Alternativmedizin

Homöopathie, Akupunktur, Craniosacraltherapie & Co. sind als sanfte Heil- und Behandlungsmethoden beliebt - aber auch umstritten. Warum ist das so?

Verschiedenfarbige Pipettenfläschchen, von oben fotografiert
©
GettyImages

Alternativmedizinisch ausgebildete Therapeutinnen bieten den Patienten das, was in der modernen Medizin oft fehlt: viel Zeit, ein offenes Ohr und eine Therapie, die nicht bloss auf Symptombehandlung aus ist. Doch die alternativen Diagnose- und Behandlungsmethoden stehen auch häufig in der Kritik. Denn neben vielen offenen Fragen rund um deren Wirkungsweise gibt es Risiken, die insbesondere bei ernsthaften Erkrankungen folgenreich sein können. 

Was versteht man unter Alternativmedizin?


Als Alternativmedizin bezeichnet man Diagnose- und Behandlungsmethoden, die sich als Ersatz zur wissenschaftlich begründeten Medizin verstehen. Von "Komplementärmedizin" ist die Rede, wenn die alternativen Methoden die herkömmliche Behandlung nicht ersetzen, sondern ergänzen. Zur Abgrenzung wird die an Hochschulen gelehrte Medizin von Anbietern alternativer Heilmethoden meist "Schulmedizin" genannt. 

Es gibt ein schier unüberschaubares Angebot an verschiedenen alternativmedizinischen Verfahren. Die Vorstellungen, wie Krankheiten entstehen und wie sie behandelt werden sollten, unterscheiden sich dabei stark. Oft basieren sie auf vorwissenschaftlichen Ideen, wie der menschliche Körper funktioniert oder auf Weltanschauungen wie z. B. der Anthroposophie von Rudolf Steiner. 

Gibt es einen Unterschied zwischen Alternativmedizin und Pflanzenheilkunde?


Obschon die Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) oft ebenfalls zur Alternativmedizin gezählt wird, unterscheidet sie sich deutlich von den anderen komplementärmedizinischen Therapien, denn sie orientiert sich an den Grundsätzen der naturwissenschaftlichen Medizin. Sie arbeitet mit Heilpflanzen und Pflanzenextrakten, deren Wirksamkeit mithilfe von wissenschaftlichen Methoden untersucht und nachgewiesen werden kann.

Bei alternativmedizinischen Verfahren ist dies anders. Ihr Wirkmechanismus lässt sich mithilfe von naturwissenschaftlichen Untersuchungen meistens nicht belegen. Anders als die Phytotherapie beruhen manche dieser Heilmethoden zudem auf spirituellen oder religiösen Grundsätzen. 

Da die Phytotherapie mit pflanzlichen Präparaten arbeitet, gilt sie als besonders sanft und frei von Nebenwirkungen. Dies trifft jedoch nicht uneingeschränkt zu, denn auch pflanzliche Heilmittel können Nebenwirkungen auslösen oder die Wirksamkeit anderer Medikamente, die eingenommen werden, beeinträchtigen. Eine fachkundige Beratung durch eine Apothekerin oder einen Arzt ist deshalb vor der Einnahme von Phytotherapeutika sehr wichtig. 

Viele der traditionellen Heilpflanzen sind wissenschaftlich noch nicht ausreichend erforscht. Ob die ihnen zugeschriebene Wirkung auch tatsächlich existiert, lässt sich deshalb oft nicht zweifelsfrei belegen. Ein weiterer Aspekt, der häufig vergessen geht: Je nachdem, wo sie gewachsen ist, in welchem Wachstumsstadium sie geerntet worden ist und welche Pflanzenteile verwendet werden, enthält eine Pflanze mehr oder weniger Wirkstoffe. Dasselbe gilt auch für Giftstoffe, die in manchen Heilpflanzen vorhanden sind. Für eine wirksame Therapie sollten deshalb standardisierte Präparate aus der Apotheke verwendet werden. 

Welche Ausbildung haben in der Schweiz tätige Alternativmediziner?


