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Kind im Wald läuft Treppe hinauf

Kin­der brau­chen Be­we­gung: Ein Plä­doy­er für das Spie­len im Wald


Wir über­tra­gen un­se­re Be­we­gungs­ar­mut auf un­se­re Kin­der und tun ih­nen da­mit nichts Gu­tes. Denn Kin­der, die sich viel be­we­gen, sind nicht nur ge­sün­der, son­dern oft auch selbst­be­wuss­ter. Und auch Wahr­neh­mung, Spra­che, Emo­ti­on und das So­zi­al­ver­hal­ten pro­fi­tie­ren. Ver­fügt ein Kind über gute mo­to­ri­sche Fä­hig­kei­ten, kann es sich prä­zi­ser be­we­gen, das Un­fall­ri­si­ko wird klei­ner, das sport­li­che Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al wird grös­ser.

Ex­tra

Buch­tipp

Kraft für Kids, Kinder brauchen Bewegung.

Von Prof. Urs Eiholzer

ISBN 978-3-909095-02-5

Wir Er­wach­se­nen brin­gen heut­zu­ta­ge Be­we­gung meist mit Frei­zeit­sport in Ver­bin­dung: spa­zie­ren, wan­dern, Velo fah­ren, im Fit­ness­zen­trum auf dem Cross­trai­ner schwit­zen, mit dem Hund Gas­si ge­hen. Die meis­ten von uns sit­zen beim Ar­bei­ten, vie­le tip­pen auf der Com­pu­ter-Tas­ta­tur. Be­we­gung des gan­zen Kör­pers und Schwit­zen he­ben wir uns für die Frei­zeit auf. Da­bei ist Be­we­gung in un­se­rem Busi­ness­plan zwin­gend vor­ge­se­hen. Un­se­re Wir­bel, Kno­chen, Seh­nen und Ge­len­ke, ja un­ser gan­zer Kör­per sind fürs Ge­hen und Ren­nen, fürs Klet­tern und Schwim­men, fürs Hüp­fen und Sprin­gen kon­stru­iert. Frü­her galt: Ohne Be­we­gung kein Es­sen. Es­sen und Be­we­gung ge­hör­ten un­zer­trenn­lich zu­sam­men.

Ba­bys be­we­gen sich dau­ernd – oder schla­fen


Der Drang sich zu be­we­gen wird al­len Kin­dern in die Wie­ge ge­legt. Be­ob­ach­ten Sie ein­mal ein Baby. Ent­we­der schläft es oder es be­wegt sich. Dass es ein­mal ru­hig da­liegt, kommt ei­gent­lich nur beim Ein­schla­fen und Auf­wa­chen vor. Es stram­pelt mit den Bei­nen, ver­sucht die Füs­se zu be­rüh­ren. Es dreht sich auf den Bauch und dann wie­der auf den Rü­cken. Es ver­sucht zu krab­beln, es möch­te auf­ste­hen. Es kriecht, rutscht und rollt her­um. Es wälzt sich, schau­kelt hin und her. Es lernt und übt pau­sen­los.

Die Hirn­struk­tur passt sich an und ver­än­dert sich


Die Rei­fung des Ge­hirns ist bei der Ge­burt ganz und gar noch nicht ab­ge­schlos­sen. Ab Ge­burt bis etwa zum zehn­ten Ge­burts­tag baut das kind­li­che Hirn lau­fend neue Ner­ven­ver­bin­dun­gen auf. In der Fach­spra­che heisst das Plas­ti­zi­tät des Ge­hirns. Im Ge­hirn von Kin­dern wer­den Bah­nen und Ver­bin­dun­gen be­dürf­nis­ge­recht an­ge­legt. Be­we­gun­gen, die be­son­ders oft ab­ge­ru­fen wer­den, kön­nen so sehr au­to­ma­ti­siert wer­den, dass sie spä­ter nie mehr ver­lo­ren ge­hen. Den­ken Sie zum Bei­spiel an das Ve­lo­fah­ren oder den Pur­zel­baum.

