sollten sie auch lernen, dass Fehler erlaubt sind, wenn sie ein allzeit perfektes Vorbild hätten? 

Darum pfeife ich fröhlich darauf, mir den Start ins neue Jahr unnötig schwer zu machen, indem ich mir Dinge vornehme, die ich dann doch nicht einhalte. Ich bin schon ganz zufrieden, wenn wir als Familie es schaffen, an guten wie an schwierigen Tagen füreinander da zu sein und gemeinsam das Leben zu meistern.

Was, wenn man's genau nimmt, halt doch so etwas wie ein guter Vorsatz ist.

Letzte Aktualisierung : 21-12-18, TV

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