Alternativmedizinische Methoden werden in der Schweiz zum einen von Naturheilpraktikerinnen mit eidgenössischem Diplom praktiziert. Dieses kann in den Fachrichtungen Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) oder Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN) erlangt werden. Um zur Höheren Fachprüfung zugelassen zu werden, müssen die Prüflinge

  • einen Schulabschluss auf Sekundarstufe II oder eine gleichwertige Ausbildung nachweisen.

  • vor der Prüfung mindestens zwei Jahre Berufspraxis mit einem Arbeitspensum von mindestens 50 % in der entsprechenden Fachrichtung haben.

  • die für die Prüfung erforderlichen Module bei einem akkreditierten Bildungsanbieter bestehen.

  • eine Fallstudie in korrekter Form abgeben.

  • mindestens 25 Jahre alt sein.

  • einen Strafregisterauszug ohne Einträge vorweisen. 

Alternativmedizinische Therapien werden zudem von Ärzten und Fachpersonen aus dem Gesundheitswesen angeboten. Für sie besteht ein grosses Weiter- und Fortbildungsangebot für alternative Untersuchungs- und Behandlungsmethoden. 

Schliesslich gibt es eine Vielzahl von Kursen und Lehrgängen mit unterschiedlichen Zulassungsbedingungen. Während bei den einen der Nachweis einer medizinischen Grundausbildung Voraussetzung ist, stehen andere allen interessierten Personen mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung offen. Dies hat zur Folge, dass nicht alle Anbieter von alternativmedizinischen Therapien in medizinischen Belangen fundiert ausgebildet sind

Warum ist Komplementärmedizin so beliebt?


Die wissenschaftlich orientierte Medizin muss sich einiges an Kritik gefallen lassen: zu wenig Zeit für Patienten, zu starker Fokus auf Symptome, zu viele Medikamente sowie teure und zum Teil unnötige Untersuchungen. Auch wenn es viele engagierte Ärztinnen und Therapeuten gibt, kommt im modernen medizinischen Betrieb das Bedürfnis nach einem offenen Ohr und einfühlsamer Zuwendung tatsächlich oft zu kurz. 

Die Alternativmedizin wählt einen ganz anderen Ansatz: Die Patientin wird in einer wohlig eingerichteten Praxis empfangen, der Therapeut nimmt sich viel Zeit, hört zu und versucht im Sinne der Ganzheitlichkeit nicht nur auf die Krankheitssymptome zu achten, sondern auch auf mögliche Ursachen dafür. Die gewählte Therapie wird individuell auf die Patientin zugeschnitten und falls Präparate verschrieben werden, sind diese frei von Nebenwirkungen. Manche Behandlungsansätze beinhalten wohltuende Berührungen, andere fühlen sich gut an, weil intensiv mit dem Körper gearbeitet wird.

Dies alles vermittelt das Gefühl, als ganzer Mensch ernst genommen und behandelt zu werden. Auch das Versprechen, dass auf Chemie verzichtet wird und die Behandlungsmethoden auf althergebrachten Weisheiten beruhen, spricht viele Patienten an. 

Warum wird die Alternativmedizin kritisiert?


Aus Sicht der naturwissenschaftlich orientierten Medizin gibt es einige Kritikpunkte, die Patientinnen kennen sollten, bevor sie sich für eine alternativmedizinische Therapie entscheiden: 

  • Die Energien und Kräfte, die in vielen Naturheilverfahren eine wichtige Rolle spielen, lassen sich mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden nicht nachweisen. Somit ist auch der Wirkmechanismus der meisten Therapien aus wissenschaftlicher Sicht weder erklär- noch nachweisbar

  • Die Wirksamkeit der meisten alternativmedizinischen Verfahren und Präparate ist nicht ausreichend durch unabhängige und methodisch korrekt durchgeführte Studien belegt. Positive Ergebnisse können in wiederholten Durchführungen von Studien oft nicht reproduziert werden. Damit erfüllen viele Heilmethoden die Anforderungen nicht, die auch an herkömmliche Heilmittel und Therapien gestellt werden. 

