Kommentar einer Userin zum Thema "Vegane Ernährung von Kindern"

Ganz naiv und interessiert habe ich mich über den swissmom-Artikel zur veganen Kinderernährung gefreut, dies mit dem Gedanken „endlich kommt es auch unters Volk“. Es ist wohl nicht nötig zu erwähnen, dass ich vom Inhalt des Artikels enttäuscht wurde. Im Kopf ein Gewitter, in den Fingerspitzen ein Kribbeln – aber was schreiben? Am gleichen Tag lese ich noch einen weiteren Artikel zum Thema vegane Ernährung in der Schwangerschaft, die – ratet mal – nicht möglich ist! Einen Moment lang zweifle ich an meiner psychischen Gesundheit und frage mich, wer dieser süsse, aufgestellte, gesunde Junge heute Morgen war, der neben mir aufgewacht ist. Bilde ich mir den nur ein? Da die Augenringe und der 3. Kaffee nicht Beweis genug sind, checke ich mal meine Geldbörse und entdecke sein süsses Bild auf der ID. Es geht mir gut. Nun kribbelt es aber noch viel mehr in den Fingern, die Frage "Was schreiben?" bleibt aber im Raum.

Der Zufall will es, dass ich am selben Tag auf einen weiteren traurigen Artikel stosse, Donald Watson sei im Alter von 94 Jahren gestorben. Der Name sagt mir vorerst nichts, aber kurze Recherchen ergeben folgendes: Donald Watson war einer der Vegan-Pioniere, er hat auch das Wort vegan von „vegetarian“ abgeleitet, um zu betonen, dass in dieser Ernährungsform auch auf Milch und Eier verzichtet wird. Er selbst wurde im Alter von 14 Jahren Vegetarier, hat sich also sage und schreibe 80 Jahre ohne Fleisch ernährt, davon nochmals gute 60 auch ohne andere tierische Produkte. Und nein, er wurde nicht 59 davon mit Maschinen am Leben erhalten, sondern war bis ins hohe Alter ein aktiver, gesunder Mensch.

Und nun gilt es, dem Kribbeln in den Finger ein Ende zu setzen. Ich fange so an:

Darf man Kinder vegan ernähren oder ist das verantwortungslos?

Ja, man darf – ICH darf und kann. Und ganz viele andere dürfen und können es auch. Es ist nicht verantwortungsloser, als ein Kind beim Fussgängerstreifen über die Strasse zu begleiten. Wer nicht rechts und links schaut und sich blind auf andere verlässt, der ist sehr wohl gefährdet. Wer aber die Verantwortung für die eigene Sicherheit und die Sicherheit der Kinder selbst in die Hand nimmt und die Regeln kennt, der darf sich auf der sicheren Seite sehen.
Je nachdem, wie eine Ernährung zusammengestellt und ausgeführt wird, kann sie gefährlich sein, selbst wenn sie Fleisch, Milch & Co. beinhaltet. Die brasilianischen Chicken Nuggets neben den Pommes mit Ketchup machen die Mahlzeit schliesslich weder gesünder noch ausgewogener. Dieses negative Attribut der veganen (Kinder-)Ernährung zuzuschreiben, ist meiner Meinung nach leider nicht richtig und hilft auch niemandem weiter. Es kommt mir so vor, als ob in einem Artikel über Skifahren für Kinder folgendes stehen würde: „Skifahren kann für Kinder gefährlich sein. Wer es nicht richtig beherrscht, geht das Risiko ein, Knochenbrüche und Hirnerschütterungen zu erleiden. Im schlimmsten Fall bleibt das Kind für immer und ewig gelähmt." Macht nicht wirklich Lust auf mehr, oder? Und doch ist es möglich, es zu lernen mit etwas Hilfe, um es dann mit der Zeit so gut zu beherrschen und mit Überzeugung auf den Brettern zu stehen. Genauso ist es mit der veganen Kinderernährung: richtig informieren und loslegen!

Die ADA – American Dietetic Association – heisst die vegane Ernährung in JEDER Lebensphase schliesslich auch gut, vorausgesetzt, sie sei gut geplant. Aber ganz ehrlich, gilt dies nicht für die Kinderernährung im Allgemeinen? Ich verlasse mich nun auf mein neu gewonnenes Wissen und auf meine Intuition, wenn es um die Ernährung meiner Familie geht und nur das fühlt sich richtig an.

