Gilles de la Tourette-Syndrom

Eine extreme und deutlich ungünstiger verlaufende Form von Tic-Störungen stellt die Betroffenen und auch die Wissenschaft vor grosse Probleme: Die Entstehung des so genannten „Gilles de la Tourette-Syndrom“ (TS) ist nach wie vor nicht geklärt und es gibt auch keine einheitlichen Behandlungsprinzipien.

Bei dieser Krankheit werden mehrere Bewegungstics mit mindestens einem vokalen Tic kombiniert. Häufig werden auch obszöne oder aggressive Wörter wiederholt. Das Syndrom beginnt vor dem 21. Lebensjahr, am häufigsten mit sechs bis acht Jahren und kann ein Leben lang bestehen bleiben. Die Umwelt reagiert auf die auffälligen, unkontrollierbaren Symptome meist unverständig, oft ablehnend und mit Spott. Der grosse psychische Leidensdruck der Betroffenen ist seit langem bekannt. Tourette-Kranke wurden von ihrer Umwelt meist gemieden, man hielt sie sogar für vom Teufel besessen.

Tourette ist eine sehr komplexe Erkrankung: Es gibt nicht zwei Mal das gleiche Erscheinungsbild. Jeder Betroffene unterscheidet sich mit seinen Eigenheiten von allen anderen Menschen, die unter dem Syndrom leiden. Die Tics können sich auch ständig wandeln: Es entstehen neue Tics, während die früheren nicht mehr auftreten, jedoch später wiederkommen können.

Die Neigung zu Tics kann offenbar auch vererbt werden. 50 bis 70 Prozent der Menschen mit mehrfachen Tics oder einem Tourette-Syndrom haben einen oder mehrere Verwandte mit einer Tic-Störung.

Die zurzeit wahrscheinlichste Annahme für die Entstehung der Krankheit lautet: Beim Tourette-Syndrom handele sich um eine Störung im Gleichgewicht zwischen verschiedenen Hirnbotenstoffen (Neurotransmittern), insbesondere um eine Überfunktion des Botenstoffs Dopamin und eine Unterfunktion von Serotonin. Für diese Hypothese spricht auch die Tatsache, dass selbst schwere Fälle des Tourette-Syndroms sich durch solche Medikamente lindern lassen, die auf die Dopamin-Rezeptoren einwirken. Es liegen Hinweise darauf vor, dass auch Cannabismedikamente in der Behandlung von Tics wirksam sind. Grössere Studien fehlen allerdings und so ist bisher auch keines der verschreibungsfähigen Cannabismedikamente zur Behandlung des Tourette-Syndroms offiziell zugelassen.

Fest steht: Zur Behandlung der bizarren Störung nach wie vor keine Methode, die zur vollkommenen Heilung führt. Derzeit ist kein Medikament bekannt, welches gleichzeitig alle Symptome des TS (wie Tic, Zwang, hyperkinetische Störung) günstig beeinflusst. Für alle zur Verfügung stehenden Medikamente gilt, dass sie nicht bei allen Patienten wirksam sind, und dass sie nicht zu einer Symptomfreiheit, sondern lediglich zu einer Abnahme der Beschwerden führen und darüber hinaus leider nicht selten von Nebenwirkungen begleitet sind. Neben den Medikamenten werden auch Entspannungsverfahren und Biofeedback-Techniken eingesetzt. Operative Verfahren, wie z. B. die sogenannte tiefe Hirnstimulation müssen derzeit noch als Ausnahmebehandlung und experimentelle Therapie betrachtet werden.

Quelle: Stiftung Kindergesundheit

Letzte Aktualisierung : 11.2017, BH