Sti­mu­lie­rung und reich­li­che Ge­le­gen­hei­ten be­güns­ti­gen die Be­we­gungs­ent­wick­lung


In ei­nem ge­sun­den Fa­mi­li­en­um­feld wird die Rei­fung des Ge­hirns und die Ent­wick­lung der Ko­or­di­na­ti­on von Be­we­gun­gen im Säug­lings- und Klein­kin­des­al­ter au­to­ma­tisch sti­mu­liert. An­lei­tung dazu brau­chen sie kaum. Kin­der üben im Spiel und in der Be­we­gung im­mer kom­ple­xe­re Mus­ter. Sie er­schaf­fen sich ein Ge­fühl für die Mög­lich­kei­ten ih­res Kör­pers und tes­ten da­bei ihre Gren­zen. Wenn Klein­kin­der zu we­nig Ge­le­gen­heit be­kom­men, sich zu be­we­gen, bleibt die Zu­nah­me der Ver­schal­tun­gen un­ge­nü­gend. Für die Ko­or­di­na­ti­on gilt noch mehr als für alle an­de­ren Fä­hig­kei­ten: Was Häns­chen nicht lernt, lernt Hans nim­mer­mehr. Je um­fas­sen­der und je brei­ter sich die Ko­or­di­na­ti­on wäh­rend der Kind­heit, vor al­lem im Vor­schul­al­ter, ent­wi­ckeln kann, des­to hö­her liegt auch die spä­ter er­reich­ba­re Spit­ze.

Im Wald fin­den Kin­der was sie brau­chen


Be­we­gungs­lust kann sich nicht ent­fal­ten, wenn der Spiel­platz fehlt oder kein Wald in der Nähe ist, wenn also die räum­li­chen Mög­lich­kei­ten für Be­we­gung und Spiel feh­len. Der Wald ist das er­gie­bigs­te Tum­mel­feld für Kin­der, vor al­lem für Kin­der im Vor­schul­al­ter. Denn im Wald trai­nie­ren Kin­der die na­tür­li­che Be­we­gungs­viel­falt. Wenn sie auf Bäu­me klet­tern, über Stäm­me ba­lan­cie­ren, durch Ge­bü­sche krie­chen, eig­nen sich Kin­der eine Viel­zahl ver­schie­dens­ter Be­we­gungs­fer­tig­kei­ten an. Wenn sie mit Tann­zap­fen um sich wer­fen, dür­re Äste zer­bre­chen, durch schmat­zen­den Lehm wa­ten oder ei­nen Bach stau­en, dann be­tä­ti­gen sich Kin­der viel­fäl­tig. Las­sen Sie zu, dass sich die Kin­der an­ein­an­der mes­sen, dass sie rau­fen, ihre Stär­ken aus­pro­bie­ren, ihre Schwä­chen zu über­win­den ver­su­chen. Auch ein auf­ge­schürf­tes Knie, ein schmer­zen­der Po, eine Beu­le am Kopf oder dre­cki­ge Klei­der ge­hö­ren dazu. Es ist ganz klar, dass Kin­der ohne Ge­fah­ren nichts ler­nen. Und wenn sie dann hin und wie­der zum Ab­schluss ei­nes er­eig­nis­rei­chen Ta­ges noch eine Wurst brä­te­ln dür­fen, ist das Wald­ab­en­teu­er per­fekt.

Viel­leicht kön­nen Sie sich ein we­nig or­ga­ni­sie­ren. Su­chen Sie Gleich­ge­sinn­te, wech­seln Sie sich ab, ver­schaf­fen Sie den Kin­dern mög­lichst vie­le Ge­le­gen­hei­ten für mög­lichst viel Be­we­gung. Tag für Tag, bei je­dem Wet­ter. Na­tür­lich wird das zu ei­ner Her­aus­for­de­rung für die El­tern und für alle Be­treu­ungs­per­so­nen. Aber der Auf­wand lohnt sich. Den­ken Sie dar­an: Die­se in­ten­si­ve Be­treu­ungs­zeit ist nach we­ni­gen, kur­zen Jah­ren be­reits wie­der vor­bei. Sie selbst wer­den aber Ihr gan­zes Le­ben an die­se be­weg­te und stres­si­ge Zeit mit viel Weh­mut zu­rück­den­ken.

Letzte Aktualisierung: 29.01.2020, Prof. Dr. med. Urs Eiholzer
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