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Wann fängt Er­zie­hung an?

Vater mit Tochter auf dem Rasen
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Das "Nein" in der Er­zie­hung


Viel Lie­be und das Ge­fühl der Ge­bor­gen­heit sind die wich­tigs­ten Vor­aus­set­zun­gen, dass ein Kind sich wohl fühlt und Er­zie­hungs­ar­beit ge­lin­gen kann. Im all­täg­li­chen Zu­sam­men­le­ben mit den Klei­nen sind El­tern aber schon ganz früh mit Si­tua­tio­nen kon­fron­tiert, die be­wuss­tes und kon­se­quen­tes Ver­hal­ten er­for­dern.

Kon­se­quen­te Er­zie­hung


Ein kon­se­quen­ter Er­zie­hungs­stil ist der Mit­tel­weg zwi­schen Stren­ge und au­to­ri­tä­rem Ver­hal­ten ei­ner­seits und der nach­ge­ben­den und ver­wöh­nen­den Er­zie­hung an­de­rer­seits. Für Kin­der ein­deu­ti­ge und nach­voll­zieh­ba­re Ver­hal­tens­wei­sen zu zei­gen, die sich nicht von heu­te auf mor­gen än­dern und nach Lust und Lau­ne und Ta­ges­form so oder an­ders aus­fal­len, kon­kre­te, ver­ständ­li­che Re­geln und For­de­run­gen, die ein­ge­hal­ten wer­den müs­sen, Gren­zen zu set­zen, die klar be­nannt wer­den, das al­les zeich­net die el­ter­li­che Kon­se­quenz im Um­gang mit ih­ren Kin­dern aus. Et­was, was heu­te ver­bo­ten ist, soll­te nicht mor­gen er­laubt sein und um­ge­kehrt, nur weil es ge­ra­de be­quem ist und Mut­ter und Va­ter ihre Ruhe wol­len.

Ein nicht er­laub­tes Be­neh­men soll­te Kon­se­quen­zen ha­ben, die dem Kind mit­ge­teilt wer­den und die dann auch an­ge­wen­det wer­den. Wenn in Aus­sicht ge­stellt wird, dass es al­lei­ne in der Kü­che es­sen muss, wenn es wei­ter­hin am Fa­mi­li­en­tisch stört, so wer­den die El­tern es hin­aus schi­cken, soll­te es sein Ver­hal­ten nicht än­dern. Hat ein Kind sich nicht an die Re­geln ge­hal­ten und Ver­bo­te miss­ach­tet, muss es die Kon­se­quen­zen spü­ren und mer­ken, dass es für sein Ver­hal­ten die Ver­ant­wor­tung über­neh­men muss. Im­mer wie­der zu dro­hen und dann doch nicht zu han­deln, wird Kin­der zu­erst ver­un­si­chern und dann dazu ver­lei­ten, Ver­bo­te­nes trotz­dem zu tun.

Wich­tig ist un­ein­ge­schränk­ter Ge­hor­sam vor al­lem dort, wo an­dern­falls Ge­fah­ren dro­hen oder die Ge­sund­heit der Klei­nen ge­fähr­det wäre, z.B. im Stras­sen­ver­kehr. Ein Kind muss auch ler­nen, auf die Be­dürf­nis­se der El­tern und an­de­rer Fa­mi­li­en­mit­glie­der Rück­sicht zu neh­men.

Ri­tua­le ge­ben Ori­en­tie­rung


Ba­bys ver­ste­hen in den ers­ten Le­bens­mo­na­ten noch kei­ne er­zie­he­ri­schen Re­geln. Das Kon­zept von Ur­sa­che und Wir­kung ver­in­ner­li­chen sie erst spä­ter. Den­noch kön­nen Ba­bys sich ers­te Zu­sam­men­hän­ge und ein­fa­che Re­geln schon ein­prä­gen. Eine Vor­stu­fe der Gren­zen und Re­geln des spä­te­ren Le­bens ei­nes Kin­des sind Ri­tua­le und ein re­gel­mäs­si­ger Rhyth­mus. Ein ei­ni­ger­mas­sen ge­re­gel­ter und ver­läss­li­cher Ta­ges­ab­lauf hilft ei­nem Baby sich in der Welt zu­recht­zu­fin­den und spen­det Si­cher­heit und Halt.

