Das "Nein" in der Erziehung

Das "Nein" in der Erziehung

Viel Liebe und das Gefühl der Geborgenheit sind die wichtigsten Voraussetzungen, dass ein Kind sich wohl fühlt und Erziehungsarbeit gelingen kann. Im alltäglichen Zusammenleben mit den Kleinen sind Eltern aber sehr oft mit Situationen konfrontiert, die bewusstes und konsequentes Verhalten erfordern. Ein konsequenter Erziehungsstil ist der Mittelweg zwischen Strenge und autoritärem Verhalten einerseits und der nachgebenden und verwöhnenden Erziehung andererseits.

Für Kinder eindeutige und nachvollziehbare Verhaltensweisen zu zeigen, die sich nicht von heute auf morgen ändern und nach Lust und Laune und Tagesform so oder anders ausfallen; konkrete, verständliche Regeln und Forderungen, die eingehalten werden müssen; Grenzen zu setzen, die klar benannt werden:  das alles zeichnet die elterliche Konsequenz im Umgang mit ihren Kindern aus. Etwas, was heute verboten ist, sollte nicht morgen erlaubt sein und umgekehrt, nur weil es gerade bequem ist und Mutter und Vater ihre Ruhe wollen.

Eine konsequente Erziehung fängt nicht erst im Kindesalter an. Schon krabbelnden Babys, die alle Ecken des Hauses erkunden,  sich überall hochziehen, alles in den Mund stecken und alles Mögliche ausräumen, brauchen Grenzen, welche ihnen als Orientierungshilfe im Leben dient.

Ein nicht erlaubtes Benehmen sollte Konsequenzen haben, die dem Kind mitgeteilt werden und die dann auch angewendet werden. Wenn in Aussicht gestellt wird, dass es alleine in der Küche essen muss, wenn es weiterhin am Familientisch stört, so werden die Eltern es hinaus schicken, sollte es sein Verhalten nicht ändern. Hat ein Kind sich nicht an die Regeln gehalten und Verbote missachtet, muss es die Konsequenzen spüren und merken, dass es für sein Verhalten die Verantwortung übernehmen muss. Immer wieder zu drohen und dann doch nicht zu handeln, wird Kinder zuerst verunsichern und dann dazu verleiten, Verbotenes trotzdem zu tun.

Indem man auch schon ganz kleinen Kinder konsequent seine Grenzen aufzeigt, schränken Sie es nicht in ihrer Möglichkeit ein, die Welt zu erkunden, sondern geben ihm sichere Leitplanken für seine Erkundungstour. Wenn ein Baby z.B. nicht an die Kabel hinter dem Fernseher darf, oder keine Hydrobällchen in den Mund stecken darf, sollte es dort konsequent weggeholt werden, und zwar verlässlich und wenn es sein muss immer wieder. Zeigen Sie ihrem Kind aber, was es stattdessen tun darf.

Wichtig ist uneingeschränktes Gehorsam vor allem dort, wo andernfalls die Gesundheit der Kleinen gefährdet wäre, z.B. im Strassenverkehr. Auch auf die Bedürfnisse der Eltern und anderer Familienmitglieder muss ein Kind lernen, Rücksicht zu nehmen.

Rituale helfen vor allem den Kleinen, bestimmte Verhaltensweisen einzuüben: regelmässige Zeiten und ein bestimmter Ablauf beim Zubettgehen, gemeinsame Mahlzeiten, bei denen gute Tischsitten vorgelebt und gefordert werden sind z.B. Gelegenheiten, Konstanz und Ruhe in den Alltag zu bringen.

Ein Kind braucht verlässliche Eltern, denen es vertrauen kann, doch häufig wechselnde Reaktionen erschüttern dieses Vertrauen und Kinder wissen nach einiger Zeit gar nicht mehr, woran sie sind. Sie sind verwirrt und es fehlt ihnen der verlässliche Rahmen, an dem sie sich orientieren können. So kann es dazu kommen, dass sie die Wünsche und Forderungen der Eltern bald nicht mehr ernst nehmen und kaum darauf reagieren. Das Einhalten von Regeln und Verboten, die die Eltern als wichtig und richtig erkannt haben, sollte möglichst durch ruhiges, aber bestimmtes Verhalten durchgesetzt werden.

