Das Couvade-Syndrom

Wenn werdende Väter Schwangerschaftssymptome entwickeln.

Bauchvergleich in der Schwangerschaft
©
GettyImages

Leiden Sie auf einmal auch an Morgenübelkeit, Stimmungsschwankungen und Sodbrennen, seitdem Ihre Partnerin schwanger ist? Wächst vielleicht sogar Ihr Bauchumfang? Dann sind Sie in bester Gesellschaft, denn dass werdende Väter von Schwangerschaftsbeschwerden geplagt werden, ist gar nicht so ungewöhnlich.

Was ist das Couvade-Syndrom?


Wenn Männer während der Schwangerschaft ihrer Partnerin Schwangerschaftssymptome verspüren, wird dies als "Couvade-Syndrom" bezeichnet. Der Begriff ist abgeleitet vom französischen Verb "couver", was so viel bedeutet wie "brüten" oder "ausbrüten". Das Phänomen wird auch als "Parallelschwangerschaft" oder "Sympathieschmerz" bezeichnet. Wie viele Männer davon betroffen sind, ist schwer zu sagen, denn längst nicht alle reden offen über ihre Beschwerden oder lassen diese ärztlich abklären. Gemäss manchen Schätzungen entwickeln ca. zehn Prozent der werdenden Väter Schwangerschaftssymptome, gemäss anderen sind es 60 oder gar 80 Prozent. 

Obschon das Couvade-Syndrom erst seit einigen Jahrzehnten wissenschaftlich erforscht wird, ist es keine neuartige Erscheinung. Aus vielen Kulturen ist das sogenannte "Männerkindbett" bekannt. Werdende Väter zogen sich beispielsweise die Kleider ihrer Frau an und ahmten Geburtswehen nach, unterzogen sich vor der Geburt einer Fastenperiode, mieden gewisse Nahrungsmittel oder hielten in den Wochen vor der Niederkunft strenge Bettruhe. Diese Rituale hatten wohl den Zweck, die Vaterschaft eines Mannes in der Gemeinschaft geltend zu machen. Während sie bei uns weitgehend verschwunden sind, werden sie in anderen Kulturen weiterhin gepflegt. Manche Forscher gehen davon aus, dass die ritualisierten Handlungen in Industrieländern durch das Couvade-Syndrom ersetzt worden sind.

Welche Symptome treten beim Couvade-Syndrom auf?


Die Symptome, unter denen werdende Väter leiden, können äusserst vielseitig sein. Sie lassen sich in drei Kategorien einteilen:

  • Gastrointestinale Symptome wie Morgenübelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen, Sodbrennen und Blähungen

  • Unwohlsein und Schmerzen wie Schwindel, Kopf- und Rückenschmerzen und Wadenkrämpfe

  • Verhaltensänderungen wie Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit, Schlafstörungen, Libidoverlust und Appetitveränderungen, z. B. Heisshunger, Gelüste oder Appetitlosigkeit

Manche Männer nehmen ausserdem an Gewicht zu, was sich insbesondere an einem zunehmenden Bauchumfang bemerkbar macht. Die Beschwerden verschlimmern sich oft im Verlauf der Schwangerschaft und sind im letzten Schwangerschaftsdrittel am stärksten. Nach der Geburt verschwinden sie wieder. 

Wodurch werden die "Schwangerschaftssymptome" bei Männern ausgelöst?


Warum manche Männer an Schwangerschaftsbeschwerden leiden, ist längst nicht abschliessend geklärt und die Theorien über die Ursachen des Syndroms sind zahlreich.

Am einfachsten lässt sich wohl die Gewichtszunahme erklären: Der Lebensrhythmus eines Paares ändert sich, wenn ein Baby unterwegs ist. Die werdende Mutter hat einen leicht erhöhten Kalorienbedarf und besondere Gelüste - und der werdende Vater isst mit. Weil sie häufig müde oder durch Schwangerschaftsbeschwerden eingeschränkt ist, bleibt man öfters mal zu Hause und macht es sich gemütlich. Da können sich schnell ein paar zusätzliche Kilos ansammeln.

Der veränderte Lebensstil alleine kann jedoch die Symptome nicht erklären. Studien deuten darauf hin, dass hormonelle Veränderungen bei werdenden Vätern für die Beschwerden verantwortlich sein könnten. Als Grund dafür werden die weiblichen Sexuallockstoffe, die Pheromone, vermutet, die von der werdenden Mutter ausgesendet werden und beim Mann eine Art "Brutpflegeverhalten" in Gang setzen. Nach einem weiteren Erklärungsansatz sorgen Spiegelneuronen dafür, dass das Nervensystem des Mannes die Schwangerschaftsbeschwerden auslöst, die er bei seiner Partnerin beobachtet. 

Gemäss einer weiteren Theorie reagiert der Körper auf den Stress, den der Prozess des Vaterwerdens mit sich bringt. Mehrere Studien konnten belegen, dass Couvade-Symptome bei empathischen Männern, die sich stark an der Schwangerschaft beteiligen und sich bewusst auf ihre Vaterrolle vorbereiten, häufiger sind. 

Schliesslich gibt es eine Reihe von Theorien über psychosoziale Ursachen des Couvade-Syndroms. Manche Forscher erklären sich die Beschwerden beispielsweise mit der Eifersucht des werdenden Vaters auf die Fortpflanzungsfähigkeit seiner Partnerin. Andere wiederum kommen zum Schluss, die psychosomatischen Symptome würden durch Ängste im Zusammenhang mit der Schwangerschaft ausgelöst. Auch eine zwiespältige Beziehung zum eigenen Vater wird als mögliche Ursache gesehen. 

Muss das Couvade-Syndrom behandelt werden?


Die Couvade-Symptome sind selten so belastend, dass Männer ihretwegen einen Arzt aufsuchen würden. Und da sie nach der Schwangerschaft wieder verschwinden, ist eine Behandlung auch nicht nötig. Falls die Couvade-Symptome jedoch aussergewöhnlich stark sind oder nach der Geburt bleiben, ist eine ärztliche Abklärung angezeigt, um Krankheiten auszuschliessen.

Bei Beschwerden wie Übelkeit, Sodbrennen oder Schmerzen helfen die Hausmittel, die zur Linderung von Schwangerschaftsbeschwerden empfohlen werden. Werdenden Vätern mit Couvade-Syndrom wird zuweilen davon abgeraten, einen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen, da die Symptome dadurch verstärkt werden könnten. 

Letzte Aktualisierung: 06.06.2024, TV / BH