  • Aus naturwissenschaftlicher Sicht wirken alternative Heilmethoden nicht über den Placeboeffekt hinaus. Von einem Placeboeffekt ist die Rede, wenn sich Krankheitssymptome bessern, obschon keine wirksame Behandlung durchgeführt worden ist. Die Erwartung, dass die Therapie wirken wird, ist so stark, dass körperliche Prozesse wie der Blutdruck, das Immunsystem oder die Botenstoffe im Gehirn tatsächlich dadurch beeinflusst werden und eine spürbare Besserung eintritt. Dieser Effekt spielt bei jeder erfolgreichen Behandlung eine Rolle, also auch bei konventionellen Therapien. Eine Therapie sollte jedoch eine Wirkung haben, die selbst dann eintreten kann, wenn der Placeboeffekt nicht wirkt. 

  • Naturwissenschaftlich ausgerichtete Mediziner gestehen den Naturheilverfahren durchaus einen wohltuenden Nutzen zu, wenn sie dazu dienen, einen besseren Umgang mit Beschwerden zu finden und ein verbessertes Wohlbefinden zu erlangen. Das Versprechen, dass sich damit auch schwere oder gar lebensbedrohliche Krankheiten heilen lassen, wird jedoch scharf verurteilt. Bei Patientinnen, die sich auf solche Heilungsversprechen verlassen, kann viel wertvolle Zeit verstreichen, bis es unter Umständen irgendwann zu spät ist für eine lebensrettende Therapie.

  • Manche Kritikerinnen weisen darauf hin, Naturheilverfahren seien weniger sanft als angepriesen. Sie verweisen dabei zum Beispiel auf die von manchen Alternativmedizinern vertretene Überzeugung, der Körper werde gestärkt, indem er eine Infektionskrankheit durchstehe, weshalb man sich nicht dagegen impfen lassen solle. Durch den Verzicht auf Schmerzmittel und andere "schulmedizinischen" Präparate müssten Patienten zudem Schmerzen und Krankheitssymptome länger aushalten als nötig. 

  • Naturheilverfahren kommen oft zum Einsatz, wenn keine Krankheit vorliegt und sich der Zustand auch durch ausreichend Erholung, genügend Bewegung und gesunde Ernährung bessern würde. Die Kritik lautet in diesem Fall, es würden Menschen behandelt, die eigentlich gar keine Behandlung brauchten, weil sich der Körper selber regenerieren könnte

  • Auch das Versprechen, alternativmedizinische Präparate hätten keine Nebenwirkungen, wird kritisch gesehen. Zitiert wird in diesem Zusammenhang oft der deutsche Arzt und Pharmakologe Gustav Kuschinsky: "Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat." 

Wie lässt sich die Wirkung von Alternativmedizin erklären?


Wenn jemand auf die fehlende nachgewiesene Wirkung alternativmedizinischer Behandlungen hinweist, entgegnen viele, die es ausprobiert haben: "Mir hat es aber geholfen." Aus Sicht der naturwissenschaftlich orientierten Medizin liegt diese Besserung zum einen am oben beschriebenen Placeboeffekt. Dieser kann besonders wirkungsvoll sein, wenn sich eine Therapeutin einfühlsam um den Patienten kümmert, gut zuhört, viel nachfragt und eine insgesamt angenehme Atmosphäre schafft. Auch sehr genaue Anweisungen, wie, in welcher Form und wie oft am Tag ein Mittel einzunehmen ist, können dazu beitragen - denn eine Therapie, die exakt zu befolgen ist, muss doch einfach wirksam sein. 

Ein weiterer Faktor ist, dass sich viele Beschwerden und Krankheiten mit der Zeit von selbst bessern. Zieht sich eine Behandlung über mehrere Wochen oder Monate hin, wird die Besserung der Therapie zugeschrieben, obschon der Körper sich auch ohne regeneriert hätte.

Zu einem verbesserten Allgemeinzustand trägt zudem oft ein bewussterer Lebensstil bei, den man sich angewöhnt, um den Beschwerden entgegenzuwirken: mehr Schlaf, gesündere Ernährung, viel Zeit an der frischen Luft, Hausmittel zur Linderung von Symptomen etc. Welche Massnahme am Ende tatsächlich zur Besserung beigetragen hat, lässt sich da kaum mehr mit Bestimmtheit sagen. 