Eltern haben nicht nur das Recht, sondern die  Pflicht zur Erziehung  und sie erweisen der gesunden Entwicklung ihres Kindes keinen Gefallen, wenn sie 

  • alle Wünsche erfüllen
  • sich schlechtes und respektloses Benehmen gefallen lassen
  • den Kindern nicht beibringen, auf Bedürfnisse anderer Rücksicht zu nehmen
  • heute nachgeben und morgen in ähnlicher Situation wütend werden
  • häufig aggressiv und unbeherrscht reagieren
  • unsicheres Verhalten zeigen und sich oft auf endlose Debatten einlassen
  • Kinder mit Drohungen verunsichern und unter Druck setzen
  • zu enge, unangebrachte  und nicht altersgemässe Grenzen setzen
  • von Kindern ein bestimmtes Verhalten fordern, das sie selbst nicht vorleben. 

Eltern, die sinnvolle Regeln aufgestellt haben

  • erklären ihren Kindern, warum sie sich daran zu halten haben
  • lassen  sich auch nicht durch Geschrei und Quengeln vom erwarteten Gehorsam abbringen
  • erwarten Respekt, respektieren aber auch die Persönlichkeit des Kindes
  • geben klare, aber nicht aggressive Anweisungen
  • haben keine Angst vor Konflikten
  • sind trotz aller Festigkeit in der Lage, Flexibilität und Ausnahmen zuzulassen, wenn es die Situation erfordert
  • haben den Mut, Grenzen und Regeln anzupassen und zu verhandeln, wenn die Kinder älter werden
  • loben oder belohnen positives Verhalten
  • zeigen dem Kind immer wieder Zuneigung und Wärme.

Grenzen zu setzen in der Erziehung wird heute von Pädagogen und Kinderpsychologen ganz klar gefordert. Für Eltern bedeutet diese Forderung aber zuerst einmal, sich selber über diese Grenzen im Klaren zu werden. Was wollen wir erreichen mit unserer Erziehung, welches Verhalten unseres Kindes ist uns wichtig und wie können wir das am besten durchsetzen?  Es wird vorkommen, dass Mutter und Vater nicht in allen Erziehungsbelangen die gleiche Meinung vertreten. Oft haben sie in ihrer eigenen Kindheit unterschiedliche Erfahrungen gemacht, sind mehr oder weniger streng erzogen worden und wollen bestimmtes Verhalten bei ihren eigenen Kindern durchsetzen. Hier ist es unerlässlich, dass die Eltern versuchen, sich wenigstens in wesentlichen Punkten zu einigen. Wenn einer "nein" sagt, sollte der andere dieses nicht vor dem Kind umstossen und dem Partner damit in den Rücken fallen. Manchmal ist es nötig, eine andere Sichtweise einfach zu respektieren oder immer wieder neu zu diskutieren.

Die Klarheit eines "Nein" und  verlässliche Regeln bedeuten aber nicht, die Freiräume für die Kinder ständig einzuschränken und niemals die kleinste Ausnahme zuzulassen. Das wäre unmenschliche Sturheit, die im täglichen lebendigen Miteinander auch wohl nicht wünschenswert sein kann. Konsequente Erziehung meint auch nicht Schimpfen und Strafen, wodurch zwar unerwünschtes Verhalten für den Moment gestoppt werden kann, gleichzeitig das Klima  und die Stimmung in der Familie beeinträchtigt und verdorben wird. Auch psychische und physische Gewalt als Antwort auf Ungehorsam sind in keinem Fall eine angemessene Reaktion.

Menschliche Wärme, liebevolle Zuwendung und einsehbare Regeln, die möglichst ruhig, aber bestimmt durchgesetzt werden und dabei die Persönlichkeit des Kindes und seine Bedürfnisse  respektieren, bringen wohl am ehesten glückliche und zufriedene Kinder.

Letzte Aktualisierung : 05.2016, JL

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