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Paar mit Post-it Mädchen oder Junge
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Ent­täu­schung über das Ge­schlecht des Ba­bys

Gast­bei­trag von Joël­le Weil

In Partnerschaft mit:
wireltern

Vie­le wer­den­de El­tern ha­ben eine Prä­fe­renz für das Ge­schlecht ih­res un­ge­bo­re­nen Kin­des. Pro­ble­ma­tisch wird es aber, wenn die Ent­täu­schung über das «fal­sche» Ge­schlecht an­hält. Dann spricht man von «Gen­der Disap­point­ment».

An­drea hat ei­nen Sohn und ist wie­der schwan­ger. Sie liebt ihr Kind – und hofft den­noch, dass es beim zwei­ten Mal ein Mäd­chen wird. Eine Toch­ter. Mit der sie in ein paar Jah­ren Kaf­fee trin­ken kann und über den rich­ti­gen Gold­stich im Haar dis­ku­tie­ren ... So, wie sie es heu­te mit ih­rer ei­ge­nen Mut­ter tut. 

An­drea hät­te gern ein Kind, bei dem sie da­von aus­ge­hen kann, dass es die­sel­ben In­ter­es­sen wie sie selbst he­gen wird. «Bit­te ein Mäd­chen, bit­te ein Mäd­chen», denkt sie beim Ul­tra­schall. «Ich gra­tu­lie­re», sagt der Arzt. «Ihr Jun­ge kriegt ei­nen klei­nen Bru­der. » An­drea ist ent­täuscht.

Der Ge­schlechts­wunsch er­füllt sich nicht


An­drea ist fik­tiv, steht aber für vie­le El­tern in Er­war­tung: Die meis­ten ha­ben eine Prä­fe­renz, was das Ge­schlecht des Kin­des an­geht. Die­se Prä­fe­renz muss auch gar nicht ver­bis­sen sein, son­dern ist meist nur eine leich­te Ten­denz, was man lie­ber hät­te oder was man sich bes­ser vor­stel­len kann. 

Das Er­fah­ren des Ge­schlechts und die dar­auf­fol­gen­de Ver­kün­dung ist dann für die meis­ten Paa­re ein High­light der Schwan­ger­schaft und die an­fäng­li­che Prä­fe­renz tritt dann in den Hin­ter­grund. Der ame­ri­ka­ni­sche Trend der «Gen­der Re­veal Par­ties», Ge­schlecht-Ver­kün­dungs­par­ty fasst auch bei uns lang­sam Fuss: Rosa Kon­fet­ti für ein Mäd­chen, blau für ei­nen Bu­ben und alle freu­en sich, egal was es reg­net.

Gen­der Disap­point­ment


Doch was, wenn man sich von die­sem Wunsch­ge­schlecht emo­tio­nal und ge­dank­lich nicht lö­sen kann? Und wenn das Un­ge­bo­re­ne dann das an­de­re Ge­schlecht hat als das, was man sich ge­wünscht hat­te?

«Nun weiss ich, dass es ein Jun­ge wird, und kann mich gar nicht mehr auf un­ser Baby freu­en.» Ein­trä­ge wie die­ser in Fo­ren von El­tern, die sich über die Ent­täu­schung des Ge­schlechts ih­res noch un­ge­bo­re­nen Ba­bys Luft ver­schaf­fen, gibt es vie­le.

Die Psy­cho­lo­gie spricht in die­sem Fall von «Gen­der Disap­point­ment», Ge­schlechts­ent­täu­schung. Der Be­griff be­schreibt die un­über­wind­ba­re Ent­täu­schung und Trau­er über das Ge­schlecht des Kin­des.

Si­bil Tschu­din, Lei­ten­de Ärz­tin der Frau­en­kli­nik des Uni­ver­si­täts­spi­tals Ba­sel, weiss aus ih­rer Pra­xis, dass die Über­gän­ge zwi­schen dem ers­ten, nor­ma­len Schock oder Er­stau­nen und der Ge­schlechts­ent­täu­schung flies­send sind: «Be­son­ders auf­merk­sam muss man als be­han­deln­de Ärz­tin oder Arzt wer­den, wenn das Paar sei­ne Ent­täu­schung aus­drückt und dar­über hin­aus das Re­sul­tat nicht ak­zep­tie­ren möch­te und in die­sem Zu­sam­men­hang zum Bei­spiel auf wei­te­re Un­ter­su­chun­gen be­harrt. Wenn eine Ver­bis­sen­heit auf­fällt, dann be­fin­den wir uns be­stimmt nicht mehr im nor­ma­len Rah­men.»

