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Beim Neugeborenen wird der Schleim aus dem Mund abgesaugt
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Ei­ser­ne Re­ser­ve durch spä­tes Ab­na­beln

Aus der For­schung


Ak­ti­ves ärzt­li­ches Ein­grei­fen in der Pha­se der Nach­ge­burt soll die Mut­ter vor Blut­ver­lus­ten von mehr als 500 ml schüt­zen. Dazu ge­hört die Gabe von Me­di­ka­men­ten, wel­che das Zu­sam­men­zie­hen der Ge­bär­mut­ter un­ter­stüt­zen (Utero­to­ni­ka), der sanf­te Zug an der Na­bel­schnur und das un­ver­züg­li­che Ab­klem­men und Durch­tren­nen der Na­bel­schnur in­ner­halb ei­ner Mi­nu­te nach der Ge­burt.

Al­ter­na­tiv kann man aber auch zu­rück­hal­tend vor­zu­ge­hen und der Na­tur ih­ren Lauf zu las­sen. Da­bei war­ten die Ge­burts­hel­fer ab, bis sich der Mut­ter­ku­chen (Pla­zen­ta) spon­tan von der Ge­bär­mut­ter­wand löst. Die Na­bel­schnur wird spä­ter ab­ge­klemmt, manch­mal erst nach­dem kei­ne Pul­sa­tio­nen der Blut­ge­fäs­se mehr sicht­bar sind. Mit die­ser Mass­nah­me strebt man an, dem Kind eine Ex­tra­por­ti­on Blut mit auf den Weg zu ge­ben: Das Blut­vo­lu­men lässt sich auf die­se Wei­se um 30%, die Zahl der ro­ten Blut­kör­per­chen um 60% er­hö­hen.

Nut­zen und Ri­si­ken die­ser bei­den völ­lig un­ter­schied­li­chen Vor­ge­hens­wei­sen hat ein Team um Su­san Mc­Do­nald, Pro­fes­so­rin für Ge­burts­hil­fe an der La Tro­be Uni­ver­si­ty in Mel­bourne, an­hand von 15 ein­schlä­gi­gen, ran­do­mi­sier­ten und kon­trol­lier­ten Stu­die zu be­ur­tei­len ver­sucht. Ins­ge­samt wa­ren 3911 Mut­ter-Kind-Paa­re be­tei­ligt.

Was das Ri­si­ko ei­ner ver­stärk­ten Blu­tung nach der Ge­burt an­ging, war kein Un­ter­schied zwi­schen frü­hem und spä­tem Ab­klem­men fest­zu­stel­len. Auch nach Gabe von Utero­to­ni­ka war der Blut­ver­lust nicht ge­rin­ger als ohne die­se Me­di­ka­men­te. Die Hä­mo­glo­bin­wer­te der fri­schent­bun­de­nen Müt­ter – ein Zei­chen für die Stär­ke des Blut­ver­lusts – wa­ren nicht un­ter­schied­lich.

An­ders die Aus­wir­kun­gen bei­der Me­tho­den auf den Zu­stand der Neu­ge­bo­re­nen. Zwar gab es auch hier bei ei­ner Rei­he von un­ter­such­ten Mess­wer­ten – etwa in der Sterb­lich­keit, beim Ap­gar-Score oder ob eine In­ten­siv­be­hand­lung not­wen­dig war – kei­ne re­le­van­ten Un­ter­schie­de. Doch lag das Ge­burts­ge­wicht in der Grup­pe mit spät von der Na­bel­schnur ge­trenn­ten Ba­bys um durch­schnitt­lich 101 g hö­her. Bis zu zwei Tage nach der Ge­burt wie­sen die­se Neu­ge­bo­re­nen auch hö­he­re Hä­mo­glo­bin­kon­zen­tra­tio­nen auf. Dazu passt, dass früh ab­ge­klemm­te Ba­bys drei bis sechs Mo­na­te nach der Ge­burt 2,65-mal häu­fi­ger ei­nen Ei­sen­man­gel im Blut auf­wie­sen. Spät ab­ge­na­bel­te Ba­bys hat­ten of­fen­sicht­lich viel bes­ser aus­ge­stat­te­te Ei­sen­spei­cher.

Al­ler­dings hat­ten die spä­te Ab­na­be­lung und der grös­se­re Blut­vor­rat auch ei­nen Nach­teil: Das re­la­ti­ve Ri­si­ko da­für, dass die Neu­ge­bo­re­nen eine Gelb­sucht (Neu­ge­bo­re­nen­ik­te­rus) ent­wi­ckel­ten und eine Pho­to­the­ra­pie nö­tig wur­de, war rund 60% hö­her als bei Ba­bys, de­ren Na­bel­schnur bin­nen ei­ner Mi­nu­te nach der Ge­burt durch­trennt wor­den war.

Den­noch in­ter­pre­tie­ren Prof. Mc­Do­nald und ihre Kol­le­gen die Stu­di­en­ergeb­nis­se so, dass  bei ge­sun­den, voll aus­ge­tra­ge­nen Kin­dern das spä­te Ab­klem­men der Na­bel­schnur vor­teil­haft ist.

Aus der For­schung: Mc­Do­nald, S.J. et al.: Co­ch­ra­ne Da­ta­ba­se of Sys­te­ma­tic Re­views 2013, Is­sue 6. Art. No.: CD004074. DOI:10.1002/14651858.CD004074.pub3.

Letzte Aktualisierung: 18.02.2021, BH
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