Zehenspitzengang
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Zehenspitzengang

Kennen Sie das auch bei Ihrem Kind? Es läuft auf dem Vorfuss, die Zehen liegen flach auf dem Boden. Die Fusssohle rollt nicht ab. Kein Grund zur Beunruhigung! Das ist meist ein harmloses und vorübergehendes Phänomen, dem keine körperliche oder psychische Erkrankung zu Grunde liegt. Vor allem bei Babys, die gerade laufen lernen, tritt häufig ein Zehenspitzengang auf, der sich meist nach drei bis sechs Monaten in ein normales Gangbild verwandelt. Bei etwa 5% der Kinder kann der Zehengang noch im Vorschulalter beobachtet werden. Auch hier ist zunächst keine ärztliche Behandlung notwendig. Bei der Hälfte dieser Kinder erledigt sich das Problem des Zehenspitzengang bis zum Schulanfang von ganz allein.

Bleibt der Zehengang über längere Zeit bestehen, sollte das jedoch sicherheitshalber untersucht werden.

  • Eine Muskelverkürzung der Achillessehne kann die Ursache sein. Die Kinder können nicht auf der gesamten Fussfläche stehen und ihr Gleichgewichtssinn ist beeinträchtigt.
  • Es kann aber auch eine familiäre Ganganomalie durch eine verzögerte Nervenreifung vorliegen. Bei dieser Form können die Kinder auf der gesamten Fussfläche stehen und auch – wenn man sie auffordert - im normalen Fersengang gehen, wobei sie die Hüfte nach aussen drehen. Dies geht meist im Alter von sechs bis acht Jahren in ein vollkommen normales Gangbild über.
  • Wieder andere Kinder laufen „normal“ und nur bei Belastung im Zehenspitzengang. Bei dieser letzten Gruppe sind vermehrt Konzentrationsstörungen und ungewöhnliche Verhaltensweisen aufgefallen.
  • Nicht zuletzt kann der Zehengang durch eine angeborene Fehlstellung des Fußes (Klumpfuss) entstehen. Häufig lernen die betroffenen Kinder erst spät laufen und fallen durch einen unsicheren Gang auf.

Studien haben gezeigt, dass ein Zehenspitzengang bei geistig behinderten Kindern weitaus häufiger als bei anderen Kindern auftritt. Vermutet wird, dass diese Kinder eine gestörte Gleichgewichtswahrnehmung haben und der Zehenspitzengang ihnen hilft, genauere Informationen über die Gleichgewichtslage aus dem Sprunggelenk zu erzielen. Ein Zehenspitzengang wird bei nahezu der Hälfte der autistischen Kinder beobachtet, auch hier soll eine Gleichgewichtsstörung vorliegen.

Um ernstere neurologische oder geistige Ursachen auszuschliessen, entscheidet der Kinderarzt, die Kinderärztin sich von Fall zu Fall in Zusammenarbeit mit einem Orthopäden zu einer mehr oder weniger aufwendigen Diagnostik. Dies hängt davon ab, in welchem Alter der Zehenspitzengang auftritt, wie lang er bereits anhält oder welche sonstigen Symptome aufgefallen sind. Eine Ganganalyse kann elektronisch durch das Erfassen von Reflektoren auf der Haut durch viele kleine Kameras erfolgen. Zudem misst ein EMG (Elektromyogramm) die Muskelaktivität, um Erkrankungen der Nerven oder Muskeln auszuschliessen. Hierbei wird vor allem der Fußhebermuskel (Musculus tibialis anterior) auf seine Funktion überprüft. Besteht der Verdacht auf eine zerebrale Parese, eine geistige Behinderung oder Autismus als Ursache, so werden entsprechende neurologische Funktionsprüfungen durchgeführt und die geistige Entwicklung überprüft.

Durch entsprechende physiotherapeutische Dehnübungen kann eine Verkürzung der Wadenmuskulatur bzw. der Achillessehne beseitigt werden. Auch die Abflachung des physiologischen Fussgewölbes kann durch Physiotherapie wieder aufgebaut werden. Weil die Kinder zudem häufig dazu neigen, ins Hohlkreuz (Lendenwirbelsäulen-Lordose) zu fallen, ist eine Stärkung der Rückenmuskulatur und Förderung der Beweglichkeit (Haltungsschule) angebracht. Gleichgewichts- und Koordinationsübungen sind ebenso hilfreich.

Hat sich trotz konservativer Massnahmen kein Erfolg eingestellt, stehen als Alternative zur Behebung der Fussfehlstellung Orthesen (Einlagen), Gipsverbände oder Schienen für die Nacht zu Verfügung.

Letzte Aktualisierung : 05-11-19, BH

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