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Krip­pen­kin­der: Öf­ter er­käl­tet, aber sel­te­ner all­er­gisch


Ist es für Ba­bys und klei­ne Kin­der von Nach­teil, wenn sie in Ki­tas und Hort be­treut wer­den? Die frü­her oft sehr kon­tro­vers ge­führ­te Dis­kus­si­on hat sich mitt­ler­wei­le be­ru­higt. Es gilt als si­cher, dass eine Be­rufs­tä­tig­keit der El­tern nicht die ge­sun­de Ent­wick­lung der Kin­der be­droht. Stu­di­en ha­ben er­ge­ben, dass Kin­der be­rufs­tä­ti­ger Müt­ter nicht mehr, son­dern so­gar we­ni­ger Auf­fäl­lig­kei­ten in Ent­wick­lung und Ver­hal­ten auf­wei­sen, be­rich­tet die deut­sche Stif­tung Kin­der­ge­sund­heit. An­schei­nend trägt die Be­rufs­tä­tig­keit so viel zur Le­bens­zu­frie­den­heit von Müt­tern und Vä­tern bei, dass da­durch auch die emo­tio­na­len Be­dürf­nis­se der Kin­der ins­ge­samt bes­ser er­füllt wer­den kön­nen.

Wie steht es aber mit der ge­sund­heit­li­chen Be­las­tung von Krip­pen­kin­dern? Müs­sen ihre El­tern im Hin­blick auf Er­käl­tun­gen und Durch­fäl­le, Kin­der­krank­hei­ten und All­er­gi­en mit grös­se­ren Ri­si­ken rech­nen als El­tern mit ei­nem „Haus­kind“? Dr. Joa­chim Hein­rich vom GSF-In­sti­tut für Epi­de­mio­lo­gie in Neu­her­berg und Pro­fes­sor Dr. Bert­hold Ko­letz­ko, Stoff­wech­sel­spe­zia­list der Uni­ver­si­täts­kin­der­kli­nik Mün­chen und Vor­sit­zen­der der Stif­tung Ge­sund­heit ha­ben die heu­te zur Ver­fü­gung ste­hen­den in- und aus­län­di­schen Da­ten zu die­sem The­ma aus­ge­wer­tet und in der „Mo­nats­schrift Kin­der­heil­kun­de“ pu­bli­ziert. Ihre Ar­beit wur­de durch das Deut­sche Ju­gend­in­sti­tut und durch die Stif­tung Kin­der­ge­sund­heit ge­för­dert.

Pro­fes­sor Ko­letz­ko bringt die vor­lie­gen­den Er­kennt­nis­se auf ei­nen kur­zen Nen­ner: „Wenn klei­ne Kin­der zu­sam­men­kom­men, kön­nen sie sich ge­gen­sei­tig mit Krank­hei­ten an­ste­cken. Das ist ei­gent­lich eine Bin­sen­weis­heit, die al­len El­tern seit ewi­gen Zei­ten be­kannt ist. Die­se In­fek­te sind zwar meist un­an­ge­nehm und be­las­tend, oft aber auch wich­tig und not­wen­dig, weil sie das Im­mun­sys­tem trai­nie­ren. Krip­pen­kin­der sind an­fäng­lich häu­fi­ger krank als Haus­kin­der, das könn­te sich aber län­ger­fris­tig mit ei­ner hö­he­ren Wi­der­stands­kraft und we­ni­ger In­fek­ten im spä­te­ren Kin­der­gar­ten- oder Schul­al­ter aus­zah­len“.