Ein Sohn zum Fuss­ball­spie­len


Auch wenn der Trend in un­se­rem Kul­tur­kreis klar in die Rich­tung geht, mit klas­si­schen Ge­schlech­ter­rol­len zu bre­chen, he­gen noch im­mer vie­le un­ter uns kla­re Vor­stel­lun­gen dar­über, was ein Mäd­chen oder ein Jun­ge kann oder soll, oder eben nicht. Der Va­ter wünscht sich ein Kind zum Fuss­ball­spie­len und denkt da­bei au­to­ma­tisch an ei­nen Bu­ben, so ein Bei­spiel.

Je­des Kind ist ein In­di­vi­du­um


Das Un­ge­bo­re­ne auf sei­ne Ge­schlechts­tei­le re­du­zie­ren und da­bei sei­ne Per­sön­lich­keit ver­ges­sen, dar­in sieht Tschu­din ei­nes der Haupt­pro­ble­me im Zu­sam­men­hang mit Gen­der Disap­point­ment: «In sol­chen Fäl­len kommt das man­geln­de Be­wusst­sein zum Vor­schein, dass es sich bei je­dem Kind um ein In­di­vi­du­um han­delt. Wer ei­nen klei­nen Men­schen auf sein X- oder sein Y-Chro­mo­som re­du­ziert, wird sei­nem Kind nicht ge­recht.»

Hin­zu kom­me das man­geln­de Be­wusst­sein da­für, dass man nur be­dingt Ein­fluss auf die Cha­rak­ter­ent­wick­lung sei­nes Kin­des neh­men kann: «Wir kön­nen vie­les in un­se­re Kin­der pro­ji­zie­ren und uns Ver­schie­dens­tes wün­schen. Aber der we­sent­li­che Punkt ist doch, dass sich je­der Mensch zu sich selbst ent­wi­ckelt. Man muss sich von sei­nen ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen di­stan­zie­ren kön­nen, ohne trau­rig dar­über zu sein, wenn nicht al­les nach den ei­ge­nen Vi­sio­nen ver­läuft. Das be­zieht sich be­son­ders aufs Kin­der­krie­gen, aber auch ge­ne­rell aufs Le­ben.»

Pra­xis der «Sex Selec­tion»


Um der 50-Pro­zent-Chan­ce, das «fal­sche » Ge­schlecht zu er­hal­ten, aus dem Weg zu ge­hen, gibt es im Aus­land die Mög­lich­keit, ge­zielt mit ei­nem Jun­gen oder ei­nem Mäd­chen schwan­ger zu wer­den: «Sex Selec­tion», Ge­schlechts­se­lek­ti­on heisst der Trend, der bei­spiels­wei­se in den USA er­laubt ist. Da­bei zah­len Paa­re je nach Me­tho­de zwi­schen 800 und 20 000 Dol­lar, um das Ge­schlecht ih­res Kin­des wäh­len zu kön­nen.

Ab­trei­bung we­gen Ge­schlecht


In an­de­ren Kul­tur­krei­sen, wo Bu­ben als wert­vol­ler als Mäd­chen er­ach­tet wer­den, wird das «fal­sche Ge­schlecht» nicht sel­ten ab­ge­trie­ben. Laut WHO ist die­se Pra­xis in Chi­na und In­di­en üb­lich, was mit den Jah­ren dazu ge­führt hat, dass auf­grund der star­ken Be­völ­ke­rung die­ser Län­der glo­bal ein mas­si­ves Un­gleich­ge­wicht zwi­schen den Ge­schlech­tern ent­stan­den ist. Bei­de Län­der zu­sam­men zäh­len zir­ka 80 Mil­lio­nen Män­ner zu viel im Ver­hält­nis zu Frau­en.

