Anzeige
  • Kinderwunsch
    • Schwangerschaft
      • Geburt
        • Wochenbett
          • Baby
            • Kind

              • Stillen
                • Krankheiten
                  • Familie
                    • Frau
                      • Erziehung
                        • Vater werden
                          • Gesund Leben
                            • Arbeit, Recht und Finanzen

                              Säugling im Body liegt auf dem Rücken und weint
                              ©
                              Shutterstock

                              Schrei­sprech­stun­de für Ba­bys und Klein­kin­der

                              In­ter­view mit Dr. med. René Glanz­mann


                              swiss­mom: Das Baby schreit viel, fühlt sich of­fen­sicht­lich un­wohl und die El­tern wer­den zu­se­hends ge­stresst und wis­sen nicht mehr wei­ter. Wie kann die Schrei­sprech­stun­de die­sen be­trof­fe­nen Fa­mi­li­en Hil­fe an­bie­ten?

                              Dr. med. René Glanz­mann: Weil wir wis­sen, dass es aus­ser­or­dent­lich vie­le Grün­de für das Schrei­en bei ei­nem Baby gibt, ha­ben wir un­se­re Schrei­sprech­stun­de in­ter­dis­zi­pli­när aus­ge­stat­tet. Wir ver­su­chen, in zwei­mal rund 1 ½ Stun­den Kon­sul­ta­ti­ons­zeit mit­tels Auf­nah­me der Pa­ti­en­ten­ge­schich­te und Un­ter­su­chung des Kin­des an­läss­lich der ers­ten Sit­zung kör­per­li­che und oder see­li­sche Ur­sa­chen für das Schrei­en aus­zu­schlies­sen oder zu fin­den.
                              Lie­gen kör­per­li­che Pro­ble­me vor, so ver­su­chen wir mit ei­ner kau­sa­len The­ra­pie, die­se zu lin­dern oder zu hei­len, da­mit die Schrei­at­ta­cken des Kin­des ver­schwin­den kön­nen. In vie­len Fäl­len aber las­sen sich kei­ne of­fen­sicht­lich kör­per­li­chen Ur­sa­chen fin­den. In die­sen Fäl­len ver­su­chen wir, in ei­ner zwei­ten Sprech­stun­den-Sit­zung, die auch wie­der rund 1 – 1 ½ Stun­den dau­ert, mit­tels Ana­mne­se des fa­mi­liä­ren Um­felds und der fa­mi­liä­ren In­ter­ak­tio­nen, mög­li­chen see­li­schen Ur­sa­chen auf den Grund zu kom­men. Im All­ge­mei­nen hel­fen den ge­stress­ten El­tern be­reits die Ver­mitt­lung ei­nes ers­ten Sprech­stun­den­ter­mins und das Aus­fül­len ei­nes Schrei- oder Schlaf­pro­to­kolls, wel­ches wir zur Ob­jek­ti­vie­rung der Be­schwer­den als sehr hilf­reich be­ur­tei­len. So ist es nicht sel­ten, dass schon beim ers­ten Ter­min die El­tern über eine leich­te Bes­se­rung des Be­schwer­de­bil­des be­rich­ten.

                              Zur Per­son

                              Dr. med. René Glanzmann

                              Dr. med. René Glanzmann ist Kinderarzt FMH mit Schwerpunkt Neonatologie. Er ist seit 1994 als Oberarzt im UKBB (Universitäts -Kinderspital beider Basel) angestellt. Seit 1999 arbeitet er unter anderem auch als Oberarzt der Schreisprechstunde. Seine medizinischen Interessen sind die Ernährung und das Studium der Interaktionen zwischen Eltern und Kind.

                              swiss­mom: Wel­che Fach­per­so­nen sind in Ih­rem Team da­bei?

