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Kind­li­cher Sprach­er­werb im drit­ten Le­bens­jahr

Vom Zwei­wort-Satz bis zum Er­zäh­len von klei­nen Ge­schich­ten: Auch nach dem zwei­ten Ge­burts­tag setzt sich die Sprach­ent­wick­lung in be­ein­dru­cken­dem Tem­po fort.

Kind erzählt seinen Teddybären ein Bilderbuch
©
GettyImages

Gast­bei­trag von Mi­chae­la Da­vi­son

Er­wei­te­rung der Spra­che


Mit zwei Jah­ren spricht Ihr Kind mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit schon eine gan­ze Men­ge Zwei-Wort-Sät­ze. Ty­pi­scher­wei­se wer­den da­bei No­men mit an­de­ren Wort­ar­ten ver­bun­den, wie zum Bei­spiel „Kat­ze da“, „Wau­wau bellt“, „Lea Ap­fel“, „Schog­gi ha­ben“. Im Lau­fe des drit­ten Le­bens­jah­res wer­den aus den Zwei­wort­sät­zen nach und nach län­ge­re Sät­ze. Ihr Kind be­ginnt nun auch, ein­fa­che Fra­gen und Aus­sa­ge­sät­ze zu for­mu­lie­ren. Ge­gen Ende des drit­ten Le­bens­jah­res kön­nen dar­aus län­ge­re Sät­ze ent­ste­hen wie: „Ich woll­te den Ball ho­len, aber er war weg.“

Wenn Ihr Kind nicht be­reits in den ver­gan­ge­nen 6 Mo­na­ten ei­nen Wort­schatz-Boom er­lebt hat, pas­siert dies mit Si­cher­heit jetzt. Tat­säch­lich ver­dop­pelt sich das Vo­ka­bu­lar Ih­res Kin­des so­gar. Am Ende des vier­ten Le­bens­jah­res ken­nen vie­le Kin­der zwi­schen 500-600 Wör­ter, man­che so­gar bis zu 1000. Im Lau­fe des drit­ten Le­bens­jah­res lernt Ihr Kind im Schnitt un­glaub­li­che 9 oder 10 Wör­ter am Tag! Wäh­rend der ge­sam­ten Pha­se kann Ihr Kind sich manch­mal an­hö­ren, als wür­de es stot­tern. Das kommt da­her, dass es ger­ne all sei­ne Er­fah­run­gen tei­len möch­te, be­vor die Sprach­kennt­nis­se dazu vor­han­den sind. Das ist völ­lig nor­mal. Zei­gen Sie Ih­rem Kind, dass Sie zu­hö­ren und ge­ben Sie ihm ge­nug Raum und Zeit, sich aus­zu­drü­cken.

Die Din­ge beim Na­men nen­nen

Bildliche Sprache verstehen Kinder in dem Alter noch nicht. Deshalb: Lieber konkret bleiben und die Dinge beim Namen nennen. Beispiel: "Der Hund ist gestorben" statt "Der Hund ist von uns gegangen".

Klein / gross, fröh­lich / trau­rig, oben / un­ten: Ver­ste­hen sprach­li­cher Kon­zep­te


Zwi­schen dem zwei­ten und drit­ten Le­bens­jahr be­ginnt Ihr Kind, Ide­en von Be­grif­fen zu ent­wi­ckeln. Sprach­wis­sen­schaft­ler spre­chen hier von Kon­zep­ten. Bei­spiels­wei­se lernt das Kind die Be­deu­tung von Ad­jek­ti­ven und Prä­po­si­tio­nen wie klein/gross, in/auf/un­ter, heu­te/mor­gen, ein/aus, gleich/an­ders, froh/trau­rig, voll/leer, laut/lei­se, alt/jung, hoch/run­ter, mehr/we­ni­ger, oben/un­ten, vor­ne/hin­ten. Schliess­lich lernt es auch, die­se ge­gen­ein­an­der zu kon­tras­tie­ren und Ver­glei­che zu bil­den: „Der Ap­fel ist grös­ser als die Man­da­ri­ne“. Es be­ginnt zu­dem, Fra­gen mit was?, wer?, wann?, war­um? und wo? zu bil­den und sie Ih­nen na­tür­lich zu stel­len!