In der DDR galt die mög­lichst voll­zei­ti­ge Be­rufs­tä­tig­keit der Frau­en als po­li­ti­sches Ziel. Als Vor­aus­set­zung da­für wur­de prak­tisch al­len Kin­dern ein Kin­der­be­treu­ungs­platz an­ge­bo­ten. Die psy­chi­sche und kör­per­li­che Ent­wick­lung und Ge­sund­heit der Krip­pen­kin­der wur­de re­gel­mäs­sig über­wacht und do­ku­men­tiert. Pro­fes­sor Ko­letz­ko: „Die­se For­schungs­er­geb­nis­se lie­fern wich­ti­ge Hin­wei­se auf die Aus­wir­kun­gen der Krip­pen­be­treu­ung auf die kör­per­li­che Ge­sund­heit der Kin­der“. So zeig­ten Rei­hen­un­ter­su­chun­gen bei über 30 000 Vor­schul­kin­dern in der ehe­ma­li­gen DDR deut­li­che Un­ter­schie­de im Ge­sund­heits­zu­stand zwi­schen Fa­mi­li­en­kin­dern und Krip­pen­kin­dern. Mehr als die Hälf­te der Krip­pen­kin­der wa­ren im Al­ter von bis zu ei­nem Jahr von Atem­wegs­er­kran­kun­gen be­trof­fen, wäh­rend nur bei etwa drei Pro­zent der Fa­mi­li­en­kin­der ver­gleich­ba­re Be­fun­de fest­ge­stellt wur­den. In Krip­pen be­treu­te Ba­bys un­ter 12 Mo­na­ten er­krank­ten deut­lich häu­fi­ger an In­fek­ti­ons­krank­hei­ten. Er­kran­kun­gen der Sin­nes­or­ga­ne, dar­un­ter Mit­tel­ohr­ent­zün­dun­gen und Bin­de­haut­ent­zün­dun­gen wa­ren bei den Krip­pen­kin­dern ins­be­son­de­re wäh­rend des ers­ten Le­bens­jah­res deut­lich er­höht.

Eine be­son­ders ty­pi­sche Be­las­tung für Krip­pen­kin­der sind Mit­tel­ohr­ent­zün­dun­gen. Die Häu­fig­keit die­ser oft sehr schmerz­haf­ten Krank­heit wur­de in meh­re­ren epi­de­mio­lo­gi­schen Stu­di­en in den USA, Gross­bri­tan­ni­en, Schwe­den, Dä­ne­mark und Nor­we­gen un­ter­sucht wur­de. Hier ei­ni­ge Er­kennt­nis­se dar­aus:

  • Zwei von drei Mit­tel­ohr­ent­zün­dun­gen ge­hen auf das Kon­to des Be­suchs von Kin­der­ein­rich­tun­gen.

  • Je frü­her ein Kind in die Grup­pen­be­treu­ung kommt, umso eher wird es sei­ne ers­te Oh­ren­ent­zün­dung durch­ma­chen. 

  • Die Be­treu­ung in Kin­der­krip­pen schon vor dem ers­ten Ge­burts­tag führt zu ei­nem aus­ge­präg­te­ren Auf­tre­ten die­ser Er­kran­kun­gen im Ver­gleich zu ei­nem Ein­tritts­al­ter in Krip­pen oder Kin­der­gär­ten im spä­te­ren Le­ben.

Die­se Un­ter­schie­de schwäch­ten sich al­ler­dings bis zum sechs­ten Le­bens­jahr im­mer mehr ab. Bei den Sechs­jäh­ri­gen wur­den zwi­schen Fa­mi­li­en­kin­dern und Kin­der­gar­ten­kin­dern nur noch ge­ring­fü­gi­ge Un­ter­schie­de in Be­zug auf Atem­wegs­er­kran­kun­gen, In­fek­tio­nen oder Stö­run­gen des Ver­dau­ungs­sys­tems fest­ge­stellt.