                              Dr. med. René Glanz­mann: Un­ser in­ter­dis­zi­pli­nä­res Team, das die Säug­lings­sprech­stun­de (oder Schrei­sprech­stun­de) be­treut, be­steht aus ei­nem Kin­der­arzt, ei­nem Ver­tre­ter des Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­tri­schen Diens­tes (Kin­der­psych­ia­ter) und ei­ner er­fah­re­nen Kin­der­kran­ken­schwes­ter. Bei den ers­ten zwei Sit­zun­gen sind je­weils alle Fach­ver­tre­ter an­we­send, bei wei­ter­füh­ren­den The­ra­pi­en wird dann ent­we­der der Kin­der­arzt bei so­ma­ti­schen (=kör­per­li­chen) Pro­ble­men oder aber der Kin­der­psych­ia­ter bei see­li­schen Pro­ble­men al­lei­ne ak­tiv. Ge­le­gent­lich wird es nö­tig, eine wei­te­re päd­ia­tri­sche Fach­per­son bei­zu­zie­hen, am meis­ten be­nö­ti­gen wir die Kol­le­gen der Ent­wick­lungs­neu­ro­lo­gie oder den Fach­arzt für Ma­gen-Darm­er­kran­kun­gen. Bei Ess-Stö­run­gen, die auch im Rah­men die­ser Säug­lings­sprech­stun­de be­treut wer­den, wer­den oft Er­näh­rungs­be­ra­tung oder Lo­go­pä­die zu­ge­zo­gen.

                              swiss­mom: Wel­che Sym­pto­me oder Ver­hal­tens­wei­sen zei­gen sich bei den klei­nen Pa­ti­en­ten in der Schrei­sprech­stun­de?

                              Dr. med. René Glanz­mann: In der Säug­ling­sprech­stun­de oder Schrei­sprech­stun­de be­treu­en wir Kin­der von 0 – 4 Jah­ren, die an Schrei-, Schlaf- oder Ess­stö­run­gen lei­den. Das Gros un­se­rer Pa­ti­en­ten weist Schrei- oder Schlaf­stö­run­gen oder die Kom­bi­na­ti­on der bei­den Stö­run­gen auf. Die Sym­pto­me un­se­rer klei­nen Pa­ti­en­ten sind sehr un­ter­schied­lich und wer­den je nach El­tern auch un­ter­schied­lich wahr­ge­nom­men. Bei den Schrei­kin­dern liegt die Wahr­neh­mung na­tür­lich auf dem mehr oder we­ni­ger ex­zes­si­ven Schrei­en, das je nach Sen­si­bi­li­tät der El­tern schon nach kur­zen Schrei­epi­so­den als sehr ein­grei­fend er­lebt wird. Bei den Schlaf­stö­run­gen sind die Ein­schlaf­kämp­fe ei­ner­seits und die Durch­schlaf­stö­run­gen mit häu­fi­gem nächt­li­chem Er­wa­chen, be­glei­tet von nächt­li­chem Schrei­en, die häu­figs­ten Sym­pto­me. Bei den Ess­stö­run­gen sind je nach Wahr­neh­mung der El­tern mehr oder we­ni­ger hef­ti­ge Ess­ver­wei­ge­run­gen oder Ess­stö­run­gen be­ob­acht­bar.

                              swiss­mom: Gibt es Me­cha­nis­men für be­trof­fe­ne El­tern, mit die­sem Stress um­zu­ge­hen, da­mit sich die Si­tua­ti­on be­ru­higt?

                              Dr. med. René Glanz­mann: All­ge­mein lässt sich sa­gen, dass es kei­ne Koch­buch-Re­geln gibt, mit die­sen Pro­ble­men ein­fach um­ge­hen zu kön­nen. Für jede Fa­mi­lie muss der ge­eig­ne­te Weg ge­sucht wer­den, um dem Kind und al­len Fa­mi­li­en­mit­glie­dern ge­recht zu wer­den. All­ge­mein­gül­tig ist in­des, dass das Ernst­neh­men der vor­ge­tra­ge­nen Pro­ble­me auf der ei­nen Sei­te und die Ent­las­tung der ge­stress­ten Fa­mi­lie auf der an­de­ren Sei­te hilf­reich sind. Manch­mal ist es so­gar nö­tig, das schrei­en­de oder schlaf­ge­stör­te Kind für kur­ze Zeit aus dem Fa­mi­li­en­kon­text her­aus­zu­neh­men und über eine Ent­las­tungs-Hos­pi­ta­li­sa­ti­on den Teu­fels­kreis zu durch­bre­chen. In die­ser Zeit kön­nen sich die El­tern eben­falls er­ho­len und neue Kräf­te sam­meln.

