Hodenhochstand (Maldescensus testis oder Kryptorchismus)

Im Normalfall entstehen bei der kindlichen Entwicklung im Mutterleib die Hoden im Bauchraum und wandern bis zur Geburt über den Leistenkanal, der Bauchhöhle und Hodensack verbindet, in den Hodensack. Beim Hodenhochstand ist ein oder sind beide Hoden nicht vollständig hinab gewandert. Etwa 4 von 100 neugeborenen Knaben sind davon betroffen, bei Frühgeborenen sogar 4 von 10. Während des ersten halben Lebensjahres kommt es in Dreiviertel dieser Fälle noch zu einem Abstieg und der Hoden liegt dann richtig im Hodensack, ohne dass etwas unternommen werden muss.

Je nachdem, wo die Hoden auf ihrem Weg liegen bleiben, unterscheidet man:

  • Bauchhoden: Sehr selten bleibt der Hoden im Bauchraum liegen.
  • Leistenhoden: Der Hoden liegt fixiert im Leistenkanal und kann bei der Tastuntersuchung nicht in den Hodensack hinabgeführt werden.
  • Gleithoden: Der Hoden liegt am Eingang des Hodensacks. Hier ist der Samenstrang, an dem der Hoden aufgehängt ist, verkürzt und zieht den Hoden immer wieder in den Leistenkanal zurück. Der Hoden lässt sich zwar unter Spannung in den Hodensack schieben, gleitet aber beim Loslassen wieder zurück.
  • Pendelhoden: Diese häufigste Form hat keinen Krankheitswert und muss nicht behandelt werden. Der Hoden ist in den Hodensack gewandert, wird aber zweitweise durch Berührung oder Kälteeinwirkung in den Leistenkanal zurückgezogen.
  • Ektopischer Hoden: Sehr selten. Damit wird ein Hoden bezeichnet, der ganz abseits der üblichen Strecke liegt, z.b. im Schenkelbereich.

Bei der ersten Untersuchung des Neugeborenen tastet der Arzt oder die Ärztin, ob sich beide Hoden im Hodensack befinden. Einen Leisten-, Gleit- oder Pendelhoden ertastet man mit einer speziellen Technik, bei der sanft mit der Zeigefingerkante der einen Hand vom Leistenkanal her nach unten Richtung Hodensack gestrichen und mit der anderen Hand der Hoden ertastet wird. Ist der Hoden nicht zu tasten, kann mittels Ultraschall oder anderen bildgebenden Verfahren die Lage der Hoden bestimmt werden. Manchmal ist auch eine endoskopische Bauchhöhlenuntersuchung (Laparaskopie) notwendig, bei der Bauchraum in Vollnarkose abgesucht wird. Mit einem Hormonstimulationstest kann zwischen beidseitigem Hodenhochstand und völligem Fehlen der Hoden (Anorchie) unterschieden werden.

Ein Hodenhochstand macht zwar keine Beschwerden, aber wenn er über Jahre unbemerkt oder unbehandelt bleibt, führt er oft zur Unfruchtbarkeit. Zur Entwicklung des Hodengewebes, in dem nach der Pubertät die Samenproduktion stattfindet, ist nämlich eine niedrigere Umgebungstemperatur (32-37°C) notwendig. Daher liegen die Hoden ausserhalb des Körpers im Hodensack. Beim Hodenhochstand ist der Hoden einer höheren Temperatur ausgesetzt und das samenproduzierende Gewebe wird geschädigt. Ausserdem ist bei Hodenhochstand das Risiko für die spätere Entstehung von Hodenkrebs erhöht und es kommt leichter zu einer sogenannten Hodentorsion, bei der sich der Hoden und Samenstrang schraubenförmig verdrehen. Aus all diesen Gründen sollte die Behandlung nach neueren Erkenntnissen spätestens am Ende des ersten Lebensjahres abgeschlossen sein.

