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Mit Lü­gen er­zie­hen?

Aus der For­schung


Ei­gent­lich sind die El­tern die Ers­ten, die dem Kind den Un­ter­schied zwi­schen Wahr­heit und Lüge er­klä­ren müs­sen. Und ei­gent­lich müss­ten sie mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen und dem Kind ge­gen­über im­mer die Wahr­heit sa­gen. Doch El­tern lü­gen ih­rem Kind ge­gen­über oft - und auch aus nich­ti­gem An­lass, wie die Stu­die ei­nes ka­na­disch-ame­ri­ka­ni­schen For­scher­teams im "Jour­nal of Mo­ral Edu­ca­ti­on" er­ge­ben hat.

"Wir wa­ren über­rascht, wie oft Er­zie­hung mit Hil­fe von Lü­gen statt­fin­det", er­klärt Kang Lee von der Uni­ver­si­ty of To­ron­to. "Über­dies ha­ben un­se­re Er­geb­nis­se ge­zeigt, dass so­gar die El­tern, die im­mer wie­der ihre Kin­der dar­auf hin­wei­sen, wie wich­tig Ehr­lich­keit ist, ihre Er­zie­hung auf Lü­gen auf­bau­en." Für ihre Stu­die ha­ben die For­scher um Kang Lee und sei­ner Kol­le­gin Gail Heyman von der Uni­ver­si­ty of Ca­li­for­nia 127 Stu­den­ten zu den frü­he­ren Lü­gen ih­rer El­tern und 127 Müt­ter und Vä­ter zu ih­ren Lü­gen ge­gen­über ih­ren klei­nen Kin­dern be­fragt.

Am häu­figs­ten wer­den Lü­gen von den El­tern ein­ge­setzt, um bei den Kin­dern ein be­stimm­tes Ver­hal­ten zu er­rei­chen, das für das Kind lang­fris­tig ge­sün­der und bes­ser ist. Meis­tens geht es dar­um, dass das Kind sein Es­sen auf­es­sen oder ins Bett ge­hen soll. Eine be­frag­te Mut­ter gab an, dass sie ih­rem Kind sag­te, wenn es sein Es­sen nicht auf­es­se, be­kom­me es Pi­ckel. Ein El­tern­paar hat­te sich so­gar eine be­son­de­re Ge­schich­te aus­ge­dacht, um der Toch­ter den Schnul­ler ab­zu­ge­wöh­nen: "Wir sag­ten ihr, dass sie ihre Schnul­ler wie Ge­schen­ke ein­wi­ckeln sol­le. Dann kom­me der Schnul­ler­mann und brin­ge die Schnul­ler an­de­ren Kin­dern, die sie noch bräuch­ten. Wir dach­ten, es wäre ge­sün­der, wenn un­se­re Toch­ter von den Schnul­lern los­kä­me, und gleich­zei­tig könn­ten wir ihr so das Ge­fühl ge­ben, dass sie stolz auf sich sein kön­ne, kei­nen Schnul­ler mehr zu brau­chen." Auch den Hin­weis, das Ge­krit­zel ei­nes Zwei­jäh­ri­gen als "schön" be­zeich­net zu ha­ben, fan­den die For­scher in den Ant­wort­bö­gen wie­der.

Die For­scher kön­nen die El­tern ver­ste­hen, dass sie bei den klei­nen Kämp­fen im All­tag zu ei­ner Lüge grei­fen. Sie ver­ste­hen auch, dass manch­mal eine Not­lü­ge an­ge­bracht ist. "Man kann ja schliess­lich ei­nem Zwei­jäh­ri­gen nicht sa­gen, dass man sein Ge­kra­kel blöd fin­det", sagt Heyman. Den­noch emp­feh­len die For­scher den El­tern, nach al­ter­na­ti­ven Stra­te­gi­en zu su­chen, um bei den Kin­dern ein ge­wünsch­tes Ver­hal­ten her­vor­zu­ru­fen. Die Lüge soll­te nur das letz­te Mit­tel sein.

