Junge mit Zeigefinger am Mundwinkel
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Bereit für den "Chindsgi"?

Kurz nach dem vierten Geburtstag folgt bei vielen Kindern das nächste grosse Ereignis: Der Eintritt in den Kindergarten. Eltern sind sich oft unsicher, ob ihr Kind in diesem Alter schon bereit ist für diesen Schritt. Die Frage, ob sie es anmelden oder ein Jahr zurückstellen sollen, ist jedoch gar nicht so leicht zu beantworten. Immerhin liegen zwischen dem Anmeldetermin und dem ersten Kindergartentag gut sechs Monate. Monate, in denen kleine Kinder grosse Entwicklungsschritte durchlaufen. Monate aber auch, in denen sich vielleicht herausstellt, dass das Kind für den einen oder anderen dieser Schritte mehr Zeit braucht. 

Was von Kindergartenkindern erwartet wird

Es ist nicht verbindlich festgelegt, was Kinder alles können müssen, um bereit zu sein für den Kindergarten. An vielen Orten wird jedoch vorausgesetzt, dass sie die folgenden Anforderungen erfüllen: 

  • Das Kind ist in der Lage, vier Stunden von seinen engsten Bezugspersonen getrennt zu sein. 
  • Es braucht tagsüber keine Windeln mehr, geht selbständig aufs WC, kann sich selber sauber machen und die Hände waschen.
  • Es putzt sich die Nase selbständig.
  • Es kann sich soweit selber an- und ausziehen, dass es nur noch ganz wenig Hilfe von Erwachsenen braucht.
  • Es kann Grenzen akzeptieren und Regeln verstehen.
  • Es kann warten, bis es an der Reihe ist.
  • Es ist in der Lage, 10 Minuten stillzusitzen und zuzuhören.
  • Es kann einige Zeit an einer Sache dranbleiben.
  • Es kann kleine Aufträge ausführen.
  • Es hatte bereits sozialen Umgang mit anderen Kindern, z. B. in der Kita oder in der Spielgruppe
  • Grobmotorik: Es kann rennen, klettern und Treppen steigen.
  • Feinmotorik: Es kann malen, kleben und mit der Schere schneiden.
  • Es geht mit Spielsachen sorgfältig um und weiss, dass zum Spielen auch das Aufräumen gehört. 

All dies klappt natürlich nicht vom einen Tag auf den anderen reibungslos. Es ist auch nicht so, dass ein Vierjähriges das alles ab dem ersten Kindergartentag in jeder Situation gleich gut können muss. Wichtig ist, dass Sie Ihr Kind bereits im Vorschulalter Schritt für Schritt auf seinem Weg zu mehr Selbständigkeit begleiten, damit es allmählich in seine neue Rolle als Kindergartenkind hineinwachsen kann. 

Die Rolle der Eltern

Auch Ihnen als Eltern verlangt der Wandel vom Kleinkind zum Kindergartenkind einiges ab. Dies zum einen ganz praktisch in der Tagesplanung, denn von nun an wird sich vieles nach dem Stundenplan und den Schulferien richten. Möglicherweise müssen Sie auch eine neue Betreuungseinrichtung finden, weil die Kita keine schulergänzende Betreuung anbietet. 

Zum anderen sehen viele Eltern dem Kindergartenstart mit gemischten Gefühlen entgehen. Zur Freude, dass das Kind schon so gross und selbständig ist, gesellt sich oft die Wehmut, dass die Kleinkindphase nun endgültig zu Ende geht. Neue Bezugspersonen treten in sein Leben und es verbringt immer mehr Zeit mit seinen Gspänli. Und dann sind da natürlich die sorgenvollen Fragen: Wird unser Kind Freunde finden? Wird die Kindergärtnerin gut auf seine Bedürfnisse eingehen? Kann es all das, was es können müsste? Wird ihm das Zusammensein mit den grösseren Kindern nicht zu viel? Und vielleicht auch: Wird mein Kind ähnlich schwierige Erfahrungen machen müssen wie ich in meiner Schulzeit? Achten Sie darauf, Ihre Sorgen nicht auf Ihr Kind zu übertragen, beispielsweise mit Aussagen wie: "Das musst du aber noch lernen, bevor du in den Chindsgi kommst, sonst ist die Kindergärtnerin nicht zufrieden mit dir."