Patientenberichte über eine erlebte Besserung reichen aus wissenschaftlicher Sicht nicht aus, um die Wirksamkeit einer Methode zu belegen. Dazu braucht es methodisch korrekt durchgeführte Studien, deren Ergebnis in weiteren Untersuchungen reproduziert werden können. 

Sind alternative Heilmethoden frei von Risiken?


Aufgrund der riesigen Vielfalt an alternativen Heilmethoden sind allgemeine Aussagen zu Risiken nicht möglich. Während zum Beispiel die Einnahme von homöopathischen Mitteln für den Körper unbedenklich ist, können Kaffee-Einläufe zur Entschlackung zu schwerwiegenden Nebenwirkungen führen. Und auch wenn Behandlungsfehler in der Alternativmedizin ebenfalls vorkommen, ist es schwierig, deren Häufigkeit nachzuweisen, da sie kaum erfasst werden. 

Gefährlich sind alternativmedizinische Behandlungen vor allem dann, wenn schwere Krankheiten nicht so früh als möglich angemessen behandelt werden. Während der Patient verschiedene Therapien ausprobiert, deren Wirksamkeit nicht belegt ist, verstreicht wertvolle Zeit, in der sich der Zustand möglicherweise verschlimmert. Unter Umständen kann die Krankheit so weit fortgeschritten sein, dass jede Behandlung zu spät kommt. 

Ein weiterer Risikofaktor ist, dass nicht alle Naturheilpraktiker über ein ausreichend fundiertes medizinisches Wissen verfügen, um ernsthafte Erkrankungen korrekt zu diagnostizieren. Eine Überweisung an eine Spezialistin erfolgt deshalb oft erst nach einer langen Krankheitszeit. 

Worauf achten bei der Wahl von alternativmedizinischen Angeboten?


Falls Sie sich komplementärmedizinisch behandeln lassen möchten, sind die folgenden Überlegungen hilfreich bei der Entscheidungsfindung: 

  • Am besten aufgehoben sind Sie bei Ärztinnen und Therapeuten, die neben ihrer alternativmedizinischen Ausbildung eine langjährige medizinische Ausbildung haben. Sie sind am ehesten in der Lage, zu unterscheiden, wann eine alternative Heilmethode ergänzend eingesetzt werden kann und im welchem Fall eine konventionelle Behandlung nötig ist. 

  • Informieren Sie sich aus neutralen Quellen über die Heilmethode, die Sie anwenden möchten: Auf welchem Gesundheitsverständnis und welcher Weltanschauung beruht sie? Wie wird die Wirkungsweise der Behandlung erklärt? Wie werden die Arzneimittel hergestellt? Nach welchen Gesichtspunkten wählt die Naturheilerin die für den Patienten passende Therapie aus? Dieses Wissen hilft Ihnen, die Verlässlichkeit einer Behandlungsmethode einzuschätzen.

  • Um unnötige Behandlungen zu vermeiden, überlegen Sie sich, ob Sie sich mit Ihren Beschwerden auch an Ihren Hausarzt wenden würden. Falls nicht, handelt es sich vermutlich um eine Sache, die nicht dringend behandlungsbedürftig ist. Sie können daher getrost noch ein wenig zuwarten, um zu schauen, ob es sich von selbst bessert. 

  • Verschliessen Sie sich nicht komplett gegenüber "schulmedizinischen" Methoden. Bei aller berechtigten Kritik an der modernen Medizin gibt es viele wertvolle und wirkungsvolle Medikamente und Therapien. Im Bestreben darum, nur ja keine "Chemie" einzunehmen, wird die Krankheitszeit zuweilen unnötig verlängert. Dies ist insbesondere der Fall, wenn eine Heilmethode nach dem anderen ausprobiert wird, um endlich etwas zu finden, was Linderung verschafft. 

  • Misstrauen Sie sensationellen Gesundheitsversprechen. Leider gibt es Menschen, die nicht davor zurückschrecken, verzweifelten Patienten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Während manche der angeblichen Wundermittel "nur" ein kostspieliger Schwindel sind, sind andere geradezu gefährlich, weil sie Zutaten enthalten, die dem Körper schaden können. 

Letzte Aktualisierung: 06.05.2024, TV