Die Werbung - aber leider auch Ernährungsprofis, Ärzte und andere allwissende Mütter - schmeissen mit Nährstoffen um sich, so dass kaum eine Familie darum herum kommt zu zweifeln und sich zu sorgen, ob in ihrem Menu nun wirklich alle nötigen Nährstoffe in der richtigen Mengen vorhanden sind. Liest man dann noch die Empfehlungen, sieht man nur noch Zahlen und fragt sich am Ende: „Ist eine gesunde Ernährung überhaupt möglich?“.

Ich persönlich sah dies nie so eng, jetzt erst recht nicht. Ich habe mich eine Zeit lang detailliert mit der veganen Ernährung auseinandergesetzt und wage es zu sagen, ich sei ganz gut über sogenannte „kritische“ Nährstoffe informiert. Und dazu folgendes: Es ist nicht so schwarz wie es gemalt wird. Eisen zum Beispiel ist in ganz vielen pflanzlichen Lebensmitteln vorhanden, und wird es mit reichlich Vitamin C (in ganz vielen Gemüse- & Früchtesorten, die sich üblicherweise in grossen Mengen auf veganen Tellern befinden) kombiniert, wird es auch ganz leicht vom Körper aufgenommen. Lässt man dann noch die hemmenden Milchprodukte weg, kommt man auf eine sehr gute Eisenbilanz auch ohne Fleisch.

Ich mag nicht einzeln auf all die oft genannten Nährstoffe eingehen, obwohl ich überzeugt bin, dass manch einer staunen würde, wie einfach der Bedarf an diesen gedeckt werden kann, auch wenn auf tierliche Produkte verzichtet wird. Wer sich wirklich detailliert informieren möchte, dem empfehle ich diese Broschüre: Vegane Ernährung in Kindheit und Schwangerschaft

Einzig dieses Vitamin B12 ist mir ein wichtiges Anliegen, da ganz viele Menschen sofort damit um sich schiessen und die vegane Ernährung als unnatürlich abstempeln, bloss weil dieser eine Nährstoff schlecht oder gar nicht über die Pflanzen aufgenommen kann und oft sicherheitshalber zur Ergänzung geraten wird. Tja, leider ist ein B12-Mangel kein ausschliesslich veganes Problem – denn dieser wird bei ganz vielen Allesessern ebenfalls diagnostiziert. Veganer haben den Vorteil, besser informiert zu sein und können einem Mangel mittels Tabletten, Lutschbonbons, Tropfen oder auch angereicherter Zahnpasta vorbeugen. Grundsätzlich sind Spuren von B12 auf (Wild)kräutern und auf Gemüse und Früchten zu finden, welche auf gesundem Boden wachsen und nicht zu penibel gewaschen werden. Ob das reicht, muss jede Familie für sich herausfinden.

Beim B12 handelt es sich übrigens nicht um ein Vitamin, sondern um Mikroorganismen, die sich bei Menschen und Tieren im Dickdarm vermehren. Wie kommen aber pflanzenfressende Tiere zu ihrem B12? Ganz einfach: In der Natur lebende Tiere werden offensichtlich genügend damit versorgt, diejenigen aus der geschlossenen Massenhaltung bekommen angereichertes Futter. Somit wage ich es zu behaupten, dass auch omnivor essende Menschen dieses sogenannte Vitamin supplementieren, auch wenn dies über einen „Umweg“ geschieht. Ich empfinde also die Assoziation der veganen Ernährung mit Nahrungsergänzungsmitteln somit als sehr klischeehaft.

Nun, es bleibt dabei, dass die Vielfalt der Lebensmittel und deren günstige Zusammensetzung sorgfältig und sinnvoll kombiniert werden, damit die Ernährung im Allgemeinen sich gesund und ausgewogen nennen darf. Wir tun genau das und dies erübrigt sich bei einer omnivoren Ernährung auch nicht automatisch. Zugegebenermassen musste ich mich auch zuerst mit einigen neuen Lebensmitteln anfreunden, diese ausprobieren, Erfolge und Misserfolge beim Kochen erleben. Eine Umgewöhnung fand mit Sicherheit statt. Aber glauben Sie mir, meine Grossmutter würde an einem heute reichlich gedeckten Tisch vermutlich auch verhungern: Spaghetti mit Tomatensosse, Riz Casimir, Thai Curry, Fajitas, Frühlingsrollen und vieles andere würden nämlich keinesfalls ihren (ost)mitteleuropäischen Ernährungsgewohnheiten entsprechen. Unsere Generation ist auf der Welt zu Hause, was ist also verkehrt daran, Amaranth, Quinoa, Chiasamen, Tofu & Co. die Türen zu öffnen? Dies zu tun setzt ja zum Glück nicht voraus, Rösti und Älplermakronen komplett zu verbannen. Ich jedenfalls sehe diese Anpassung  und Erweiterung des Lebensmittelhorizontes als eine grosse Bereicherung.