                              swiss­mom: Dass Ba­bys am An­fang Ih­res Le­bens manch­mal viel schrei­en, ist nor­mal. Gibt es den­noch eine Faust­re­gel, wann El­tern die Schrei­sprech­stun­de auf­su­chen sol­len?

                              Dr. med. René Glanz­mann: Die üb­li­che De­fi­ni­ti­on des Schrei-Ba­bys, näm­lich Schrei­en an min­des­tens drei Ta­gen pro Wo­che drei Stun­den lang über drei Mo­na­te an­dau­ernd, er­wei­tern wir in dem Sin­ne, dass ein Baby dann als Schreiba­by gilt, wenn es von den El­tern als sol­ches emp­fun­den wird. Wir ra­ten den be­trof­fe­nen El­tern im­mer, die Pro­ble­ma­tik zu­erst mit ih­rem Kin­der­arzt zu be­spre­chen. Kommt die­ser mit der Schrei- oder Schlaf­pro­ble­ma­tik nicht wei­ter, so sind wir ger­ne be­reit, un­ser in­ter­dis­zi­pli­nä­res Team zur Ver­fü­gung zu stel­len.

                              swiss­mom: Spie­len ne­ben dem mo­men­ta­nen kör­per­li­chen Be­fin­den ei­nes Klein­kin­des (Hun­ger/Ap­pe­tit/Wohl­be­fin­den) auch wei­te­re Fak­to­ren wie Stress­fak­to­ren in der Schwan­ger­schaft, Le­bens­si­tua­ti­on der El­tern, ei­ge­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen eine Rol­le?

                              Dr. med. René Glanz­mann: Das kör­per­li­che Be­fin­den ei­nes Klein­kin­des spielt eine er­heb­li­che Rol­le be­züg­lich Schrei- und Schlaf­ver­hal­ten. Im Rah­men ei­ner Dis­ser­ta­ti­on von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Frau Dr. S. Win­te­ler über die Bas­ler Schrei­sprech­stun­de ha­ben wir in­des fest­stel­len kön­nen, dass so­wohl Stress­fak­to­ren in der Schwan­ger­schaft, Be­find­lich­kei­ten der El­tern, ins­be­son­de­re de­pres­si­ve Ver­stim­mun­gen und psy­chi­sche Er­kran­kun­gen, so­wie ei­ge­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen ei­nen gros­sen Ein­fluss auf das Ver­hal­ten des Kin­des ha­ben. Im Ge­gen­zug dazu be­las­tet ex­zes­si­ves Schrei­en die ge­sam­te Fa­mi­li­en­struk­tur und stellt die jun­ge Fa­mi­lie auf eine enor­me Be­las­tungs­pro­be. Rasch ent­wi­ckelt sich ein Teu­fels­kreis mit ge­gen­sei­ti­gen Vor­wür­fen, die kaum je der Be­he­bung der Grund­stö­rung beim Kind die­nen. Ins­be­son­de­re auch, weil Klein­kin­der in die­ser Al­ters­stu­fe über fei­ne An­ten­nen ver­fü­gen, die at­mo­sphä­ri­sche Schwan­kun­gen in der Fa­mi­lie auf­neh­men und dar­auf re­agie­ren. Un­se­re ers­ten Re­sul­ta­te der Aus­wer­tung un­se­rer Schrei­sprech­stun­de sind im Ar­ti­kel von Frau Dr. Agnes von Wyl in der Pra­xis der Kin­der­psy­cho­lo­gie und Kin­der­psych­ia­trie ver­öf­fent­licht wor­den (von Wyl A., Wat­son M.,Glanz­mann R., von Klit­zing K. (2008): Bas­ler in­ter­dis­zi­pli­nä­re Sprech­stun­de für El­tern von Säug­lin­gen und Klein­kin­dern: Kon­zept und em­pi­ri­sche Er­geb­nis­se; Pra­xis der Kin­der­psy­cho­lo­gie und Kin­der­psych­ia­trie, 57: 216-236.).

                              swiss­mom: Sind kör­per­li­che Sym­pto­me wie Ver­dau­ungs­stö­run­gen, so ge­nann­te Drei-Mo­nats-Ko­li­ken, häu­fig Ur­sa­chen des lang­dau­ern­den Schrei­ens oder gibt es auch an­de­re denk­ba­re Grün­de?