Tipps zum Ein­üben sprach­li­cher Kon­zep­te:

  • Es­sens­zei­ten sind eine wun­der­vol­le Ge­le­gen­heit, um sprach­li­che Kon­zep­te zu ver­mit­teln, in­dem Sie bei­spiels­wei­se ge­mein­sam Le­bens­mit­tel be­nen­nen: Die Fisch­stäb­chen sind rau, das "Sto­cki" ist glatt und weich, der Jo­ghurt ist kalt

  • Vie­le Bü­cher, die für die­ses Al­ter vor­ge­se­hen sind, ver­mit­teln Kon­zep­te wie gross / klein oder fröh­lich / trau­rig. All­ge­mein sind Bü­cher na­tür­lich nach wie vor enorm wert­voll für den Sprach­er­werb und kom­men nie aus der Mode. 

  • Sam­meln Sie im All­tag und auf Spa­zier­gän­gen in der Na­tur Ob­jek­te und be­nen­nen Sie die­se.

  • Spie­len Sie "Ich sehe was, was du nicht siehst".

  • Ma­len und kne­ten Sie Din­ge, die dick oder dünn sind, Ge­sich­ter, die froh oder trau­rig aus­se­hen etc. 

  • Beim Ma­len ge­hen die Pin­sel rauf und run­ter, lang­sam und schnell, sie ma­len dün­ne und di­cke Strei­fen etc.

  • Spie­len und Auf­räu­men nach Ka­te­go­ri­en: Alle gros­sen Tie­re hier rein und alle klei­nen da." 

  • Bei je­der All­tags­ge­le­gen­heit er­gibt sich die Mög­lich­keit, sprach­li­che Kon­zep­te zu ver­mit­teln: "Oh, du hast ein grü­nes Kleid mit lan­gen Är­meln an mit ei­ner klei­nen, gel­ben Ente drauf!" "Wir wi­schen den schmut­zi­gen Tisch jetzt sau­ber." 

  • Le­gen Sie Ob­jek­te ne­ben­ein­an­der und ver­glei­chen Sie: gross, grös­ser, am gröss­ten.

  • In­vol­vie­ren Sie Ihr Kind in den All­tag, in dem Sie es al­ters­ent­spre­chend mit­hel­fen las­sen. Beim Auf­räu­men, Wa­schen, Ba­den, Wi­schen, Tisch­de­cken etc. lernt es au­to­ma­tisch, was bei­spiels­wei­se die Prä­po­si­tio­nen un­ter, über, auf be­deu­ten. Die ak­ti­ve Mit­ge­stal­tung des All­tags stärkt aus­ser­dem die Selbst­wirk­sam­keit Ih­res Kin­des. 

Er­wei­te­rung der Gram­ma­tik


Im Lau­fe des drit­ten Le­bens­jah­res rückt nun auch die Gram­ma­tik in den Vor­der­grund. Gram­ma­ti­sche Re­geln sind meist hoch­kom­plex, doch für das Ge­hirn Ih­res Kin­des ist es eine Leich­tig­keit, die­se zu ent­schlüs­seln. Ein drei­jäh­ri­ges Kind kennt nicht nur die Re­geln, son­dern ver­steht auch die Lo­gik da­hin­ter. 

Die gram­ma­ti­schen „Feh­ler“, die Kin­der in dem Al­ter ma­chen, sind pa­ra­do­xer­wei­se Hin­wei­se auf ein tie­fes gram­ma­ti­sches Ver­ständ­nis. Denn wenn ihr Kind bei­spiels­wei­se„ge­geht“ und „ge­schwimmt“ statt „ge­gan­gen“ und „ge­schwom­men“ sagt, wen­det es au­to­ma­tisch die „na­tür­li­che“ Re­gel re­gel­mäs­si­ger Verb­for­men an. Nur zu­fäl­li­ger­wei­se sind man­che Ver­ben un­re­gel­mäs­sig. Die­se so­ge­nann­te Über­ge­ne­ra­li­se­rung ist ein ganz nor­ma­ler Pro­zess im kind­li­chen Sprach­er­werb. Zwi­schen dem drit­ten und fünf­ten Le­bens­jahr re­gu­lie­ren die meis­ten Kin­der die­se Un­re­gel­mäs­sig­kei­ten selbst.

