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Therapeutin im Spiel mit einem Mädchen

Braucht Ihr Kind eine The­ra­pie?


Vie­le El­tern ken­nen die Si­tua­ti­on: Beim Stand­ort­ge­spräch be­rich­tet die Lehr­per­son von Schwie­rig­kei­ten, die das Kind im Schul­all­tag zeigt und schlägt eine Ab­klä­rung beim Schul­psy­cho­lo­gi­schen Dienst oder eine The­ra­pie vor. Die Ver­un­si­che­rung der El­tern ist oft gross. Braucht das Kind die­se The­ra­pie wirk­lich? Ver­pas­sen wir es, ihm recht­zei­tig zu hel­fen, wenn wir noch zu­war­ten? Fühlt sich das Kind schlecht, wenn es Hil­fe braucht, oder wird es gar aus­ge­lacht von sei­nen Schul­ka­me­ra­den? Sol­che und ähn­li­che Fra­gen be­schäf­ti­gen die El­tern und es gibt kei­ne auf alle Kin­der zu­tref­fen­den Ant­wor­ten, denn jede Si­tua­ti­on ist an­ders. Es lohnt sich aber si­cher, sich mit den fol­gen­den Ge­dan­ken zu be­fas­sen, ehe man zu ei­ner Ab­klä­rung oder zu ei­ner An­mel­dung zur The­ra­pie ein­wil­ligt: 

  • Nicht al­les, was als Pro­blem wahr­ge­nom­men wird, muss auch wirk­lich the­ra­piert wer­den. "Wir ha­ben die kind­li­che Un­rei­fe in eine Krank­heit ver­wan­delt. Heu­te wer­den vie­le All­tags­pro­ble­me pro­ble­ma­ti­siert und pa­tho­lo­gi­siert", sagt Reto Ca­dosch, der als Leh­rer, Fach­hoch­schul­do­zent, El­tern­bild­ner und Va­ter von zwei Kin­dern bes­tens ver­traut ist mit der The­ma­tik. Für El­tern kann es sinn­voll sein, eine Zweit­mei­nung ein­zu­ho­len, zum Bei­spiel von der Kin­der­ärz­tin, die das Kind seit Ge­burt kennt und so­mit ein­schät­zen kann, ob die wahr­ge­nom­me­ne Auf­fäl­lig­keit im Rah­men der bis­he­ri­gen Ent­wick­lung liegt, oder ob tat­säch­lich Hand­lungs­be­darf be­steht. Oft ist das, was man als Pro­blem wahr­ge­nom­men hat, wie weg­ge­bla­sen, wenn das Kind äl­ter und in sei­ner Ent­wick­lung wei­ter ist. 

  • So­wohl El­tern als auch Lehr­per­so­nen ste­hen in Ge­fahr, den Fo­kus zu sehr auf eine Schwä­che zu rich­ten und an die­ser zu ar­bei­ten, an­statt das gan­ze Kind mit sei­nen Stär­ken und Schwä­chen im Blick zu ha­ben. Eine The­ra­pie hilft nur in die­sem ei­nen Be­reich, lässt aber an­de­re Be­rei­che aus­ser Acht. Oft be­wirkt es mehr, die Stär­ken und da­mit auch das Selbst­be­wusst­sein ei­nes Kin­des zu stär­ken, als die Schwä­chen be­he­ben zu wol­len. 

  • Eine The­ra­pie bei ei­nem ein­fühl­sa­men The­ra­peu­ten kann eine wert­vol­le Hil­fe sein. Al­ler­dings soll­te man es ver­mei­den, das Kind von ei­ner The­ra­pie zur nächs­ten zu schi­cken. "El­tern soll­ten sich über­le­gen, wel­che Aus­wir­kun­gen es auf das Selbst­wert­ge­fühl des Kin­des hat, wenn es von The­ra­pie zu The­ra­pie ge­schickt wird", gibt Reto Ca­dosch zu be­den­ken. 

  • Schu­le und The­ra­pi­en sind nicht dazu da, De­fi­zi­te zu be­he­ben, de­ren Ur­sa­che ei­gent­lich zu Hau­se liegt. "Ich glau­be, dass die we­sent­li­che Ver­ant­wor­tung für eine ge­sun­de Ent­wick­lung un­se­rer Kin­der wie­der stär­ker zu den El­tern ge­hört, nicht zu den Lehr­per­so­nen, The­ra­peu­ten und Psy­cho­lo­gen", sagt der El­tern­bild­ner. Die wich­tigs­ten Lehr­per­so­nen für die Kin­der sei­en nach wie vor die El­tern, ist er über­zeugt. 

  • Vie­le El­tern sind stark ver­un­si­chert und wil­li­gen des­halb zu ei­ner The­ra­pie ein, ob­schon sie nicht da­von über­zeugt sind, dass dies das Rich­ti­ge ist für ihr Kind. An­de­re wie­der­um leh­nen jede Un­ter­stüt­zung strik­te ab, auch wenn eine The­ra­pie viel­leicht an­ge­zeigt wäre. Mit bei­den Hal­tun­gen ist dem Kind nicht ge­dient. Ein­fach eine The­ra­pie durch­zu­zie­hen, um der Lehr­per­son nicht er­klä­ren zu müs­sen, wes­halb man ei­nen an­de­ren Weg ge­hen möch­te, ist eben­so falsch, wie die Au­gen zu ver­schlies­sen vor der Tat­sa­che, dass das Kind wirk­lich Hil­fe braucht. 

  • Ob mit oder ohne The­ra­pie, für man­che Kin­der bleibt die Schu­le eine Her­aus­for­de­rung, weil nicht die Fä­hig­kei­ten ge­fragt sind, in de­nen es be­son­ders stark ist. "Ge­wis­se Kin­der müs­sen ein­fach durch das Na­del­öhr der Schu­le hin­durch und den­noch kommt es spä­ter, im Be­rufs­le­ben, gut her­aus", sagt Reto Ca­dosch und macht da­mit den El­tern Mut, die manch­mal nicht mehr ein und aus wis­sen. 

Letzte Aktualisierung: 29.01.2020, TV
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