Ri­tua­le hel­fen nicht nur klei­nen Kin­dern, be­stimm­te Ver­hal­tens­wei­sen ein­zu­üben. Re­gel­mäs­si­ge Zei­ten und ein be­stimm­ter Ab­lauf beim Zu­bett­ge­hen, ge­mein­sa­me Mahl­zei­ten, bei de­nen gute Tisch­sit­ten vor­ge­lebt und ge­for­dert wer­den, sind z.B. Ge­le­gen­hei­ten, Kon­stanz und Ruhe in den All­tag zu brin­gen.

Ein Kind braucht ver­läss­li­che El­tern, de­nen es ver­trau­en kann, doch häu­fig wech­seln­de Re­ak­tio­nen er­schüt­tern die­ses Ver­trau­en und Kin­der wis­sen nach ei­ni­ger Zeit gar nicht mehr, wor­an sie sind. Sie sind ver­wirrt und es fehlt ih­nen der ver­läss­li­che Rah­men, an dem sie sich ori­en­tie­ren kön­nen. So kann es dazu kom­men, dass sie die Wün­sche und For­de­run­gen der El­tern bald nicht mehr ernst neh­men und kaum dar­auf re­agie­ren.

Das Ein­hal­ten von Re­geln und Ver­bo­ten, wel­che die El­tern als wich­tig und rich­tig er­kannt ha­ben, soll­te mög­lichst durch ru­hi­ges, aber be­stimm­tes Ver­hal­ten durch­ge­setzt wer­den.

Die Pflicht zur Er­zie­hung


El­tern ha­ben nicht nur das Recht, son­dern die  Pflicht zur Er­zie­hung und sie er­wei­sen der ge­sun­den Ent­wick­lung ih­res Kin­des kei­nen Ge­fal­len, wenn sie

  • alle Wün­sche er­fül­len

  • sich schlech­tes und re­spekt­lo­ses Be­neh­men ge­fal­len las­sen

  • den Kin­dern nicht bei­brin­gen, auf Be­dürf­nis­se an­de­rer Rück­sicht zu neh­men

  • heu­te nach­ge­ben und mor­gen in ähn­li­cher Si­tua­ti­on wü­tend wer­den

  • häu­fig ag­gres­siv und un­be­herrscht re­agie­ren

  • un­si­che­res Ver­hal­ten zei­gen und sich oft auf end­lo­se De­bat­ten ein­las­sen

  • Kin­der mit Dro­hun­gen ver­un­si­chern und un­ter Druck set­zen

  • zu enge, un­an­ge­brach­te  und nicht al­ters­ge­mäs­se Gren­zen set­zen

  • von Kin­dern ein be­stimm­tes Ver­hal­ten for­dern, das sie selbst nicht vor­le­ben. 

El­tern, die sinn­vol­le Re­geln auf­ge­stellt ha­ben

  • er­klä­ren ih­ren Kin­dern, war­um sie sich dar­an zu hal­ten ha­ben

  • las­sen  sich auch nicht durch Ge­schrei und Quen­geln vom er­war­te­ten Ge­hor­sam ab­brin­gen

  • er­war­ten Re­spekt, re­spek­tie­ren aber auch die Per­sön­lich­keit des Kin­des

  • ge­ben kla­re, aber nicht ag­gres­si­ve An­wei­sun­gen

  • ha­ben kei­ne Angst vor Kon­flik­ten

  • sind trotz al­ler Fes­tig­keit in der Lage, Fle­xi­bi­li­tät und Aus­nah­men zu­zu­las­sen, wenn es die Si­tua­ti­on er­for­dert

  • ha­ben den Mut, Gren­zen und Re­geln an­zu­pas­sen und zu ver­han­deln, wenn die Kin­der äl­ter wer­den

  • lo­ben oder be­loh­nen po­si­ti­ves Ver­hal­ten

  • zei­gen dem Kind im­mer wie­der Zu­nei­gung und Wär­me

Gren­zen set­zen


Gren­zen zu set­zen in der Er­zie­hung wird heu­te von Päd­ago­gen und Kin­der­psy­cho­lo­gen ganz klar ge­for­dert. Für El­tern be­deu­tet die­se For­de­rung aber zu­erst ein­mal, sich sel­ber über die­se Gren­zen im Kla­ren zu wer­den. Was wol­len wir er­rei­chen mit un­se­rer Er­zie­hung, wel­ches Ver­hal­ten un­se­res Kin­des ist uns wich­tig und wie kön­nen wir das am bes­ten durch­set­zen? 