Ver­ba­le Ar­gu­men­ta­ti­on

Sie werden merken, wie viel einfacher die Verständigung mit Ihrem Kind wird und wie viel besser es mit sich verhandeln lässt. Es zeigt mehr und mehr seine wundervolle kleine Persönlichkeit und kann seine eigenen Ideen und Bedürfnisse immer besser mitteilen.

Merk­fä­hig­keit und Sprach­ver­ständ­nis


Eben­so wich­tig wie die Spra­che, die man hö­ren kann, sind die As­pek­te der Spra­che, die nicht so of­fen­sicht­lich sind. Denn um Wör­ter zu ver­ste­hen, be­vor ich sie sa­gen kann, sind Kon­zen­tra­ti­on, Merk­fä­hig­keit und Sprach­ver­ständ­nis not­wen­dig.

Tipps zur För­de­rung von Kon­zen­tra­ti­on, Merk­fä­hig­keit und Sprach­ver­ständ­nis:

  • Ge­sun­ge­ne Wör­ter prä­gen sich leich­ter ein und so ist ge­mein­sa­mes Sin­gen der Lieb­lings­lie­der - ne­ben all den an­de­ren schö­nen Ef­fek­ten - auch hier­für eine gute Übung.

  • Auch ge­mein­sa­mes Mu­si­zie­ren und das Ein­üben klei­ner Se­quen­zen auf In­stru­men­ten wie dem Tri­an­gel oder dem Tam­bu­rin sind sehr för­der­lich, El-Ki-Mu-Kur­se und ähn­li­che mu­si­ka­li­sche An­ge­bo­te für Klein­kin­der gibt zu­hauf.

  • Beim ge­mein­sa­men Ein­kau­fen kann sich Ihr Kind viel­leicht zwei oder drei Din­ge mer­ken, die Sie ein­kau­fen müs­sen.

  • Spie­le wie Me­mo­ry und al­ters­ge­rech­te Brett­spie­le eig­nen sich na­tür­lich auch her­vor­ra­gend, um die Merk­fä­hig­keit zu trai­nie­ren.

  • Spie­len Sie Schnit­zel­jagd, in­dem Sie un­ter­schied­li­che Ob­jek­te in der Woh­nung ver­ste­cken und das Kind die­se fin­den las­sen.

  • Spie­len Sie "Was fehlt?". Stel­len Sie dazu ei­ni­ge Ob­jek­te auf den Tisch, ent­fer­nen Sie - wäh­rend Ihr Kind sich die Au­gen zu­hält - ei­nes da­von und fra­gen Sie es dann nach dem feh­len­den Ob­jekt. 

  • Le­sen Sie ver­trau­te Ge­schich­ten vor und las­sen Sie Ihr Kind er­zäh­len, was als Nächs­tes pas­siert.

Fun Fact: Das Ge­hirn ei­nes Drei­jäh­ri­gen ist zwei­ein­halb Mal so ak­tiv wie das ei­nes Er­wach­se­nen! 

Ge­schich­ten er­zäh­len


Mit zu­neh­men­dem Vo­ka­bu­lar so­wie dem wach­sen­den Ver­ständ­nis für sprach­li­che Kon­zep­te und Gram­ma­tik ist Ihr Kind im­mer mehr in der Lage, sich auf si­tua­ti­ons­un­ab­hän­gi­ge Ob­jek­te zu be­zie­hen. Das heisst, es spricht nicht mehr nur vom Hier und Jetzt, son­dern kann sei­ner Fan­ta­sie zu­neh­mend frei­en Lauf las­sen. Es be­rich­tet nun auch von Din­gen, die es im Lau­fe des Ta­ges er­lebt hat und kann mit et­was Un­ter­stüt­zung so­gar schon kur­ze Ge­schich­ten er­zäh­len.

Tipps zum För­dern der er­zäh­le­ri­schen Fä­hig­kei­ten Ih­res Kin­des:

  • Zu­erst - und dann - zum Schluss: Um dem Kind bei der Struk­tu­rie­rung des Er­zähl­ten zu hel­fen, ver­su­chen Sie, ihm die­ses ein­fa­che Ge­schich­ten­for­mat zu ver­mit­teln.

