Duchenne Muskeldystrophie, Junge im Rollstuhl
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Muskelschwäche (Muskeldystrophie)

Unter dem Begriff "Muskeldystrophie" werden erblich bedingte Krankheiten zusammengefasst, bei denen es zu einem fortschreitenden Zerfall der Muskelfasern kommt. Das wichtigste Symptom ist die allmählich zunehmende Muskelschwäche. Die Muskeldystrophie vom Typ Duchenne ist am bekanntesten. Die mildere Verlaufsform ist die Beckersche Muskeldystrophie (BMD).

Die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD)

Diese Form der Muskeldystrophie ist die häufigste muskuläre Erbkrankheit im Kindesalter. Sie tritt etwa einmal unter 3.600 - 6.000 Knaben auf. Normalerweise ist nur das männliche Geschlecht betroffen, die Krankheit kann aber von Frauen vererbt werden (X-chromosomal-rezessiver Erbgang). Einige von ihnen können auch Symptome zeigen. Schätzungsweise 30% sind jedoch Fälle ohne familiäre Vorbelastung (Spontanmutationen).

Weshalb entsteht eine Muskeldystrophie?

Verantwortlich ist die Mutation eines Gens auf dem kurzen Arm des X-Chromosoms, das die Produktion des wichtigen Muskelproteins Dystrophin steuert. Fehlt dieses Strukturprotein in den Muskelzellen, sterben die Muskelfasern rascher ab und können nicht wieder aufgebaut werden.

Duchenne und du

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Wie verläuft die Erkrankung?

Die Muskelschwäche beginnt meist im Kleinkindalter: Der Knabe braucht länger, um laufen, springen oder hüpfen zu lernen. Treppensteigen geht nur langsam, der Gang ist watschelnd. Eines der klassischen Symptome von DMD ist das „Gowers’-Zeichen“: Der Junge muss seine Hände am Boden bzw. auf den Oberschenkeln abstützen, um vom Boden aufzustehen. Ursache dafür ist eine schwache Hüft- und Oberschenkelmuskulatur. Auffällig sind zunächst die verdickten Waden ("Gnomenwaden"), weil Binde- und Fettgewebe abgelagert werden. Später kommt es zu verkürzten Sehnen, Spitzfuss und Zehenspitzengang und schliesslich Gehunfähigkeit durch fortschreitenden Muskelschwund. Das Kind ist ab dann auf einen Rollstuhl angewiesen. Die Intelligenz ist in der Regel nicht beeinträchtigt, obwohl die Sprachentwicklung verzögert sein kann.

Im Laufe des Schulalters schreitet die Muskelschwäche auch in den Schulter- und Armmuskeln fort, schliesslich bei den Hals- und Gesichtsmuskeln und der Herzmuskulatur. Zusammen mit einer Verbiegung der Wirbelsäule (Skoliose) wird die Atmung zunehmend und lebensbedrohlich beeinträchtigt. Die betroffenen Jungen werden selten älter als 20 - 30 Jahre.

So wird die Diagnose einer DMD gestellt

Die oben beschriebenen Krankheitszeichen führen zum Verdacht auf eine Muskeldystrophie. Der nächste Schritt ist eine Blutprobe: Die Blutwerte des Muskelproteins Creatinkinase (CK) und der Leberenzyme GOT und GPT sind bei einer DMD stark erhöht. Als nächstes kann ein Elektromyogramm (EMG) durchgeführt werden, das die Aktivität gesunder und kranker Muskeln aufzeichnet, oder die Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit. Schliesslich kann auch eine Muskelbiopsie entnommen und untersucht werden. Sie gibt Auskunft darüber, wie viel Dystrophin sich in den Muskelzellen befindet.

Aber egal, welche Untersuchungen schon durchgeführt wurden: Die Diagnose muss letztendlich immer durch molekulargenetische Tests bestätigt werden. Damit wird die genaue Veränderung (Mutation) in der Erbsubstanz DNA identifiziert. Dies ist wichtig, weil neue Behandlungsmöglichkeiten für bestimmte Genveränderungen in klinischen Studien untersucht werden, aber auch weil bei der Mutter (und ihren weiblichen Verwandten) eine Überträgerschaft für eine familiäre Mutation im Dystrophingen ausgeschlossen oder nachgewiesen werden kann. Im letzteren Fall kann dann bei einer weiteren Schwangerschaft eine pränataldiagnostische Untersuchung, z.B. eine Chorionbiopsie oder Plazentapunktion, angeboten werden.

In den USA ist die Untersuchung auf DMD ein optionaler Teil des Neugeborenen-Screenings. Bei einem erhöhten CK-Wert im Fersenblut wird molekulargenetisch eine DMD ausgeschlossen oder nachgewiesen. So kann die Muskelerkrankung bereits im Säuglingsalter festgestellt werden und nicht erst mit vier Jahren (durchschnittlicher Diagnosezeitpunkt). Da einmal zugrunde gegangene Muskelzellen nicht wieder repariert werden können, ist die Früherkennung der DMD umso wichtiger. Therapiemassnahmen können dann schon früh begonnen werde, die Muskelfunktion und die Gehfähigkeit kann so lange wie möglich erhalten bleiben. Das verbessert die Prognose und die Lebensqualität der betroffenen Knaben deutlich.