Man könn­te mei­nen, dass auch bei uns be­trof­fe­ne El­tern aus ei­nem Kul­tur­kreis stam­men, der das eine Ge­schlecht dem an­de­ren vor­zieht. Doch laut Tschu­din kann man Ge­schlechts­ent­täu­schungs-Be­trof­fe­ne hier­zu­lan­de kei­nem kla­ren Kul­tur­kreis zu­ord­nen. Es käme über­all vor.

Ge­schlecht nach 12. Wo­che ver­kün­den


Ab­trei­ben, weil ei­nem das Ge­schlecht nicht passt, ist in der Schweiz un­zu­läs­sig. Da­mit es erst gar nicht mög­lich ist, sind Gy­nä­ko­lo­gen dar­um be­müht, das Ge­schlecht erst nach Ab­lauf der Fris­ten­lö­sung zu ver­kün­den.

Tschu­din sieht in der Ge­schlechts­se­lek­ti­on ne­ben dem mo­ra­li­schen Pro­blem auch ein Psy­cho­lo­gi­sches: «Wer denkt, dass sich das Pro­blem mit der ge­ziel­ten Ge­schlechts­wahl löst, der irrt.»

Bio­gra­fi­sche Pro­ble­me


Wer eine von der Norm ab­wei­chend star­ke Ge­schlechts­prä­fe­renz hegt und nicht in der Lage ist, sich auf die an­de­re Even­tua­li­tät ein­zu­las­sen, müs­se die Ur­sa­che die­ses Den­kens bei sich selbst su­chen: «Meist ha­ben die­se Men­schen eine pro­ble­ma­ti­sche Vor­ge­schich­te und sind mit bio­gra­fi­schen Pro­ble­men be­las­tet. Die ei­ge­ne Be­zie­hung zu ei­nem El­tern­teil kann aus­schlag­ge­bend sein oder trau­ma­ti­sche Er­leb­nis­se. »

Auch wenn eine der­art dra­ma­ti­sche Re­ak­ti­on auf das Ge­schlecht des Kin­des für die meis­ten Men­schen be­frem­dend sei, müs­se man als Ärz­tin oder als Arzt den­noch ge­nau hin­hö­ren und eine Ver­trau­ens­ba­sis schaf­fen, wel­che es dem Pa­ti­en­ten er­lau­be, frei über sein Emp­fin­den zu spre­chen. «Bei Gen­der Disap­point­ment steckt im­mer ein tie­fe­res Pro­blem da­hin­ter. Es ist des­halb be­son­ders wich­tig, dass be­trof­fe­ne El­tern Un­ter­stüt­zung krie­gen.»

Lars Wö­ckel, Chef­arzt der Kin­der- und Ju­gend­psych­ia­trie der psych­ia­tri­schen Pri­vat­kli­nik Clie­nia, er­lebt das Phä­no­men Ge­schlechts­ent­täu­schung aus der Per­spek­ti­ve der be­trof­fe­nen Kin­der: «In mei­nem Be­rufs­feld kommt es re­gel­mäs­sig vor, dass wir von ei­nem Kind den Satz ‹Ich hät­te ei­gent­lich ein Jun­ge/Mäd­chen wer­den sol­len› hö­ren.» Für sol­che Kin­der sei es ex­trem schwie­rig, ein Le­ben un­ter ei­nem Er­war­tungs­druck, dem man nie ge­recht wer­den kann, zu füh­ren.

Emo­tio­na­le Dis­har­mo­nie stört Bin­dung


Müt­ter, die kei­nen Weg aus ih­rer Ent­täu­schung fin­den und die­ses ne­ga­ti­ve Ge­fühl durch die gan­ze Schwan­ger­schaft tra­gen, be­las­ten laut Wö­ckel das un­ge­bo­re­ne Kind und die Be­zie­hung zu ihm: «Wir wis­sen, dass sich die Ge­müts­la­ge der Mut­ter hor­mo­nell auf das Kind über­trägt. Auch die Art und Wei­se, wie die Mut­ter mit ih­rem un­ge­bo­re­nen Kind spricht, ist mit­ent­schei­dend dar­über, wie gut das Kind nach der Ge­burt auf die Mut­ter an­spricht. Bin­dung ent­steht be­reits im Mut­ter­bauch. » Sol­che Aus­wir­kun­gen auf das Kind gebe es na­tür­lich nicht nur bei Gen­der Disap­point­ment, son­dern bei ganz vie­len emo­tio­na­len Dis­har­mo­ni­en, wie zum Bei­spiel auch De­pres­sio­nen.

