Neugeborenes liegt auf der Brust der Mutter

Das Adrenogenitale Syndrom (AGS)

Bei dieser erblichen Erkrankung der Nebenniere kommt es unbehandelt zu einem mitunter lebensbedrohlichen Verlust von Salz und/oder zur vermehrten Bildung von männlichen Geschlechtshormonen (Androgenen) mit Auswirkungen auf die Ausbildung der äusseren Geschlechtsorgane, die Geschlechtsreife und Fruchtbarkeit, vor allem bei Mädchen. Bei diesen besteht so auch die Gefahr, dass sie fälschlicherweise als Knabe aufwachsen.

Die schwere Form des AGS kommt etwa einmal auf 7000 Geburten vor. In der Schweiz gehört die Untersuchung auf das AGS zum routinemässigen Neugeborenenscreening.

Der Erbgang ist autosomal-rezessiv, das heisst beide Eltern sind gesunde Merkmalsträger mit einem kranken und einem gesunden Gen (heterozygot). Von der Krankheit betroffen ist nur ein Kind, das von beiden Eltern das defekte Gen erbt (homozygot). In jeder Schwangerschaft besteht für dieses Elternpaar eine 25prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Kind homozygot erkrankt sein könnte. Heterozygote Merkmalsträger kann man durch einen Stimulationstest (ACTH-Test) diagnostizieren.

Das adrenogenitale Syndrom wird durch einen angeborenen Enzym-Defekt (meist ein 21-Hydroxylase-Mangel) beim Aufbau der Steroide verursacht. Steroide sind Hormone, die von der Nebenniere gebildet werden, z.B. das Cortisol, das den Salz- und Wasserhaushalt regulierende Aldosteron und Vorstufen von verschiedenen Geschlechtshormonen. Ein Kontrollmechanismus meldet der übergeordneten Hirnanhangsdrüse (Hypophyse), dass zuwenig Steroidhormone gebildet werden. Diese stimuliert die Nebenniere zur Vergrösserung und vermehrten Produktion, was aber wegen des Enzymdefekts nur dazu führt, dass noch mehr unbrauchbare Hormonvorstufen gebildet werden und sich ansammeln. Nur die Androgene, die männlichen Geschlechtshormone wie das Testosteron, umgehen diese Blockade und sind deshalb in höherer Konzentration vorhanden.

Typisch ist daher eine „Virilisierung“, also Vermännlichung der weiblichen Patienten. Die von der schweren Form betroffenen Mädchen zeigen bei der Geburt eine auffällige Vergrösserung der Klitoris, was zunächst zu einer falschen Geschlechtszuordnung führen kann. Bei der leichteren Form ist die Vermännlichung in der Regel nur auf verstärkten und männlich verteilten Haarwuchs (Hirsutismus) und eine verfrühte Pubertät beschränkt. Die betroffenen Jungen fallen dagegen erst später auf, wenn sie schneller wachsen und scheinbar früher in die Pubertät kommen.

Bei zusätzlichem Salzverlust durch Aldosteronmangel kann es schon in den ersten Lebenswochen zu einer lebensbedrohlichen Krise mit Blutdruckabfall und Übersäuerung des Blutes (Azidose) kommen.Bei dieser schweren Form des AGS erbrechen die Säuglinge häufig, verlieren an Gewicht und werden zunehmend teilnahmslos und schläfrig.

Die Behandlung erfolgt so früh wie möglich und praktisch lebenslang mit Nebennierenrindenhormon (Cortisol) in Tablettenform, damit der Mangel ausgeglichen wird. Beim AGS mit Salzverlust muss auch das Hormon Aldosteron (ein Mineralkortikoid) ersetzt werden. Wenn die Dosis optimal angepasst wird, sind keinerlei Nebenwirkungen durch die Therapie zu erwarten.

Ist ein familiäres Risiko schon während der Schwangerschaft bekannt und ergibt die Pränataldiagnostik ein positives Ergebnis, kann ein betroffenes Mädchen indirekt schon vor der Geburt behandelt werden, damit sich Veränderungen an der äusseren Geschlechtsorganen gar nicht erst entwickeln. Dazu wird der Mutter Nebennierenrindenhormon gegeben, das sie über die Plazenta an ihre ungeborene Tochter weitergibt.

Stand: 03/14, BH