                              Dr. med. René Glanz­mann: Bei Schrei­s­tö­run­gen im frü­hen Säug­lings­al­ter spie­len die so ge­nann­ten Drei­mo­nats­ko­li­ken eine gros­se Rol­le. Die­se sind höchst­wahr­schein­lich auf eine Re­gu­la­ti­ons­stö­rung des Kin­des zu­rück­zu­füh­ren, das sei­ne täg­li­chen Ein­drü­cke und Frus­tra­tio­nen mit­tels ex­zes­si­vem Schrei­en ver­ar­bei­ten muss. Wie aus vie­len Stu­di­en be­kannt ist, ha­ben die­se Kin­der kei­ne pri­mä­ren Pro­ble­me mit dem Ver­dau­ungs­trakt, aber durch das ex­zes­si­ve Schrei­en und Luft­schlu­cken fin­det man häu­fig ein mas­siv ge­bläh­tes und har­tes Bäuch­lein, was ei­nen an Ver­dau­ungs­stö­run­gen den­ken lässt. Beim äl­te­ren Säug­ling und Klein­kind sind die Ur­sa­chen für das Schrei­en sel­te­ner in den Drei­mo­nats­ko­li­ken zu fin­den, viel­mehr sind län­ger an­dau­ern­de Re­gu­la­ti­ons­stö­run­gen, In­ter­ak­ti­ons­pro­ble­me mit den El­tern, Un­ter- oder Über­sti­mu­la­ti­on des Kin­des durch die Um­welt oder dann so­ma­ti­sche Pro­ble­me wie gastro­öso­pha­gealer Re­flux, Neu­ro­der­mi­tits und ent­wick­lungs­neu­ro­lo­gi­sche De­fi­zi­te zu nen­nen. Die­se ver­schie­de­nen For­men hat Frau Prof. Pa­pou­sek 2004 schön be­schrie­ben. (Pa­pou­sek M. et al.: Re­gu­la­ti­ons­stö­rung der frü­hen Kind­heit: Kli­ni­sche Evi­denz für ein dia­gnos­ti­sches Kon­zept, Bern, Ver­lag Hans Hu­ber, 2004: 177-110).

                              swiss­mom: Wie lan­ge dau­ert es in der Re­gel, bis die Schrei­sprech­stun­de Ab­hil­fe brin­gen kann?

                              Dr. med. René Glanz­mann: Die Pa­ti­en­ten, die in un­se­rer Säug­lings­sprech­stun­de ge­se­hen wer­den, er­fah­ren im Schnitt drei Sit­zun­gen. Bei ei­ni­gen Pa­ti­en­ten ge­nügt eine In­ter­ven­ti­on, bei we­ni­gen sind län­ger­fris­ti­ge Ge­sprächs­the­ra­pi­en mit über acht Sit­zun­gen nö­tig. Ein­zel­ne Pa­ti­en­ten kom­men mit un­se­rem Kon­zept nicht klar und bre­chen die The­ra­pie vor­zei­tig ab. Wie die Pra­xis-Päd­ia­ter uns im­mer mal wie­der be­rich­ten, kön­nen Os­teo­pa­thieCra­nio­sa­cral-The­ra­pie oder chi­ro­prak­ti­sche The­ra­pi­en bei vie­len Schrei­kin­dern im frü­hen Säug­lings­al­ter hel­fen. Oft­mals se­hen wir die Pa­ti­en­ten erst, wenn an­de­re Heil­ver­su­che fehl­ge­schla­gen sind. 

                              Letzte Aktualisierung: 06.11.2019, AS

                              Mehr zum The­ma

                              Ak­tu­el­les

                              kurz&bündigkurz&bündig
                              11/21/2021

                              Pri­va­cy Play­ground

                              Kin­der­schutz Schweiz macht auf die Ge­fah­ren des «Sharen­ting» («to sha­re» / «pa­ren­ting») auf­merk­sam. Im In­ter­net …

                              Auch in­ter­es­sant

                              Neu­es­te Ar­ti­kel

                              Unsere Partner

                              Anzeige
                              Anzeige