Lüge oder Phantasie?

Lüge oder blühende Phantasie?

Kinder sagen nicht immer die Wahrheit. Aber ist es deswegen gleich eine Lüge oder ist nur ihre blühende Phantasie am Werk? Viele Eltern haben Spass am Fabulieren und Phantasieren ihrer Kleinen. Ein Kind mit einer lebhaften Phantasie gilt als kreativ und geistvoll.

Eltern sind dann aber plötzlich entsetzt, wenn ihr Nachwuchs an einer offensichtlichen Lüge festhält. Sie sind irritiert, wenn ihr Kind mit vollster Überzeugung Unwahrheiten erzählt. Lügen ist ein heikles Thema, denn Ehrlichkeit ist eines der wichtigsten Erziehungsziele der meisten Eltern.Eltern können aber beruhigt sein. Was bei Kindern vor dem Schulalter als Verfälschung der Realität daherkommt, ist selten wirklich gelogen. Lügen heisst nämlich bewusst und vorsätzlich die Unwahrheit zu sagen oder zu betrügen, um eines Vorteils willen.

Dazu sind Vorschulkinder jedoch noch gar nicht in der Lage. Bis etwa zum 7. Lebensjahr befinden sich Kinder auf der Entwicklungsstufe des magischen Denkens. In diesem Alter wird ihre ausgeprägte Fantasiewelt oft mit der Wirklichkeit und der Traum mit der Wahrheit vertauscht. Sie können nur schwer unterscheiden zwischen dem, was sie wirklich sehen und hören und dem, was sie darunter verstehen, was sie sich dazu vorstellen und ausdenken. Phantasie und Wahrnehmung gehen fliessend ineinander über. 

So erzählt der 5-jährige Hans aufgeregt, er sei auf einem echten Piratenschiff über den Fluss gefahren; oder die 4-jährige Lina berichtet überzeugend, sie habe auf dem Spielplatz mit drei Feen gespielt. Sie erfinden Dinge, erleben Tagträume und Vorlesegeschichten als real oder geben wirkliche Ereignisse übertrieben wieder. Sie haben ein eigenes Zeitgefühl und bringen deshalb auch die zeitliche Reihenfolge vor Erlebtem durcheinander und schmücken diese Erinnerungen blumig aus. 

Mit zunehmendem Alter tritt dann das realitätsbezogene und sachlich logische Denken ein, welches unter anderem auch für das schulische Wissen von Bedeutung ist. Ab dem Schulalter dürfen Eltern Ihrem Kind zumuten, zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Vorstellung und Wahrnehmung zu unterscheiden. 

Um sich mit seiner Umwelt erfolgreich auseinanderzusetzen, muss ein Kind mit der Zeit also lernen, diese so wahrzunehmen, wie sie ist, und nicht so, wie es sie für sich haben möchte. Dabei sind die Eltern eine wichtige Lernhilfe: das Kind orientiert sich an ihrem Vorbild und ihrem Verhalten und lernt durch sie Wahrheit von Unwahrheit trennen. 

Letzte Aktualisierung : 05.2016, JL

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