Oft werden in der Kritik der veganen Ernährung Einzelfälle erwähnt, welche nicht an Mangelerscheinungen leiden und deren Kinder nicht in Spitälern behandelt werden und deren Leben nicht gerettet werden muss. Wer sind denn nun diese Einzelfälle?
Ich bin einer, meine Familie ist einer. Einige meiner Freunde, meiner nahen und fernen Bekannten sind ebenfalls solche Einzelfälle. Warum werden wir nicht als Beispiel dafür genommen, dass es möglich ist? Warum wird von Beginn an den Menschen der Mut genommen, es zu tun? Wenn tatsächlich jährlich Dutzende vegan ernährter Kinder wegen gravierender Mangelerscheinungen behandelt werden, dann ist dies kein Grund, die vegane Ernährung zu verteufeln, sondern ein Zeichen, dass nicht alle Menschen richtig aufgeklärt sind, bzw. Informationen aus idealistischen oder anderen Gründen nicht an sich herankommen lassen.

Deswegen geht die Tatsache leider auch nicht unter, dass die Anzahl omnivor ernährter Kinder, die wegen Mangelerscheinungen und anderer ernährungsbedingter Krankheiten  behandelt werden, prozentual weitaus höher sein müsste. Deshalb liegt es mir am Herzen, Eltern aufzuklären, egal für welche Lebens- und Ernährungsform sie sich entscheiden. Dies kann aber nur durch Fakten geschehen, die auf den Tisch gelegt werden und alle Möglichkeiten einer gesunden, abwechslungsreichen und ausgewogenen Ernährung aufzeigen.

Im Übrigen gehört Ernährung in meiner Familie zur Erziehung, genauso wie das Grüssen und das Danke-Sagen. Ich bestehe darauf, dass meine Kinder auf eine gerechte Art und Weise erfahren, wo ihr Essen herkommt und warum wir gewisse Lebensmittel ablehnen, andere dafür bevorzugen. Kinder sind wissbegierig und löchern uns Eltern mit Fragen. Auf die Frage wo die Babys herkommen, habe ich ihnen nicht die Geschichte vorm Storch erzählt und so finde ich es auch nicht richtig, ihnen zu verklickern, das Ferkel habe das Bein freiwillig hingehalten, Kühe würden uns ihre Milch schenken und den Hühnern gefalle es in diesen riesigen Eierfabriken. Ehrlichkeit ist gefragt, nur so können sie lernen und ihr Wissen auch anwenden. Es scheint mir nicht sinnvoll, Ihnen beizubringen, den Abfall nicht auf den Boden zu werfen, wenn ich andere Umweltaspekte vor ihnen verstecke. Nichts trägt nämlich so zur Umweltzerstörung bei wie die Massentierhaltung, sei es nun, weil die Wälder gerodet werden, damit mehr Platz für den Tierfutteranbau entsteht oder sei es, weil die Gülle der Tiere die Böden und die Gewässer verseucht.

Meine Kinder werden zu Hause vegan ernährt und erzogen, auswärts dürfen sie selbst entscheiden, ob sie das Angebotene nehmen oder nicht. Aber immerhin wissen sie, was es ist und aus welchem Grund ich es ablehne. Sie leiden nicht. Im Gegenteil: Sie sind gesund, überdurchschnittlich gross und normal entwickelt. Sie verfügen über ein enormes Wissen über Dinge auf dieser Welt, das andere vermutlich nie erreichen wird – Kinder, weil es ihnen niemand sagen will und Erwachsene, weil sie es nicht wissen wollen.

Vermissen wir nun etwas?

Nein, wir sind reicher denn je zuvor. Höchstens fehlt ab und zu mal eine liebe Person, die sich vermutlich wegen unserer Umstellung zurückgezogen hat, aber dies kommt oft vor im Leben. Andere Menschen – kritische, interessierte und gleichgesinnte bereichern nun unseren Alltag nebst allem anderen, das die Veränderung in unser Leben gebracht hat.

Zum Schluss füge ich nochmals hinzu: Aufklärung hilft, nicht Angstmacherei!

Liebe Grüsse aus der veganen Familienecke,
Slobodanka Stjepanovic Terzic mit ihrem Männerhaushalt (39 / 6 / 4 / 1) :-)

(Die swissmom-Redaktion dankt unserer Userin Slobodanka Stjepanovic Terzic für diesen konstruktiven Kommentar. Falls Sie Kontakt aufnehmen möchten: Die Mailadresse können Sie bei der Redaktion, info@remove-this.swissmom.ch erfragen.)

Letzte Aktualisierung : 13-11-15, BH