Auch wenn Ge­schlechts­ent­täu­schung in psych­ia­tri­schen Fo­ren dis­ku­tiert wird, sieht die WHO da­von ab, es als psy­chi­sche Stö­rung an­zu­er­ken­nen. «Wis­sen­schaft­lich ist die­ses Feld noch nicht gut un­ter­sucht», sagt Wö­ckel. «Von Fach­leu­ten wird die Hy­po­the­se auf­ge­wor­fen, dass es be­que­mer sei, eine me­di­zi­ni­sche Dia­gno­se zu ha­ben. Man kann ein Pro­blem dann ge­nau be­nen­nen und zu­ord­nen. Im Mo­ment, wo ein La­bel-Stem­pel exis­tiert, er­leich­tert man Be­trof­fe­nen und sich selbst als Arzt den Weg.»

Nicht als psy­chi­sche Stö­rung an­er­kannt


Man wür­de dann viel­leicht we­ni­ger von ei­ner ge­schlechts­ori­en­tier­ten Ab­trei­bung ab­se­hen, weil das Pro­blem of­fi­zi­ell an­er­kannt sei und die Hand­lung da­durch eine Le­gi­ti­ma­ti­on er­hiel­te. «Dass Gen­der Disap­point­ment nicht als psy­chi­sche Stö­rung an­er­kannt wird, hat also nicht nur mit der Un­ein­heit­lich­keit die­ses Phä­no­mens zu tun, son­dern dient schluss­end­lich vor al­lem dem Schutz des Un­ge­bo­re­nen.»

So gut wie alle El­tern las­sen sich spä­tes­tens, wenn das Kind da ist, auf den Nach­wuchs ein und freu­en sich dar­über. Die Ge­schlech­ter­fra­ge ge­rät in den Hin­ter­grund. «Auch wenn sich sol­che Pro­ble­me meist von selbst lö­sen, soll­te man als Be­trof­fe­ne oder Be­trof­fe­ner ehr­lich in sich hin­ein­hor­chen und sei­ne ei­ge­ne Ge­fühls­la­ge be­ob­ach­ten», rät Tschu­din.

Sich Hil­fe ho­len


«Das The­ma Gen­der Disap­point­ment ist in mei­nem All­tag zwar kein om­ni­prä­sen­tes und kommt in die­ser Form nur ver­ein­zelt vor. Prak­tisch alle wer­den­den El­tern freu­en sich auf ih­ren Nach­wuchs und wol­len vor al­lem hö­ren, dass das Kind ge­sund ist. Aber wenn man die­ses Ge­fühl­s­loch er­lebt und dar­aus nicht von selbst hin­aus­fin­det, soll­te man sich Hil­fe ho­len und ver­su­chen, zu ver­ste­hen, wo­her die­se ne­ga­ti­ven Ge­füh­le kom­men.» Da­bei gehe es nicht nur um das un­ge­bo­re­ne Kind, son­dern vor al­lem um sich selbst und die ei­ge­ne psy­chi­sche Ge­sund­heit.

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Joël­le Weil

Jolle weil

Seit 2013 lebt und arbeitet die Zürcherin Joëlle Weil in Tel Aviv. Es gibt wenig Orte auf dieser Welt, die ihrer Meinung nach so vielseitig und spannend sind, wie Israel. Das kleine Land im Nahen Osten ist die Heimat vieler Völker, Religionen, Konflikte und Kulturen. Die Geschichten liegen hier auf der Strasse. Man muss nur die Augen offen halten.

Letzte Aktualisierung: 30.11.2020, Joëlle Weil, wir eltern
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