  • Be­trach­ten Sie ge­mein­sam Fa­mi­li­en­fo­tos und spre­chen Sie über die Per­so­nen, Orte und Er­eig­nis­se auf den Bil­dern: Wer ist das? Wann war das? Was pas­sier­te da? 

  • Kin­der lie­ben Hand­pup­pen. Las­sen Sie Ihr Kind der Pup­pe er­zäh­len, was es den Tag über er­lebt hat. Oder spie­len Sie mit­hil­fe von Hand­pup­pen die Lieb­lings­ge­schich­te Ih­res Kin­des nach. 

  • Ko­chen Sie zu­sam­men und re­den Sie beim Es­sen dar­über, wie Sie die Mahl­zeit zu­be­rei­tet ha­ben. 

Ganz nor­mal - und un­glaub­lich nied­lich

Im Alter von zwei bis vier Jahren beginnt Ihr Kind, Geschichten immer konzentrierter zuzuhören und zu verfolgen. Ein Dreijähriges kann etwa 15 Minuten lang einer Geschichte lauschen und sogar eine einfache Geschichte nacherzählen. Viele Laute stimmen in diesem Alter noch nicht ganz und werden erst im Laufe der Zeit verfeinert. Das ist nicht nur ganz normal, sondern auch ganz entzückend. Manche dieser kleinen Versprecher sind so niedlich, dass man gar nicht mehr möchte, dass sie verschwinden.

Bis zum Ende des drit­ten Le­bens­jah­res kann Ihr Kind ...


  • sich ein­fa­che Ge­schich­ten mit Bil­dern mer­ken.

  • ein­fa­che An­wei­sun­gen und Fra­gen ver­ste­hen, wie z. B. "Wirf den Ball zu mir" oder "Wo sind dei­ne Schu­he?".

  • bis zu 300 Wör­ter ver­wen­den.

  • vier oder fünf Wör­ter zu kur­zen Sät­zen zu­sam­men­fü­gen, z. B. "Ich will mehr Was­ser" oder "Sie hat mei­nen Bag­ger". 

  • ein­fa­che Wer?-, Was?- und Wo?-Fra­gen ver­ste­hen und stel­len. Es ist sehr wiss­be­gie­rig und möch­te wis­sen, wie die Din­ge heis­sen und mög­lichst vie­le neue Wör­ter ler­nen. 

  • Ver­ben und No­men be­nut­zen.

  • ein­fa­che Plu­ral­for­men bil­den. Auch hier wird an­fangs über­ge­ne­ra­li­siert.

  • eine grös­se­re Band­brei­te von Sprech­lau­ten be­nut­zen. Man­che Kin­der kür­zen Wör­ter (z. B. Nane statt Ba­na­ne). Oft­mals zei­gen sich in die­sem Al­ter zu­dem noch an den Stel­len Schwie­rig­kei­ten, wo in Wör­tern vie­le ver­schie­de­ne Lau­te zu­sam­men­kom­men. Das Kind sagt dann bei­spiels­wei­se Schka­bet­ti statt Spa­ghet­ti.

  • sprach­li­che Kon­zep­te ver­ste­hen und an­wen­den.

  • sei­ne gram­ma­ti­schen Fä­hig­kei­ten aus­bau­en und ver­tie­fen (Wort- und Satz­struk­tur).

  • sein Merk- und Sprach­ver­ständ­nis wei­ter­ent­wi­ckeln. 

  • Pro­no­men wie ich, mein, mich, du, er, sie ver­wen­den.

  • Ne­ga­tio­nen wie nein und nicht ver­wen­den.

  • da­mit be­gin­nen, die Ver­gan­gen­heits­form von Ver­ben zu bil­den.

Zur Per­son

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Michaela Davison ist Lektorin und Mutter dreier Kinder. Sie wohnt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. Zwar liest sie gern die Texte anderer, schreibt selbst aber auch leidenschaftlich gerne. Vor allem übers Elternsein. Weitere Infos unter Leselupe.ch

Letzte Aktualisierung: 02.05.2022, Michaela Davison, TV

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