Konkrete Infos helfen weiter

Diese gemischten Gefühle zu Beginn eines neuen Lebensabschnitts sind vollkommen verständlich. Sie sollten aber nicht den Ausschlag geben in der Frage, ob das Kind noch ein Jahr zu Hause bleiben soll. Auch die Ratschläge von Verwandten und Freunden sind nur bedingt hilfreich, denn jedes Kind erlebt den Eintritt in den Kindergarten ein wenig anders. Sinnvoller kann es sein, sich einige Gedanken zu machen, welchen Einfluss der Entscheid auf die weitere Schullaufbahn haben könnte. Allerdings ist die Tatsache, dass Ihr Kind zu den Jüngsten des Jahrgangs gehört, nicht alleine massgeblich dafür, wie gut es später in der Schule zurechtkommt. Am besten holen Sie daher ganz konkrete Infos ein:

  • Fragen Sie die Spielgruppenleiterin oder das Betreuungsteam in der Kita nach ihrer Einschätzung. Diese Fachpersonen erleben Ihr Kind in einem anderen Umfeld als zu Hause und beobachten dabei, wie es in der Gruppe klarkommt und wo es im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern steht. 
  • Auch ein Gespräch mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt kann Klarheit bringen. Eine vertiefte Abklärung ist dann sinnvoll, wenn der Verdacht besteht, das Kind könnte in seiner Entwicklung verzögert sein. 
  • Erkundigen Sie sich über den Kindergarten an Ihrem Wohnort: Wie sieht der Stundenplan im ersten Jahr aus? Wie wird die Eingewöhnungszeit gestaltet? Besteht die Möglichkeit, den Kindergarten in einem reduzierten Pensum zu besuchen, wenn das Kind zu Beginn überfordert ist? Welche Angebote gibt es für Kinder, die Unterstützung benötigen? 

Wenn Sie zum Schluss kommen, dass Ihr Kind besser noch ein Jahr zu Hause bleibt, sind folgende Punkte wichtig:

  • Die Kantone handhaben Rückstellungsgesuche ganz unterschiedlich. Was im einen Kanton eine reine Formsache ist, wird im anderen nur bewilligt, wenn ein ärztlicher Bericht belegt, dass ein Kindergarteneintritt auch mit sonderpädagogischer Unterstützung nicht angezeigt wäre. Klären Sie deshalb ganz genau ab, was in Ihrem Wohnkanton gilt: An wen muss das Gesuch gerichtet werden? Was muss darin enthalten sein? Reicht eine kurze Begründung oder ist ein ärztlicher Bericht erforderlich? Müssen Sie Rücksprache halten mit dem schulpsychologischen Dienst? Bis wann muss das Gesuch eingereicht werden? Gibt es Rekursmöglichkeiten, wenn das Gesuch abgelehnt wird?
  • Finden Sie Beschäftigungsmöglichkeiten für Ihr Kind. Vierjährige sind wissbegierig und voller Entdeckerdrang. Mit Gleichaltrigen machen sie liebend gerne den Spielplatz unsicher und vertiefen sich stundenlang in Rollenspiele. Diesen Bedürfnissen sollten Sie gerecht werden, beispielsweise mit einem oder zwei zusätzlichen Vormittagen in der Spielgruppe, mehr Betreuungszeit in der Kita oder dem Besuch von Eltern-Kind-Angeboten. 
  • Falls eine Entwicklungsverzögerung vorliegt, ist es wichtig, dass Ihr Kind bereits jetzt die benötigte Unterstützung und allfällige Therapien bekommt.  

Ob Sie Ihr Kind anmelden oder noch ein Jahr zuwarten - für einen gelungenen Kindergartenstart ist eine positive Einstellung ganz entscheidend. An Infoverantstaltungen und Schnupperanlässen haben Sie die Gelegenheit, die Lehrpersonen kennen zu lernen, sich über Lerninhalte zu informieren und Fragen zu stellen. Derart vorbereitet fällt es leichter, dem neuen Lebensabschnitt mit Zuversicht und Vorfreude entgegenzublicken. 

Letzte Aktualisierung : 28-03-19, TV

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