Ähn­li­che Er­geb­nis­se er­brach­te eine wei­te­re Un­ter­su­chung, in der man die Er­kran­kungs­häu­fig­keit von Krip­pen­kin­dern mit je­ner von Kin­dern mit aus­schliess­li­cher Fa­mi­li­en­be­treu­ung ver­gli­chen hat. Krip­pen­kin­der er­krank­ten wäh­rend der ers­ten drei Le­bens­jah­re 1,6- bis 2,6-mal häu­fi­ger als Haus­kin­der. Un­ab­hän­gig vom Auf­nah­me­al­ter er­krank­ten Krip­pen­kin­der wäh­rend der ers­ten sechs Mo­na­te nach Be­ginn des Krip­pen­be­suchs be­son­ders häu­fig. Ins­ge­samt wa­ren Krip­pen­kin­der wäh­rend der ers­ten drei Le­bens­jah­re acht Wo­chen lang, oder um ganz ge­nau zu sein 55,9 Tage lang krank. Krank­hei­ten der Atem­we­ge und des Ohrs ver­ur­sach­ten etwa drei Vier­tel al­ler Er­kran­kungs­fäl­le und –tage.

Be­son­ders auf­schluss­reich: Wenn ehe­ma­li­ge Haus­kin­der in den Kin­der­gar­ten ka­men, wa­ren sie plötz­lich deut­lich häu­fi­ger krank, als ehe­ma­li­ge Krip­pen­kin­der. Das be­traf ins­be­son­de­re die Er­kran­kungs­häu­fig­keit im ers­ten Jahr der Kin­der­gar­ten­be­treu­ung. Die­se Stu­die zeigt, dass es durch den ers­ten Kon­takt mit vie­len Kin­dern auch noch im Kin­der­gar­ten­al­ter ver­mehrt zu Atem­wegs­in­fek­ten und in­fek­tiö­sen Er­kran­kun­gen des Oh­res kommt.

Eine Un­ter­su­chung von 4 000 nor­we­gi­schen Klein­kin­dern in Oslo er­gab für Krip­pen­kin­der eben­falls ein hö­he­res Ri­si­ko für Er­käl­tungs­er­kran­kun­gen und für Mit­tel­ohr­ent­zün­dun­gen. Es gab da­ge­gen kei­nen Zu­sam­men­hang zwi­schen dem Be­such ei­ner Kin­der­krip­pe im Al­ter von ei­nem Jahr und dem Auf­tre­ten von Asth­ma, Heu­schnup­fen oder ei­ner all­er­gi­schen Sen­si­bi­li­sie­rung im Al­ter von zehn Jah­ren.

Der frü­he Be­such ei­ner Ge­mein­schafts­ein­rich­tung scheint das Im­mun­sys­tem der Kin­der im Sin­ne ei­ner Ab­här­tung zu trai­nie­ren. Ame­ri­ka­ni­sche Krip­pen­kin­der er­krank­ten im Al­ter von sechs bis elf Jah­ren deut­lich sel­te­ner an Atem­wegs­in­fek­ten als Haus­kin­der, was die un­ter­su­chen­den Ärz­te auf eine ver­bes­ser­te Im­mun­ant­wort der Kin­der zu­rück­füh­ren.

Be­son­ders in­ter­es­san­te Er­geb­nis­se er­brach­te eine Quer­schnitt­stu­die mit über 2 000 Kin­dern im Al­ter von fünf bis 14 Jah­ren in Sach­sen-An­halt. Die­se so ge­nann­te Bit­ter­feld-Stu­die hat ge­zeigt, dass ein frü­hes Ein­tritts­al­ter in die Kin­der­krip­pe of­fen­sicht­lich das Auf­tre­ten von Asth­ma und Heu­schnup­fen im spä­te­ren Le­ben ver­min­dert. Die­ser schüt­zen­de Ef­fekt konn­te al­ler­dings nur bei Kin­dern nach­ge­wie­sen wer­den, die ohne Ge­schwis­ter­kind auf­wuch­sen. In ei­ner wei­te­ren Stu­die war der schüt­zen­de Ef­fekt des Be­suchs ei­ner Kin­der­ein­rich­tung vor dem fünf­ten Le­bens­jahr in Be­zug auf Heu­schnup­fen bei fast 20 000 jun­gen Er­wach­se­nen noch Jahr­zehn­te spä­ter nach­weis­bar.

