Baby sitzt am Sandstrand mit Sandspielzeug

Träum weiter, mein Kind!

"Mama, ich will nach Amerika", hat meine Tochter schon tausendmal gesagt. "Ich will New York sehen, Los Angeles und San Francisco." So einfach sei das nicht, erkläre ich ihr. Alleine schon der Flug für sieben Personen würde unser Ferienbudget sprengen und ausserdem sei fliegen nicht besonders ökologisch. Das alles sage ich aus voller Überzeugung und doch fühlte ich mich stets schlecht dabei, denn so viele andere Familien in unserem Umfeld scheinen sich das, was sich unsere Tochter erträumt, problemlos leisten zu können. 

"Mama, wann gehen wir endlich an einen richtigen Fussballmatch?", fragt unser Jüngster gelegentlich. "Ich will nicht bloss den FC Basel sehen, sondern auch mal Barcelona oder Real Madrid." Wie er sich das denn vorstelle, frage ich dann jeweils, wo er doch der einzige Fussballbegeisterte in der Familie sei. Wir könnten nicht so weit reisen für eine Sache, die niemandem ausser ihm Spass mache. Auch das sage ich aus voller Überzeugung und natürlich fühlte ich mich trotzdem immer wieder schlecht dabei, denn der Kleine möchte doch so gerne mal seine allergrössten Stars in Action sehen. 

"Mama, bauen wir einen Schwimmteich im Garten?", fragt unser Dritter immer und immer wieder. "Es wäre doch so schön, wenn wir direkt hinter dem Haus ins Wasser springen könnten." So einfach sei das nicht, denn ein solcher Schwimmteich brauche ziemlich viel Pflege, erkläre ich. Und ausserdem hätten wir nicht genügend Platz, um ein anständiges Becken anzulegen, in dem man auch wirklich schwimmen könne. Auch hinter dieser Antwort kann ich voll und ganz stehen und doch kamen auch da immer wieder schlechte Gefühle auf, weil es doch eigentlich ein schöner Traum ist, den der Junge hat.

"Mama, ich möchte so gerne eine Zwergziege haben. Ich würde auch ganz bestimmt gut zu ihr schauen", sagt unser Zweitjüngster immer wieder, wenn er sich an unseren letzten Besuch auf dem Ballenberg erinnert, wo er eines dieser  Tiere in sein Herz geschlossen hat. Zwergziegen seien schon unglaublich herzig, sage ich dann, aber sie bräuchten auch Platz und die Nachbarn würden wohl kaum erfreut sein über den nicht gerade dezenten Geruch. Noch einmal eine Erklärung, die ich für absolut wahr halte, was aber nichts daran ändert, dass ich mich immer wieder schlecht fühlte, wenn ich dazu ausholen musste. 

"Mama, was würdest du davon halten, wenn ich Orgelunterricht nähme?", fragt der Älteste hin und wieder. "Ich würde das so gerne lernen." Das sei an sich eine gute Idee, aber ich wüsste nicht so recht, wie er das in seinem ohnehin schon randvoll mit Schule und Musikunterricht angefüllten Stundenplan unterbringen wolle, entgegne ich. Und obschon auch dies eine Antwort ist, die Hand und Fuss hat, fühlte ich mich trotzdem schlecht, weil man die Flügel der Jungen ja nicht unnötig stutzen soll. 

Immer und immer wieder habe ich plausible Antworten gegeben, immer und immer wieder habe ich mich schlecht gefühlt, weil wir keinen Zauberstab haben, mit dessen Hilfe wir die Träume unserer Kinder wahr werden lassen können. Sind wir schlechte Eltern, weil wir uns nicht alles leisten können, was bei Familien mit weniger Kindern vielleicht eher drinliegt? Machen wir ihre Träume kaputt, weil wir sie darauf hinweisen, dass nicht alles, was sich toll anhört, in der Realität auch so leicht zu verwirklichen ist? Sind wir langweilige Miesepeter, die nicht bereit sind, gewisse Risiken einzugehen? Stehen wir ihrem Glück im Wege? 

Irgendwann, als ich nicht mehr länger gewillt war, die Rolle des andauernden Spielverderbers zu übernehmen, versuchte ich, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ich erinnerte mich daran, wovon ich als Kind geträumt hatte, für welche Dinge mein Herz geschlagen hatte. Sind diese Träume wahr geworden? Nicht alle. Einige haben sich mit zunehmender Vernunft verflüchtigt. Andere warten heute noch auf ihre Erfüllung. Ziemlich viele aber konnte ich verwirklichen. Ich bohrte weiter. Wer hat dafür gesorgt, dass diese Träume wahr wurden? Meine Eltern? Na ja, in einem oder zwei Fällen vielleicht schon, aber der Rest hat sich erst ergeben, als ich schon längst auf eigenen Füssen stand.

Plötzlich dämmerte mir: Ich bin nicht dafür verantwortlich, alle Träume meiner Kinder zu verwirklichen. Ich bin bloss dafür verantwortlich, sie dabei zu unterstützen, etwas aus ihrem Leben zu machen, so dass sie eines Tages in der Lage sind, die Dinge umzusetzen, von denen sie träumen. Seither fühle ich mich nicht mehr so schlecht, wenn sie wieder  fragen, warum wir ihnen dieses oder jenes nicht bieten können oder wollen. Ich sage ganz entspannt: "Toller Traum, mein Kind. Lass uns überlegen, was geschehen muss, damit er in Erfüllung gehen kann."

Unglaublich, wie sehr das entlastet. 

 

 

Letzte Aktualisierung: 08.2017, TV