Es wird vor­kom­men, dass Mut­ter und Va­ter nicht in al­len Er­zie­hungs­be­lan­gen die glei­che Mei­nung ver­tre­ten. Oft ha­ben sie in ih­rer ei­ge­nen Kind­heit un­ter­schied­li­che Er­fah­run­gen ge­macht, sind mehr oder we­ni­ger streng er­zo­gen wor­den und wol­len be­stimm­tes Ver­hal­ten bei ih­ren ei­ge­nen Kin­dern durch­set­zen. Hier ist es un­er­läss­lich, dass die El­tern ver­su­chen, sich we­nigs­tens in we­sent­li­chen Punk­ten zu ei­ni­gen. Wenn ei­ner "nein" sagt, soll­te der an­de­re die­ses nicht vor dem Kind um­stos­sen und dem Part­ner da­mit in den Rü­cken fal­len. Manch­mal ist es nö­tig, eine an­de­re Sicht­wei­se ein­fach zu re­spek­tie­ren oder im­mer wie­der neu zu dis­ku­tie­ren.

Das "Nein" in der Er­zie­hung


Die Klar­heit ei­nes "Nein" und  ver­läss­li­che Re­geln be­deu­ten aber nicht, die Frei­räu­me für die Kin­der stän­dig ein­zu­schrän­ken und nie­mals die kleins­te Aus­nah­me zu­zu­las­sen. Das wäre un­mensch­li­che Stur­heit, die im täg­li­chen le­ben­di­gen Mit­ein­an­der auch wohl nicht wün­schens­wert sein kann. Kon­se­quen­te Er­zie­hung meint auch nicht Schimp­fen und Stra­fen, wo­durch zwar un­er­wünsch­tes Ver­hal­ten für den Mo­ment ge­stoppt wer­den kann, gleich­zei­tig das Kli­ma  und die Stim­mung in der Fa­mi­lie be­ein­träch­tigt und ver­dor­ben wird. Auch psy­chi­sche und phy­si­sche Ge­walt als Ant­wort auf Un­ge­hor­sam sind in kei­nem Fall eine an­ge­mes­se­ne Re­ak­ti­on.

Mensch­li­che Wär­me, lie­be­vol­le Zu­wen­dung und ein­seh­ba­re Re­geln, die mög­lichst ru­hig, aber be­stimmt durch­ge­setzt wer­den und da­bei die Per­sön­lich­keit des Kin­des und sei­ne Be­dürf­nis­se re­spek­tie­ren, brin­gen wohl am ehes­ten glück­li­che und zu­frie­de­ne Kin­der.

Prof. Dr. Ro­land Rei­chen­bach

Päd­ago­gi­sche Au­to­ri­tät – eine ver­staub­te Ka­te­go­rie?

Vortrag Reichenbach Kosmos Kind

Die pädagogische Autorität ist ein elementares wie auch ambivalentes Phänomen, Erziehung und Bildung haben immer auch mit Macht und Vertrauen zu tun. Das Vertrauen des Kindes in die Eltern oder der SchülerInnen in die Lehrperson mag «natürliche» Voraussetzungen haben, doch es muss auch erworben werden. Bestimmte Leistungen auf Seiten der Eltern und der Lehrpersonen sind nötig, damit das nötige Vertrauen aufrechterhalten werden kann und nicht allzu verloren geht. In diesem Sinne stellt Autorität nicht eine Eigenschaft von Einzelpersonen dar, sondern vielmehr von Beziehungen. Wird die pädagogisch bedeutsame Anerkennungsbeziehung von den Phänomenen und Konzepten des autoritären Verhaltens und der autoritären Persönlichkeit unterschieden, so lässt es sich angemessen über Qualität, Möglichkeiten und Grenzen der pädagogischen Beziehungsformen nachdenken.

Dienstag, 22. November 2022, 18.00 Uhr, Stiftung. Für das Kind (Aula), Falkenstrasse 26, 8008 Zürich

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Letzte Aktualisierung: 03.02.2020, AG / JL

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