War­um Kin­der den un­wah­ren Schil­de­run­gen der El­tern über­haupt Glau­ben schen­ken, er­klärt Pia De­i­mann, Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gin an der Uni­ver­si­tät Wien, in ei­nem pres­se­text-In­ter­view: "Kin­der ver­trau­en ih­ren El­tern völ­lig. Das kommt da­her, dass der Mensch län­ger als jede an­de­re Spe­zi­es auf gute Be­treu­ung an­ge­wie­sen ist." Im Al­ter von etwa vier Jah­ren ler­nen Kin­der schliess­lich, zwi­schen Lüge und Wahr­heit zu un­ter­schei­den. Gleich­zei­tig er­rei­chen sie auch ein sprach­li­ches und ko­gni­ti­ves Ni­veau, das sie selbst zur Lüge nüt­zen kön­nen. "Sie ent­de­cken, dass sie durch die Spra­che die Wirk­lich­keit ver­än­dern kön­nen, wen­den sie sehr krea­tiv an und freu­en sich, da­mit selbst an­de­re Men­schen in Schre­cken ver­set­zen zu kön­nen."

Von der Lüge als Er­zie­hungs­mass­nah­me rät auch De­i­mann strikt ab, da dies El­tern auf Dau­er nur un­glaub­wür­dig ma­che. "Lü­gen sind zum Er­rei­chen ei­nes Ver­hal­tens we­der sinn­voll noch not­wen­dig. Will ich, dass ein Kind Ge­mü­se isst, so muss ich auch selbst dazu ste­hen. Da­her stellt man bei un­er­wünsch­tem Ver­hal­ten am bes­ten nur Kon­se­quen­zen in Aus­sicht, die man auch tat­säch­lich er­fül­len kann und will." Be­son­ders un­an­ge­bracht sei­en Lü­gen, wenn sie zur Bil­dung von Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­sen füh­ren, wie etwa die Ver­heim­li­chung der Ad­op­ti­on ge­gen­über dem Kind. "In die­sem Fall gibt es kei­nen an­de­ren gu­ten Weg als die Wahr­heit, auch wenn sie schwer fällt und Dis­kus­sio­nen aus­löst. Die Auf­ga­be lau­tet al­ler­dings, die Wahr­heit freund­lich zu ge­stal­ten", so die Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gin. Ver­tret­bar sei­en Lü­gen mit­un­ter dort, wo sie das see­li­sche Wohl des Kin­des schüt­zen. "Man kann ei­nem Kind kaum zu­mu­ten, dass das tote Meer­schwein­chen in der Tier­ver­wer­tungs­an­la­ge ent­sorgt wur­de. Da ist der Meer­schwein­chen­him­mel die bes­se­re Va­ri­an­te."

Zur Un­wahr­heit las­sen sich Er­wach­se­ne auch oft durch die An­ge­wohn­heit der Kin­der ver­lei­ten, stän­dig zu fra­gen. "Be­son­ders im Vor­schul­al­ter wol­len Kin­der al­les wis­sen, was El­tern je­doch nicht ner­ven soll­te. Fra­gen ist ein Zei­chen von In­tel­li­genz, und nur durch Fra­gen kön­nen Kin­der Wis­sen er­wer­ben, das in un­se­rer Ge­sell­schaft ja so ho­hen Stel­len­wert be­sitzt. Wer als Kind in­ter­es­siert an der Um­welt ist, wird das auch spä­ter bei­be­hal­ten und ist in der Re­gel ein gu­ter Schü­ler." Da die Ver­wei­ge­rung von Ant­wor­ten wei­te­re Fra­gen ver­hin­dern wür­de, emp­fiehlt Deich­mann den El­tern, sich ei­ge­ne Stra­te­gi­en zu­recht­zu­le­gen. "Man kann dem Kind zum Bei­spiel sa­gen, dass sei­ne Fra­ge gut ist, dass man je­doch im Mo­ment kei­ne Zeit da­für hat und zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt ge­mein­sam nach der Ant­wort su­chen wird." Kin­der­le­xi­ka oder im fort­ge­schrit­te­nen Kin­des­al­ter das In­ter­net wür­den dazu eine idea­le Mög­lich­keit bie­ten.

Quel­le: pres­se­text.at 
Lee, K. Heyman, G.: Jour­nal of Mo­ral Edu­ca­ti­on, 38, S. 353 – 369, 2009

Letzte Aktualisierung: 21.03.2021, BH
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