Wenn vie­le Kin­der auf en­gem Platz zu­sam­men­ge­pfercht sind, ha­ben Bak­te­ri­en oder Vi­ren ein leich­tes Spiel: Es steigt die An­ste­ckungs­ge­fahr. Un­ter­su­chun­gen zei­gen, dass die Häu­fig­keit von In­fek­ti­ons­krank­hei­ten auch von der pro Kind zur Ver­fü­gung ste­hen­den Flä­che ab­hängt.

Ins­ge­samt zei­gen die vor­han­de­nen Da­ten, dass Krip­pen­kin­der im Ver­gleich mit Haus­kin­dern kei­nes­falls dau­er­haft ge­sund­heit­lich be­nach­tei­ligt sind. Die we­sent­li­che Fra­ge ist heu­te, wel­che Be­din­gun­gen des Krip­pen­be­suchs im Hin­blick auf die Flä­chen­be­reit­stel­lung im In­nen­raum und aus­sen, auf die Grup­pen­grös­se, auf die räum­li­che Ge­stal­tung, auf die hy­gie­ni­schen Be­din­gun­gen, auf Lüf­tung und Frei­luft­auf­ent­hal­te, und auf die Ta­ges­ab­laufs­pla­nung der Ge­sund­heit der Kin­der zu­träg­lich sind und wel­che Be­din­gun­gen mög­li­cher­wei­se nach­tei­li­ge ge­sund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen ha­ben. Auf die­se wich­ti­gen Fra­gen gibt es der­zeit kaum da­ten­ge­stütz­te Ant­wor­ten.

Beim Für und Wi­der der aus­s­er­fa­mi­liä­ren Be­treu­ung geht es um die Ver­ein­bar­keit zwei­er ein­an­der schein­bar ent­ge­gen­ge­setz­ten Be­dürf­nis­se: um das Grund­be­dürf­nis des Kin­des nach emo­tio­na­ler, so­zia­ler und ge­sund­heit­li­chen Si­cher­heit und um das eben­so wich­ti­ge Be­dürf­nis der Fa­mi­li­en nach ma­te­ri­el­ler Exis­tenz­si­che­rung. Nach ak­tu­el­len Er­kennt­nis­sen der Bin­dungs­for­schung nimmt die Fremd­be­treu­ung we­gen Be­rufs­tä­tig­keit der Mut­ter bzw. bei­der El­tern kei­nen er­kenn­bar ne­ga­ti­ven Ein­fluss auf das Bin­dungs­ver­hal­ten. Eine qua­li­ta­tiv schlech­te Fremd­be­treu­ung kann zwar eine Zu­nah­me von Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten be­wir­ken, durch eine qua­li­ta­tiv gute Fremd­be­treu­ung wird auch eine Bes­se­rung be­wirkt.

Die Stif­tung Kin­der­ge­sund­heit weist je­doch in ih­rer Stel­lung­nah­me mit Nach­druck auf ei­nen wei­te­ren ak­tu­el­len Pro­blem­kreis hin: Im­mer mehr Kin­der aus bil­dungs­fer­nen, von Ar­mut be­trof­fe­nen und über­for­der­ten Fa­mi­li­en brau­chen be­reits in ih­ren ers­ten Le­bens­jah­ren eine aus­ser­häus­li­che Be­treu­ung, um ihre Fä­hig­kei­ten ent­fal­ten zu kön­nen. Ein wei­te­rer As­pekt: Heu­te wächst je­des vier­te Kind (25,4 Pro­zent) in Deutsch­land als Ein­zel­kind auf. „Kin­der brau­chen aber an­de­re Kin­der für die Ent­wick­lung ih­rer so­zia­len Kom­pe­ten­zen“, sagt Pro­fes­sor Ko­letz­ko. „Der Um­gang mit Gleich­alt­ri­gen, jün­ge­ren oder äl­te­ren, stär­ke­ren oder schwä­che­ren Kin­dern ver­stärkt ihre Chan­cen, ihre so­zia­le Rol­le in der Ge­mein­schaft zu fin­den“.

Quel­le: Stif­tung Kin­der­ge­sund­heit, Sep­tem­ber 2008
www.kin­der­ge­sund­heit.de

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