Vorlesezeit: Eltern und Kinder mit einem Bilderbuch
Familie | Kolumne

Sternaugenblicke

Das Familienglück ist eine flüchtige Angelegenheit. Oft blitzt es ganz unerwartet mitten im grössten Chaos auf und entschwindet dann wieder so plötzlich, wie es gekommen ist. Das Auto steckt im Stau am Gotthard, es ist heiss und die Stimmung ist gerade dabei, in den Keller zu steigen, als die Kinder auf dem Rücksitz zu singen anfangen und auf einmal singt die ganze Familie laut, fröhlich und katzfalsch. Oder du wachst am Samstagmorgen später als üblich auf und stellst fest, dass dich deine Kinder haben schlafen lassen und dass auf deinem Nachttisch eine dampfende Tasse Tee steht. Ein Augenblick des puren Glücks, der erst wieder verfliegt, wenn du in die Küche kommst und die Spuren der Teekochrei siehst.

Dann wieder bleibt das Familienglück ausgerechnet bei den Gelegenheiten fern, bei denen man fest mit seiner Anwesenheit gerechnet hat. Auf Ausflügen, zum Beispiel, die trotz schönsten Wetters und spannendstem Programm in Streit und Tränen enden. Oder auf Familienfesten, wo einfach keine Freude aufkommen will, weil Grossmama mit einer ungeschickten Bemerkung die Stimmung ruiniert hat. 

Nein, es lässt sich nicht erzwingen, das Familienglück, es ist auch leicht zu übersehen, weil die Sternaugenblicke - volle Sternstunden sind eher selten - meist leiser daherkommen als die Tiefpunkte, die jeweils mit lautem Gepolter und Getöse auf sich aufmerksam machen. Damit ich sie nicht vergesse und damit ich sie hervorholen und betrachten kann, wenn mir mal wieder alles zuviel wird, versuche ich, meine Sternaugenblicke zu sammeln. Hier sind einige davon:

  • Diesen Sommer waren wir in Småland und weil unsere jüngeren Kinder noch nie den ganzen "Michel" gehört haben, las ich jeweils abends auf der Wiese vor unserem ochsenblutroten Ferienhaus die Streiche des blonden Lausejungen vor. Ich staunte nicht schlecht, als der Älteste Abend für Abend zu uns auf die Wiese kam, um noch einmal zu hören, was er als kleiner Junge schon unzählige Male gehört hatte. So richtig warm wurde mir ums Herz, als er an einem Abend, an dem ich wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr vorlesen mochte, ganz aufgebracht meinte, am nächsten Tag müsste ich dann aber zwei Kapitel erzählen, sonst sei das ganz und gar unfair. 
  • Unser Jüngster, nicht gerade ein Gemüseliebhaber, packt jeweils mit Begeisterung die Biokiste aus. Diesmal war Rosenkohl dabei. Voller Freude zeigte er mir die schrumpeligen Kohlköpfchen: "Schau mal Mama, so herzig! Hoffentlich mag ich die, die sind so schön."
  • In der Klasse unserer Tochter proben einige Mädchen gerade, wie abschätzig sie über ihren sich entwickelnden weiblichen Körper reden können. Die Ausdrücke, die da gebraucht werden, brächten mich zum Erröten, wäre ich etwas prüder. Wir führten mehrere ernste Gespräche mit unserer Tochter, denn wir wünschen uns, dass sie ihren Körper lieben und respektieren lernt. Eines Nachmittags war ich gerade im Garten am Wühlen, als sie zu mir kam. "Weisst du, Mama", sagte sie, "am liebsten würde ich diesen Mädchen mal einen Vortrag halten, damit sie lernen, wie man diese Sachen richtig sagt. Die haben ja überhaupt keine Achtung vor sich selbst." 
  • In den Herbstferien blieben wir zu Hause. Arbeitsferien waren angesagt, etwas, was unsere grösseren Kinder absolut nicht zu begeistern vermochte. Die Kleineren griffen mit Freuden zu Schaufel und Rechen, doch die Grossen drückten sich vor der Arbeit, wo sie nur konnten. Dann kam der Tag, an dem wir das Loch buddeln mussten, um den Gartenteich anzulegen und plötzlich waren alle mit Feuereifer dabei. In Rekordzeit war das Loch geschaufelt, der Teich an seinem Platz. Ich glaube, wir alle sind heute noch stolz auf das, was wir gemeinsam erreicht haben. 
  • Mein Mann brachte einen netten kleinen Magen-Darm-Käfer von der Schule mit nach Hause und weil ich mit Kindern und Haushalt alle Hände voll zu tun hatte, musste er sich alleine mit dem elenden Käfer auseinandersetzen. Zwei unserer Söhne, die an diesem Tag gerade in bester Nervensägen-Laune waren, wurden auf einmal vom Erbarmen ergriffen. Im Nu zauberten sie aufgewärmte Suppe, Apfelschnitze, Tee und Apfelmus auf das Tischchen neben dem Krankenlager. Nachdem sie ihre gute Tat vollbracht hatten, sägten sie fröhlich weiter an meinen Nerven herum. 

Jetzt, wo ich all diese netten Worte über meine Lieben geschrieben habe, kann ich ja gestehen, dass ich nur auf dieses Thema gekommen bin, weil ich heute die Sammlung meiner Sternaugenblicke sehr lange betrachten musste, ehe ich mich wieder an den kleinen Monstern freuen konnte, die mir den ganzen Tag auf der Nase herumtanzten. 

Letzte Aktualisierung : 04-07-16, TV

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