Windeln und Toilettenpapier
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Geht es auch ohne Windel?

Wer hierzulande zum ersten Mal davon hört, dass Babys auch ohne Windeln gross werden, reagiert gewöhnlich ungläubig. Für die meisten Eltern gehört die Wegwerfwindel ganz selbstverständlich zum Familienalltag, seltener wird zur Stoffwindel gegriffen. Eine zunehmende Zahl von Müttern und Vätern entschliesst sich jedoch dazu, in weiten Teilen oder gar ganz auf die Windel zu verzichten.

Anstatt dem Baby 24 Stunden am Tag eine Windel anzuziehen und diese bei Bedarf zu wechseln, wird darauf weitestgehend verzichtet. Ein Neugeborenes gibt mit Signalen wie Quietschen, Zappeln oder Pausen beim Trinken bekannt, dass es "mal muss". Beachtet man diese Signale nicht, verschwinden sie etwa im Alter von drei bis vier Monaten, reagieren die Eltern aber darauf, indem sie das Baby über das Töpfchen oder das Lavabo halten, wird das Baby die Signale beibehalten und die Eltern werden diese immer besser deuten können. Ähnlich wie beim Stillen sind die Abstände zwischen den Ausscheidungen anfänglich noch sehr kurz. Eltern, die auf die Windel verzichten, berichten jedoch, dass sich gleichzeitig mit dem Schlaf- und Stillrhythmus auch bei den Ausscheidungen bald ein Rhythmus einstellt. Habe man sich einmal daran gewöhnt, laufe die Sache ganz nebenbei, denn gewöhnlich sei das Geschäft schnell erledigt, berichten erfahrene windelfrei-Eltern.  

Die Wege, wie eine Familie den Alltag windelfrei gestaltet, sind sehr unterschiedlich. Viele beginnen schon ab Geburt damit, andere warten, bis sich alles andere ein wenig eingespielt hat. Erfahrungsgemäss ist es einfacher, von Beginn an auf die Windel zu verzichten, als später damit anzufangen. Während die einen vollständig auf die Windel verzichten, ziehen andere dem Baby bei längeren Autofahrten, bei Krankheit oder über Nacht zum Schutz eine Windel an. Da nicht von jeder Betreuungsperson erwartet werden kann, dass sie das Baby auch ohne Windel betreut, lassen berufstätige Mütter ihr Baby oft nur an den Tagen windelfrei, an denen sie zu Hause sind. 

Im Zentrum steht das Baby mit seinen Bedürfnissen

Kritiker geben zu bedenken, die windelfreie Erziehung sei eine Art von Konditionierung, damit das Baby möglichst früh trocken werde. Dieser Sicht widersprechen die Eltern aber klar. Im Zentrum steht der Gedanke, dass das Baby eine Persönlichkeit ist, die sehr viel mehr kann, als Erwachsenen gemeinhin bewusst ist. Das Baby soll nicht in eine passive Rolle gedrängt werden, sondern Teil eines Teams werden, indem es seine Bedürfnisse kundtut und der Erwachsene auf diese Bedürfnisse eingeht. Nicht das Baby muss lernen, ohne Windel zu sein, sondern die Eltern müssen lernen, darauf zu achten, was ihnen das Baby mitteilt. Die oft verwendeten Begriffe "Ausscheidungskommunikation" oder "Elimination Communication" deuten auf den Kommunikationsaspekt der windelfreien Erziehung hin. Windelfrei ist meist nur ein Element eines auf die Bedürfnisse des Babys ausgerichteten Lebensstils, weitere Elemente sind zum Beispiel das häufige Tragen oder das Schlafen im Elternbett.

Was aber bewegt Eltern dazu, es ohne Windel zu versuchen? Im Gespräch und auf Homepages zum Thema werden die folgenden Vorteile genannt:

  • Das Trockenwerden ist kein langwieriger Kampf, sondern entwickelt sich Schritt für Schritt, wenn das Kind grösser und selbständiger wird. Gewöhnlich sind windelfreie Kinder früher trocken, weil sie von Anfang an lernen, dass man sein Geschäft nicht überall und zu jeder Zeit verrichtet. Bettnässen, wenn das Kind grösser ist, kommt kaum vor.
  • Das Baby leidet nicht an Windelekzem und Wundsein. Auch Koliken sollen seltener vorkommen.
  • Wer kaum Wegwerfwindeln braucht, produziert weniger Abfall. Dies schont nicht nur die Umwelt, sondern auch das Familienbudget. 
  • Eltern, die beide Wege - mit Windel und ohne - ausprobiert haben, erleben ihre windelfreien Babys als selbstbewusster.
  • Die Beziehung zwischen Mutter und Baby wird noch enger und vertrauter.
  • Das Baby hat mehr Bewegungsfreiheit, da es nicht durch die Windel eingeschränkt wird.
  • Wenn sich der windelfreie Alltag eingespielt hat, ist es weniger zeitaufwändig, das Kind über dem Töpfchen abzuhalten, als es zu wickeln.

Trotz der Vorteile braucht es aber auch gewisse Voraussetzungen, damit der windelfreie Alltag zum Erfolg und nicht zum Krampf wird. Zuerst einmal brauchen Eltern die Grundeinstellung, dass man dem Baby etwas zutrauen darf und dass es kompetent ist, seine Bedürfnisse zu äussern. Es geht auch nicht ohne Gelassenheit, denn natürlich kann mal etwas daneben gehen. Wer davon überzeugt ist, dass der Weg ohne Windel der Beste ist, wird sich kaum daran stören, wer aber mit solchen Missgeschicken nicht umgehen kann, wird sich gestresst fühlen. Zwar berichten die meisten Familien, die ihren Alltag windelfrei gestalten, von positiven Erfahrungen, sie raten aber davon ab, die Sache verbissen durchziehen zu wollen, wenn man nach ersten Versuchen merkt, dass man dadurch nur gestresst ist.

Weitere Infos und Erfahrungsberichte zum Thema windelfrei finden Sie unter www.kleinerhomosapiens.ch.

Letzte Aktualisierung : 07-01-19, TV

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