Kann man die Muskelschwäche aufhalten oder behandeln?

Die Behandlung der Muskeldystrophie ist zurzeit im Wesentlichen noch auf unterstützende Massnahmen beschränkt, um das Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen und Leiden zu lindern. Dazu gehört isometrisches Muskeltraining, Atemgymnastik und evtl. eine orthopädische Operation an Wirbelsäule und Füssen.

Die medikamentöse Therapie versucht, die zunehmende Zerstörung der Muskelfasern durch das defekte Dystrophin aufzuhalten. Durch Medikamente kann die Entzündungsreaktion gemildert (Kortikosteroide, Vamoralon, Edasalonextent) und die Narbenbildung im Muskel gebremst werden (Idebenon, Halofuginon, Pentoxifyllin, etc.). Die Blutgefässe können erweitert  (Lisinopril, Sildenafil, Tadalafil), die Muskelmasse oder –qualität verbessert werden (Myostatin-Hemmung, Follistatin-Genzufuhr, Tamoxifen, HDAC-Hemmung). Zudem wird versucht, durch die Gabe eines anderen Proteins einen Teil der Dystrophin-Funktion zu ersetzen (Utrophin).

Wie sieht die Zukunft aus?

Überall auf der Welt laufen aber schon Forschungen hinsichtlich einer Gentherapie. Ziel ist es, ein normales Dystrophin-Gen an die Muskelzellen zu liefern, damit diese funktionsfähiges Dystrophin produzieren können. Dabei muss das Dystrophin-Gen mittels (ungefährlicher) Virusteile in alle Muskelzellen eingeschleust werden. Schwierigkeiten bereitet noch die Grösse des Dystrophin-Gens, die Immunabwehr des Körpers auf die fremden Viruspartikel und die zu wenig muskelspezifische Verteilung der Viruspartikel im Körper nach der Injektion.

Ein weiterer Ansatz besteht darin, Muskelstammzellen (Myoblasten) von einem Spender, welcher ein gesundes Dystrophin-Gen trägt, an die Muskeln zu liefern und ihnen so eine Reparatur zu ermöglichen. Fremde Zellen führen aber oft zu Abwehrreaktionen. Körpereigene Muskelzellen, die im Labor mittels Gentherapie behandelt wurden, oder noch unreife Stammzellen könnten eine Lösung sein.

Der dritte Ansatz zielt darauf, den Fehler im genetischen Code des Dystrophin-Gens direkt zu beheben. Der Ort dieses Fehlers ist jedoch nicht bei allen Patienten gleich, weil unterschiedliche Mutationen vorliegen. Ein Medikament ist so nur für eine bestimmte Mutationsform anwendbar. Mit Ataluren (TranslarnaR) steht seit September 2014 erstmalig ein Wirkstoff zur ursächlichen Behandlung der DMD bei gehfähigen Patienten ab dem zweiten Lebensjahr zur Verfügung - allerdings nur, wenn bei ihnen eine Nonsense-Mutation (nmDMD) vorliegt. Das betrifft etwa 15% aller Betroffenen. Unter einer Nonsense-Mutation versteht man eine Punktmutation in der DNA-Sequenz, die zu einem vorzeitigen Stopp führt, weshalb der Bauplan für das Protein nicht weiter gelesen und ausgeführt werden kann. Das Wirkprinzip von Ataluren besteht darin, dass das Stopp-Codon überlesen und die Produktion von vollständigem Dystrophin ermöglicht wird.

Weitere Informationen:

Schweizerische Muskelgesellschaft: www.muskelgesellschaft.ch

Progena – Swiss Duchenne Foundation: www.progena.ch

Mathilde Escher Stiftung – für Menschen mit Muskelkrankheiten: www.mathilde-escher.ch

Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke e.V. (DGM): www.dgm.org

Deutsche Muskelschwundhilfe e.V.: www.muskelschwund.de

Deutsche Duchenne Stiftung:  www.benniundco.de

Länderübergreifende (Deutschland, Österreich und Schweiz) Kampagne zur Früherkennung von DMD:
„Hinterher statt voll dabei?“

Häufige Fragen zum Thema

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Geschlechtswahl möglich: Mit der sogenannten Microsort-Methode (ein patentiertes Verfahren, bei dem die Spermien vor einer künstlichen Befruchtung nach X- und Y-Chromosomen sortiert werden) können Ärzte heute schon die Wahrscheinlichkeit für das eine oder andere Geschlecht stark vergrössern. In der Schweiz ist dies jedoch gesetzlich nur erlaubt, wenn ein geschlechtsgebundener Gendefekt mit schwerem Krankheitsverlauf beim Kind vorliegen könnte, wie bei der erblichen Muskelschwäche oder der Bluterkrankheit. An der Baseler Universitäts-Frauenklinik wird die Methode ab Juli 2013 angeboten. (swissmom-Newsticker, 3.6.2013)

Letzte Aktualisierung : 05-05-20, BH

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