Begonnen wird normalerweise mit einer Hormontherapie, die schon mit sechs Monaten begonnen werden kann. Sie lässt den Testosteronspiegel ansteigen und stimuliert den Hoden zum Herabgleiten. Die Hormongabe erfolgt zuerst für etwa 4 Wochen als Nasenspray und wird danach bei ungenügendem Erfolg einmal wöchentlich gespritzt. Die Wirksamkeit der Hormonbehandlung ist gut belegt: Mindestens einer von fünf säumigen Hoden begibt sich allein mit Hilfe der Hormone an seinen richtigen Platz. Die Therapie ist umso erfolgversprechender, je weiter der Hoden auf seinem Weg in den Hodensack schon gewandert ist. Beim Pendelhoden beträgt die Heilungsrate deshalb sogar bis zu 90%. Als Begleiterscheinung der Behandlung tritt manchmal eine Arzt „Minipubertät“ auf: Der Penis wird grösser, ein paar Schamhaare spriessen, das Kind kann aggressiv reagieren. Werden die Hormone nicht mehr gebraucht, verschwinden diese Nebenwirkungen jedoch rasch wieder. Nach sechs bis acht Wochen sollte die Absenkung erfolgt sein, eine längere Therapie macht keinen Sinn. Bringt die Hormontherapie allein nicht den gewünschten Erfolg, so verbessert sie doch die Ergebnisse einer dann notwendigen Operation.

Die chirurgische Behandlung darf weder zu früh noch zu spät erfolgen. Macht sich der Kinderchirurg zu früh am kleinen Patienten zu schaffen, erhöht sich die Gefahr, dass durch Verletzung der feinen Blutgefässe Schäden am Hodengewebe entstehen. Nach Meinung der meisten Experten ist die Operation am günstigsten zwischen sechs und 12 Monaten. Bis zum ersten Geburtstag des Knaben sollte die Behandlung erfolgreich abgeschlossen sein. Der Hoden wird durch den Leistenkanal in den Hodensack geführt. Um zu verhindern, dass der Hoden wieder nach oben gleitet, wird er dort mit einer kleinen Naht fixiert (Orchidopexie). Nach der Operation sollte in regelmässigen Abständen nachkontrolliert werden, ob der Hoden noch richtig liegt. Gelegentlich passiert es, dass durch das Wachstum ein zu kurzer Samenstrang den Hoden erneut in den Leistenkanal zieht.

Stand: 11/15, BH

Newsticker

Hodenhochstand kann Krebs auslösen: Ein Kryptorchismus bei der Geburt gefährdet nicht nur die spätere Zeugungsfähigkeit von Knaben. Nach einer jetzt veröffentlichten Analyse ist auch das Hodenkrebsrisiko um das Dreifache erhöht. Die Eltern müssen sich dennoch nicht allzu grosse Sorgen machen. Unter den 2,1 Millionen Knaben mit Hodenhochstand, die in der Studie ausgewertet wurden, kam es gerade einmal zu 345 Erkrankungen. Trotzdem sollte ein Hodenhochstand schon wegen der Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit korrigiert werden. (Newsticker, 2.1.2013)

Hodenhochstand früh behandeln : Knaben mit Hodenhochstand sollten schon bis zum Ende des ersten Lebensjahres behandelt werden. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) spricht sich in ihrer neuen Leitlinie ausdrücklich gegen die bisher häufig angewandte Praxis aus, mit der Behandlung länger abzuwarten. Dies könne eine verminderte Fruchtbarkeit bis hin zu Sterilität zur Folge haben, warnen die Experten. Zudem sinke durch eine frühzeitige Therapie das Risiko, später an Hodenkrebs zu erkranken. Sechs Monate abwarten sei genug. Bei einem Teil der betroffenen Babys wandern die Hoden in dieser Zeit von allein an den richtigen Platz. Ausserdem verursache der Hodenhochstand dann noch keine Beschwerden. (swissmom Newsticker, 3.11.15)